Doku-Festival Stuttgart feiert den „wahrhaftigen“ Film

Stuttgart (cl) – Stau bei Dokumentarfilm-Produktionen löst sich auf: Beim SWR-Doku-Festival sind ab 16. Juni 15 Filme für den Dokumentarfilmpreis nominiert. Bei Dokville wird übers Genre diskutiert.

Geflaggt: Das fünfte SWR-Doku-Festival findet nächste Woche nicht, wie 2019, als Präsenzmeeting statt –die 15 nominierten Filme werden im Netz ausgestrahlt.  Foto: Markus Palmer/SWR

© pr

Geflaggt: Das fünfte SWR-Doku-Festival findet nächste Woche nicht, wie 2019, als Präsenzmeeting statt –die 15 nominierten Filme werden im Netz ausgestrahlt. Foto: Markus Palmer/SWR

Die Kulturszene läuft wieder an – und auch die Kinobranche erhält die Chance, die Liste ihrer Filme, die wegen Corona nicht starten konnten, bald abzuarbeiten. Auch der Stau bei der Dokumentarfilm-Produktion kann sich jetzt langsam auflösen: Mitte nächster Woche wird das SWR-Doku-Festival Stuttgart eröffnet und 15 herausragende Dokumentarfilme ins Rennen um den Deutschen Dokumentarfilmpreis schicken. Voraussetzung für die Nominierung ist: Es muss eine deutsche Ausgabe des Filmes geben, bestenfalls lief er bereits in einem deutschen Kino.

„Der Dokumentarfilm der klassische, der in dieser Art auch wahrhaftig sein sollte, hat es schon nicht leicht“, sagte die Geschäftsführerin des Hauses des Dokumentarfilms in Stuttgart, Ulrike Becker, unlängst im BT-Interview – zumal in Corona-Zeiten, als nicht allzu viel gedreht werden konnte. „Die späten Sendeplätze, der Aufwand, den man betreiben muss, lässt einen nicht wohlhabend werden“, fügte sie hinzu. Umso mehr bedarf es öffentlich-rechtlicher Unterstützung.

Die fünfte Ausgabe des vom Südwestrundfunk ausgerichteten Publikumsfestivals findet vom 16. bis 19. Juni statt – aber nicht wie gewohnt im Metropol-Kino in Stuttgart, sondern online. „Wir hatten die Entscheidung lange offengehalten, uns aber trotz sinkender Inzidenzzahlen entschieden, kein Präsenzfestival zu veranstalten – die Kinos hätten so früh gebucht werden müssen, als eine Besserung noch nicht absehbar war“, sagte SWR-Pressesprecherin Daniela Kress.

Milo Raus Jesus-Film im Rennen um Deutschen Dokumentarfilmpreis

Knapp 90 Filme wurden eingereicht. Corona hat laut Doku-Festivalleiterin Irene Klünder als Thema bei den Einreichungen kaum eine Rolle gespielt. Stattdessen hat das Flüchtlingsthema die Filmemacher beschäftigt. Unter den Nominierten ist auch die neue Jesus-Dokumentation „Das Neue Evangelium“ des renommierten Schweizer Filme- und Theatermachers Milo Rau. Er geht der Frage nach, was Jesus im 21. Jahrhundert predigen würde. Rau verbindet die Jesu-Geschichte mit den Geschehnissen der Flüchtlingskrise. Gedreht wurde für den Bibelfilm in der süditalienischen Welterbe-Stadt Materas, seine Protagonisten sind Migranten. Jesus spielt der politische Aktivist Yvan Sagnet. Um den Dokumentarfilmpreis konkurrieren auch der mit der Handkamera gedrehte Film „Das Purpurmeer“ von Amel Alzakout über die dramatischen Stunden nach Kenterung eines Flüchtlingsboots, „Ich bin Greta“ über die Klimaaktivistin Greta Thunberg von Nathan Grossman sowie „Was tun: Eine Personensuche in Bangladesch“ des Regisseurs und Schauspielers Michael Kranz. Der Film gewährt Einblicke in die bedrückende Lebenswirklichkeit entrechteter Frauen und Kinder. Schicksalsschläge hierzulande dokumentiert Hannah Schweier in „80.000 Schnitzel“, ein Film über einen Familienbetrieb in Finanznot. Erheiternd ist „Dreiviertelblut – Weltraumtouristen“ über eine bayerische Band.

