Dohmann: „Für nichts trainiert“

Baden-Baden (ket) – Wie viele andere Sportler hat Carl Dohmann unter den Folgen der Corona-Krise zu leiden. Im BT-Interview berichtet der Weltklasse-Geher aus Baden-Baden wie er damit umgeht und ob er noch mit der Ausrichtung von Olympia in Tokio rechnet.

„Eine komplette Absage der Olympischen Spiele würde ich nach wie vor für ein Fiasko halten“: Carl Dohmann.

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„Eine komplette Absage der Olympischen Spiele würde ich nach wie vor für ein Fiasko halten“: Carl Dohmann.

Eigentlich wollte Carl Dohmann heute aus seinem Trainingslager in Südafrika nach Deutschland zurückfliegen, um am Samstag in der Slowakei sein erstes Rennen über 50 Kilometer zu bestreiten. Zumindest aus Letzterem wird nichts. Die Ausbreitung des Coronavirus hat dem für den SCL Heel Baden-Baden startenden Weltklasse-Geher einen Strich durch die Rechnung gemacht, schließlich fallen auch in der Leichtathletik alle Wettkämpfe bis auf Weiteres aus. Wie der 29-Jährige damit umgeht, wie er die weitere Saison plant und ob er noch mit der Ausrichtung der Olympischen Spiele im Sommer in Tokio rechnet, verriet er im Interview mit BT-Redakteur Frank Ketterer.

BT: Herr Dohmann, die in diesen Zeiten mit Abstand wichtigste Frage: Wie geht es Ihnen?

Carl Dohmann: Körperlich geht es mir gut. Ich bin in guter Form. Mental ist das ein bisschen anders. Ich will nicht sagen, dass es mir so richtig schlecht geht, aber diese Ungewissheit, also dass man nicht weiß, wie es weitergeht, das nagt schon an einem. Im Grunde genommen hat man erstmal für nichts trainiert.

BT: Sie befinden sich seit über drei Wochen im Trainingslager in Südafrika. Wie sehr ist die Corona-Krise dort Thema?

Dohmann: Bis Anfang der Woche noch nicht so sehr. Da haben wir Corona lediglich durch die Schlagzeilen in Deutschland mitbekommen. Aber in den letzten Tagen ging es auch hier los.

BT: Welche Vorsichtsmaßnahmen haben Sie und Ihre Kaderkollegen getroffen?

Dohmann: Wir haben ganz normal auf die Hygiene und unsere Gesundheit geachtet. Im Trainingslager ist das eh immer ein größeres Thema als normalerweise, weil man nunmal die ganze Zeit miteinander zu tun hat. Spezifische Maßnahmen wegen Corona aber waren nicht notwendig, weil das Virus wie gesagt hier noch nicht so präsent war. Die Gefahr, sich anzustecken, war zumindest bislang sehr gering.

BT: Wie haben Sie die vergangenen Wochen verbracht? Wie sah das Training aus?

Dohmann: Wir sind am 24. Februar angereist und wollten an diesem Samstag eigentlich einen Wettkampf über 50 Kilometer in der Slowakei absolvieren. Deshalb haben wir bis zum Trainingslager sehr viel trainiert und im Trainingslager vor allem darauf geachtet, dass wir den Höheneffekt mitnehmen, aber möglichst ausgeruht in den Wettkampf gehen können. Vor einer Woche stand noch ein Test über 25 Kilometer auf dem Programm, der auch sehr gut lief. Danach haben wir nur noch mit mehr oder weniger halber Kraft trainiert, um uns regenerieren zu können.

BT: Mittlerweile wurden alle leichtathletischen Wettkämpfe bis auf Weiteres abgesagt. Wann haben sie davon erfahren und wie haben Sie diese Entscheidung aufgenommen?

Dohmann: Montag vor einer Woche, also kurz nach unserem Test, wurde uns gesagt, dass der Wettkampf in der Slowakei abgesagt wurde. Es sollte dann ein Ersatzwettkampf einen Tag später in Tschechien stattfinden mit möglichst wenig Teilnehmern, aber auch der wurde abgesagt, ebenso wie ein Wettkampf in Frankreich, den wir noch ins Auge gefasst hatten. Damit war seit Freitag klar, dass wir erstmal und bis auf Weiteres keinen Wettkampf haben werden.

