Diskussion um Gebäude-Dämmstoff Polystyrol

Bühl (BNN) – Jüngste Brände an größeren Wohnkomplexen haben die Diskussion über Gebäude-Dämmstoffe entfacht. Im Fokus steht dabei Polystyrol, dessen Brennbarkeit laut Experten eine Gefahr bedeutet.

Risiko gedämmte Fassade: Am 9. Februar brach in einem Mehrfamilienhaus An der Ludwigsfeste in Rastatt Feuer aus. Die Feuerwehr hatte den Brand relativ schnell unter Kontrolle. Foto: Markus Langer

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Risiko gedämmte Fassade: Am 9. Februar brach in einem Mehrfamilienhaus An der Ludwigsfeste in Rastatt Feuer aus. Die Feuerwehr hatte den Brand relativ schnell unter Kontrolle. Foto: Markus Langer

Der verheerende Brand in einer großen Wohnanlage in Essen im Februar hat wieder einmal zur Diskussion über Gebäudedämmung geführt. Das Inferno hat das erst sieben Jahre alte Gebäude in eine einsturzgefährdete Ruine verwandelt. Die Untersuchungen laufen noch. In Rastatt brannte am 9. März ein ebenfalls gedämmtes Mehrfamilienhaus. Alle Bewohner mussten evakuiert werden. In der Kritik steht Polystyrol, das vor allem unter dem Handelsnamen Styropor bekannt und ein preiswerter Dämmstoff ist. Doch wie gefährlich ist der Kunststoff?

Die Feuerwehren kennen das Problem. „Es wird bereits seit mehr als zehn Jahren diskutiert“, berichtet René Hundert, Kommandant der Feuerwehr Rastatt. „Aus meiner Sicht stellen Wärmedämmverbundsysteme eine hohe Anforderung an die Kollegen. Sie sind aber keine unlösbare Aufgabe. Wir müssen uns dem stellen.“

Ein Wärmedämmverbundsystem hält dem Feuer nur eine gewisse Zeit stand. Damit es zur Katastrophe kommt, müssen nach Auskunft von Hundert verschiedene ungünstige Rahmenbedingungen zusammenkommen. Dazu gehört das Wetter, beispielsweise in Form von Wind. Hundert verweist auf den Brand in Rastatt am 9.März, bei dem fünf Menschen verletzt wurden. Ein Brandriegel im Wärmeverbundsystem oberhalb des ersten Geschosses verhinderte Schlimmeres. „Natürlich kommt es auf die Intensität des Feuers an, ob ein Brandriegel hält“, meint Hundert. „Wärmedämmverbundsysteme haben für die Feuerwehr in Rastatt noch zu keiner Einsatzhäufung geführt. Wesentlich für die Feuerwehren ist eine entsprechende Fortbildung. Wir drängen aber auch auf eine hochwertige Ausführung der Arbeiten durch das Bauhandwerk.“

Fassadenbrände meist schnell im Griff

Auch Günter Dußmann, Kommandant der Feuerwehr Bühl, sieht keinen neuen Schwerpunkt durch gedämmte Fassaden. In seiner langen Laufbahn hat er bisher zwei schwere Brände dieser Art erlebt. Bei einem griff das Feuer von einem brennenden Auto auf die Fassade über. „Der Schaden am Gebäude war deutlich höher als der am Fahrzeug“, erinnert sich Dußmann. Das Risiko, das von gedämmten Fassaden ausgeht, ist für den Bühler Kommandanten ein Grund, dass seine Leute bei jedem Gebäudebrand routinemäßig mit der Drehleiter ausrücken. „In den allermeisten Fällen bekommen wir einen Fassadenbrand schnell in den Griff“, berichtet er. Hausbesitzern empfiehlt er, keine brennbaren Gegenstände wie Mülleimer in der Nähe von gedämmten Fassaden aufzustellen.

„In den vergangenen Jahren hat es nach unserer Kenntnis in Baden-Baden keinen Brand gegeben, bei dem die Dämmung der Fassade eine wesentliche Rolle gespielt hat“, berichtet der kurstädtische Pressesprecher Roland Seiter. Es sei allerdings bereits vorgekommen, dass das Feuer auf die Fassade übergesprungen sei. Dies habe die Feuerwehr aber immer relativ schnell in den Griff bekommen.

