Bühler Stadtfriedhof: Schmuck ist nicht erwünscht

Bühl/Baden-Baden (BNN) – Fassungslosigkeit bei Angehörigen: Die Dekorationen auf Urnengräbern auf dem Bühler Stadtfriedhof sorgen für Diskussionen.Persönliche Beigaben hat die Verwaltung abgeräumt.

 An einer Stelle: Auf der Grabplatte im Hintergrund wurden alle privaten Beigaben zusammen getragen. Das gefällt nicht jedem. Foto: Hermann Seiler

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An einer Stelle: Auf der Grabplatte im Hintergrund wurden alle privaten Beigaben zusammen getragen. Das gefällt nicht jedem. Foto: Hermann Seiler

Laternen, Blumenschmuck, Engelchen: Sie haben für ein bisschen Individualität auf dem Pflanzenurnenwahlgrab auf dem Bühler Stadtfriedhof gesorgt. Doch nun hat die Stadtverwaltung die kleinen, persönlichen Grabbeigaben abräumen lassen. Bei einigen Angehörigen ist die Verwunderung groß. Engelchen und Co. stehen inzwischen gesammelt auf einer Platte. Die Geschichte bewegt die Menschen, auf der Facebookseite „Bühler für Bühl“ wird heftig debattiert.

Heidi Semsei hat die Diskussion angestoßen, einen berührenden Betrag im sozialen Netzwerk verfasst, es handelt sich um das Grab ihres Enkels. „Es ist nur traurig... Laut Bühler Friedhofsverordnung dürfen Angehörige für die Verstorbenen keine Blumen mehr auf die Platte stellen. Alle Platten wurden und werden von den Gärtnern leer geräumt.“ Die Redaktion nahm Kontakt mit der Bühlerin auf, sie war zu einem Gespräch bereit.

Semsei lenkt das Augenmerk auch auf potenzielle Wissenslücken. Denn nicht jeder, der das Grab eines Verstorbenen aufsucht, kennt den kompletten Inhalt der sogenannten Gebührenübernahmeerklärung, die der Nutzungsberechtigte unterschreibt. Ihr Enkel sei sehr beliebt gewesen, hatte eine großen Freundes- und Bekanntenkreis. Da bringt zu einem besonderen Datum auch mal spontan jemand eine Blume oder eine Kerze ans Grab. Doch das sei bei Pflanzenurnenwahlgräbern wie bei Rasenurnengräbern und Baumurnenwahlgräbern nicht erlaubt, verdeutlichen Gabriele Pfefferle, bei der Stadt Bühl zuständig für das Friedhofswesen und Barbara Thévenot, Leiterin der Abteilung Stadtentwicklung.

„Eine individuelle Grabpflege ist nicht möglich“, besagt der Hinweis in der Nutzungsvereinbarung, ebenso sei es nicht gestattet, zusätzliche Gedenksteine oder Kerzen aufzustellen oder Anpflanzungen vorzunehmen. Lange tolerierte die Verwaltung die persönlichen Beigaben, „inzwischen nimmt es überhand“. Deshalb handelte die Kommune, die Grabplatten wurden abgeräumt, die Beigaben auf einer zentralen, dafür vorgesehenen Stelle gesammelt.

Regeln gibt es auch in anderen Kommunen

Ein spezieller Bühler Sachverhalt? In Bühlertal hat die Kommune die Erfahrung gemacht, dass die Leute sich in der Regel an die Vorgaben halten, heißt es auf Anfrage aus dem Rathaus. Ein bisschen Individualität darf auf den gärtnergepflegten Urnengrabfeldern dort sein: Bis 14 Tage nach der Beisetzung können Blumen und Co. stehen bleiben, danach müssen sie weg. Das werde auch so kommuniziert. In anderen Kommunen sind es bis zu vier Wochen.