„Die Krise wird ja nicht morgen aufhören“

BT: Wie wirkt sich das auf die Trainingsmoral aus?

Dohmann: Die Motivation war auf einen Schlag weg. Man weiß ja plötzlich nicht mehr, für was man trainiert, also für welchen Wettkampf. Gerade wenn es im Training hart wird und ans Eingemachte geht, merkt man, dass einem der letzte Biss fehlt. Hinzu kommt, dass wir verschiedene Situationen im Kader haben. Manche haben die Olympia-Norm bereits in der Tasche. Für die ist das alles erstmal nicht so dramatisch, außer wenn die Spiele verschoben würden, denn dann zählt die Norm nicht mehr. Andere hingegen müssen die Norm erst noch liefern. Wenn es aber keine Wettkämpfe gibt, können sie sich auch nicht qualifizieren.

BT: Wie ist es bei Ihnen?

Dohmann: Ich bin durch meinen siebten Platz bei der WM mit einem Bein in Tokio dabei, müsste aber eigentlich, um ganz sicher zu gehen, noch die Normzeit von 3:50 Stunden nachliefern. Deswegen könnte auch ich noch rausgekickt werden, wovon ich allerdings nicht wirklich ausgehe.

BT: Noch hält das IOC an der Ausrichtung der Olympischen Spiele in Tokio fest. Glauben Sie, dass die Spiele stattfinden?

Dohmann: Das ist schwer zu sagen. Vor einer Woche war ich mir noch relativ sicher, dass die Spiele stattfinden werden. Inzwischen bin ich da anderer Meinung. Ich kann mir im Moment einfach nicht vorstellen, wie das gehen soll, wie Spiele stattfinden sollen. Die Corona-Krise wird ja nicht morgen aufhören, sondern noch ein paar Wochen weitergehen, vielleicht bis in den Sommer hinein. Die Entscheidung, ob die Spiele stattfinden oder nicht, muss aber bald gefällt werden – und ich sehe nicht, wie man im Moment sicher sagen kann, dass sie ausgetragen werden können. Zumal man ja auch bedenken muss, dass viele Sportler in den verschiedensten Disziplinen noch gar nicht qualifiziert sind.

BT: Sie haben bereits gegenüber dem „Spiegel“ gesagt, dass Sie eine Absage der Spiele für ein Fiasko hielten. Ist dem immer noch so?

Dohmann: Eine komplette Absage würde ich nach wie vor für ein Fiasko halten. Olympische Spiele sind das, worauf wir alle jahrelang hintrainiert haben, worauf ganze Karrieren ausgerichtet sind, wofür wir teilweise unsere Ausbildung zurückstellen. Wenn das Ziel, wofür man so lange gearbeitet hat, wegbricht, ist das natürlich ein Fiasko. Ich glaube allerdings nach wie vor nicht, dass das IOC Olympia komplett absagen wird. Nicht nur wegen uns Sportlern, sondern schon aus wirtschaftlichen Gründen.

„Verschiebung auf jeden Fall besser als Absage“

BT: Was wäre eine Alternative?

Dohmann: Wenn es gar nicht anders geht, wäre eine Verschiebung eine Option – und auf jeden Fall besser als eine Absage. Die Frage ist dann halt: auf wann? Ich glaube, dieses Jahr wird es mit einer Ausrichtung schwierig.

BT: Ihr Trainingslager in Südafrika endet an diesem Mittwoch. Wie sehen Sie der Rückreise entgegen?

Dohmann: Nun ja, sicher kann man sich derzeit ja bei gar nichts mehr sein. Aber ich bin relativ optimistisch, dass alles reibungslos verläuft und wir nach Deutschland einreisen dürfen, zumal wir einen Direktflug von Johannesburg nach Frankfurt haben. Ich hoffe nicht, dass Deutschland zwischenzeitlich die Grenzen nach Südafrika zumacht oder der Flug gestrichen wird.

BT: Herr Dohmann, was glauben Sie, wird Sie in Deutschland erwarten?

Dohmann: Ich habe schon gehört, dass das Chaos ausgebrochen ist und man Nudeln und Toilettenpapier nur noch schwer bekommt. Ab Donnerstag werde ich mir davon persönlich ein Bild machen.

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Erstellt:
17. März 2020, 21:00 Uhr
Lesedauer:
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