„Brennbarkeit grundsätzlich eine Gefahr“

Das Thema ist im wahrsten Sinne des Wortes ein heißes Eisen. Baustoffexperten wollten sich auf Anfrage dieser Zeitung nicht zu möglichen Gefahren äußern. Frank Dehn, Professor für Baustoffkunde am KIT, teilte mit, er sei „kein Dämmstoff-Spezialist, geschweige denn ein Spezialist für das Brandverhalten von Dämmstoffen“. Dehn verwies an die Gesellschaft für Materialforschung und Prüfungsanstalt für das Bauwesen (MFPA) in Leipzig. Deren Geschäftsführer Jörg Schmidt teilte per E-Mail mit: „Da unsere Prüfungen ausschließlich auf normativer Basis erfolgen und die finale Bewertung zur Anwendbarkeit nach deutschem Baurecht anschließend klar über Normen geregelt ist beziehungsweise durch die zentrale nationale Zulassungsstelle final entschieden wird, möchten wir keine persönliche Meinung zu diesem Thema äußern.“ Auch die Architektenkammer Baden-Württemberg bot auf Nachfrage nur ein Hintergrundgespräch an.

Klare Worte findet hingegen Urban Knapp, Vorsitzender der Kreisgruppe Baden-Baden/ Rastatt/Ortenaukreis des Bundes Deutscher Architekten (BDA). „Die Brennbarkeit von Polystyrol bedeutet grundsätzlich eine Gefahr“, sagt er. Es gebe Regeln für Fassadendämmungen wie den Einbau von Brandriegeln. „Aber irgendwann springt der Funke über“, warnt Knapp. „Im Grunde lebt man in einem mit Polystyrol gedämmten Haus wie in einer Plastiktüte. Bei einem Neubau erreicht man eine gute Dämmung auch mit einem entsprechenden Mauerwerk. Will man ein Bestandsgebäude ertüchtigen, muss man es objektbezogen betrachten, und man kann die Ertüchtigung auch in Etappen angehen, zunächst Dach und Fenster und gegebenenfalls zuletzt die Fassade. Für die Außendämmung gibt es alternativ mineralische Dämmmaterialien. Die große Styroporsanierung in Sachen Dämmung ist keine gute Entwicklung, es empfiehlt sich, bei der Sanierung frühzeitig einen guten Architekten und idealerweise auch einen Bauphysiker einzubinden.“

Polystyrol und Wärmeverbundsystem

Aus Erdöl: Polystyrol ist ein erdölbasierter Kunststoff, der in zahlreichen Bereichen eingesetzt wird. Am bekanntesten ist Styropor, das 1951 von BASF auf den Markt gebracht wurde. Wegen seiner hervorragenden Dämmeigenschaften und des günstigen Preises wird Polystyrol gerne im Bauwesen eingesetzt. Vor allem bei der Dämmung von Bestandsgebäuden kommt Polystyrol in Zusammenhang mit Wärmedämm-Verbundsystemen (WDVS) häufig zum Einsatz. Die Außenhaut des Gebäudes bildet letztendlich eine Putzfassade.

Feuergefahr: In der Kritik steht das Brandverhalten von Polystyrol. Bei Temperaturen über 100 Grad Celsius erweicht es und bildet Tropfen, die schließlich Feuer fangen. Dadurch kann sich ein Fassadenbrand leicht ausdehnen.

Viele Tote: Die größte Katastrophe war der Brand des Grenfell Tower in London, der im Juni 2017 insgesamt 72 Todesopfer, forderte. Die neue wärmegedämmte vorgehängte hinterlüftete Fassade stand innerhalb weniger Minuten in Flammen.

Gefährliche Streiche: 2011 steckten Jugendliche in Delmenhorst (Niedersachsen) eine Mülltonne in Brand. Das Feuer griff auf gedämmte Fassaden über. Schließlich standen fünf Häuser standen in Flammen.

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Ihr Autor

BNN-Redakteur Ulrich Coenen

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Erstellt:
29. März 2022, 10:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 50sec

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