In der Facebook-Gruppe „Bühler für Bühl“ verläuft die Diskussion differenziert. „Ich finde es in Ordnung. Wenn man die Wahl hat zwischen einem schmückbaren Grab und einer schlichten Platte und man sich für Letzteres entscheidet, dann braucht man auch nicht einfordern, mehr zu dürfen als gekauft“, schreibt eine Kommentatorin, und macht sich damit nicht nur Freunde. Andere äußern Unverständnis oder Trauer, finden es einfach nur „frech“, betonen, die Bodendecker würden ja nicht in Mitleidenschaft gezogen, wenn man etwas auf die eigene Grabplatte stelle. Es wird auch mangelnde Empathie bei den Verantwortlichen beklagt.

„Das Engelchen stört in der Regel nicht“, sagt Frank Geyer, nimmt der zusätzliche Schmuck aber überhand, hört das Verständnis auf. Bei größeren Pflegemaßnahmen räumt schon mal der Friedhofsgärtner ab und packt Grablichter und Co. in Kisten, so der Leiter des Fachgebiets Friedhof der Baden-Badener Stadtverwaltung. Auch in der Kurstadt gelten Regeln für jede Bestattungsform. Wer sich für ein „pflegefreies“ Grab entscheide, das vom Friedhofsgärtner betreut wird, unterschreibt, dass individuelle Grabpflege nicht vorgesehen ist. Da spielt dann die Psychologie mit hinein. „Nicht jeder weiß, wie es ihm nachher damit geht“, sagt Geyer mit Blick auf die Angehörigen.

In Bühl hat die Verwaltung im Bereich der Neuen Einsegnungshalle reagiert, Schilder weisen nun drauf hin, dass auf den dortigen „pflegefreien“ Gräbern keine individuellen Beigaben erlaubt sind. Und bei Rasengräbern hat Heidi Semsei ja Verständnis, da müsse gemäht werden. Aber bei den Pflanzenurnenwahlgräbern? Für Semsei jedenfalls scheint das letzte Wort noch nicht gesprochen. Sie will eine Unterschriftenaktion für die Grabbeigaben starten – was Resonanz in der Gruppe findet.

„Trotz allem eindeutig“

Jörg Seiler kommentiert: Unsere Gesellschaft befindet sich derzeit in einem gewaltigen Umbruch. War für die meisten Europäer mit einem christlichen Hintergrund vor 25, 30 oder 40 Jahren eine Erdbestattung mit Sarg die Norm, gibt es inzwischen viele Alternativen. Immer mehr Menschen wünschen sich inzwischen eine Urnenbestattung. Auf vielen Friedhöfen, so auch in Bühl oder Baden-Baden, liegt der Anteil bei gut 50 Prozent. Und immer mehr Menschen überlassen die Pflege der Grabstätte dann einem Gärtner. Es ist ein Zeichen der mobilen Gesellschaft. Geburtsort bedeutet in unseren Tagen nicht unbedingt späterer Arbeitsort, Wohnort ist heute oft nicht gleich Sterbeort. Mit einem gewissen Anfahrtsweg wird eine ordentliche Grabpflege sehr schwer, wenn nicht unmöglich.

Die Friedhofsträger, sprich in der Regel die Kommunen, haben auf die neue, mobile Gesellschaft reagiert, machen maßgeschneiderte Angebote. Was nicht ausgeblendet werden darf, ein Friedhof ist ein Wirtschaftsbetrieb. Gleichwohl bleibt er ein emotionaler Ort, vor allem für die Menschen, die völlig unerwartet ein geliebtes Familienmitglied verloren haben, einen geschätzten Freund. Da kann der Friedhof bei der Trauer helfen, zu einem Ort des Innehaltens, des Nachdenkens, des Andenkens werden. Dass Angehörige, Freunde oder Bekannte das gern mit einem kleinen Zeichen wie einer Kerze, einer Blume oder einer anderen Grabbeigabe dokumentieren, versteht sich von selbst. Dass allerdings, je nach Bestattungsform, eine individuelle Grabgestaltung nicht möglich ist, das unterschreibt der Nutzungsberechtigte eben auch. Es ist ein Zeichen einer funktionierenden Demokratie, dass wir diese Vorgaben, diese Regeln hinterfragen dürfen. Das ändert aber nichts daran, dass sie eindeutig sind.

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Ihr Autor

BNN-Redakteur Jörg Seiler

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Erstellt:
6. Mai 2022, 18:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 57sec

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