Parallel zum Doku-Festival fürs Publikum findet der 2005 gegründete Branchentreff Dokville im Haus des Dokumentarfilms in Stuttgart statt, von dort aus gehen die Diskussionsveranstaltungen über Entwicklungen und Themen des Dokumentarfilms ebenfalls via Internet zum Zuschauer.

Besonders der im Frühjahr publik gewordene Täuschungsfall um den Dokumentarfilm „Lovemobil“ der letztjährigen Preisträgerin Elke Lehrenkrauss hat die Diskussion in der Branche um das Thema „inszenierte Wirklichkeit“ beim Dokumentarfilm neu entfacht. Ihr wurde der Deutsche Dokumentarfilmpreises 2020 wieder aberkannt, sie räumte „schwerwiegende Fehler“ ein und entschuldigte sich. „Das Thema beschäftigt die Branche immer noch“, bestätigte Kress – auch wenn der SWR in diesem Fall nicht betroffen war, sondern der NDR seine Produktion in die ARD-Mediathek gestellt hatte. Zumindest nicht unmittelbar betroffen, aber immerhin vergibt der SWR zusammen mit der MFG Filmförderung Baden-Württemberg den Deutschen Dokumentarfilmpreis.

„Corona hat bei Einreichungen der Festival-Filme keine Rolle gespielt“: Doku-Festivalleiterin Irene Klünder.  Foto: Patricia Neligan/SWR

© pr

„Corona hat bei Einreichungen der Festival-Filme keine Rolle gespielt“: Doku-Festivalleiterin Irene Klünder. Foto: Patricia Neligan/SWR

„Grundvoraussetzung für den Dokumentarfilm ist die Authentizität, wenn er eine Hybridform hat, muss das gekennzeichnet sein“, betonte Pressesprecherin Kress. Da werden die zuständigen Redaktionen in den Sendern sicherlich jetzt noch genauer hinschauen, als sie das ohnehin tun. „Der SWR hat viermal hintereinander Dokumentarfilme bei den Oscar-Nominierungen eingereicht – und das erfordert immer sehr viel Eigenrecherche“, begründete Kress, alle Angaben des Films würden dann erneut auf Echtheit und Korrektheit abgeklopft. Zuletzt war „Of Fathers and Sons – Die Kinder des Kalifats“ 2019 unter den Oscar-Favoriten.

„Es ist leider ein Fall, der unvergessen bleiben wird, insofern ist er Warnung“, sagte auch die Geschäftsführerin des Hauses des Dokumentarfilms, Becker, zum Lehrenkrauss-Film. „Wenn es um die Frage geht, wo beginnt die Inszenierung, wird man ihn sicher immer anführen. Aber dabei handelt es sich ja tatsächlich um Täuschung.“ Aber es sei eben die Herausforderung des Dokumentarfilms, an das wirkliche Leben heranzukommen. Natürlich hätten sich die Formen des Dokumentarfilms in den letzten Jahrzehnten geändert – aber eine Inszenierung gehe bei zeitgemäßen Stücken in dokumentarischer Machart nur, wenn sowohl der Redaktion als auch dem Zuschauer offen mitgeteilt würde: „Szene nachgestellt oder der Dialog fand statt, wir haben ihn nachgestellt.“

Branchentreff Dokville diskutiert über Boom der Doku-Serien

Ob Dokumentarfilm, Dokumentation oder Feature: Es gibt längst eine breite Palette von dokumentarischen Formaten, wie auch dieses Festival zeigt. „Das Genre ist wie jedes Genre im Wandel. Wir arbeiten ja auch heute mit einer anderen Kameratechnik als noch vor 20 Jahren“, so Becker weiter. Längst würden Dokumentarfilme mit dem Handy gedreht. Insofern sei der Wandel ständig im Gange und werde, was auch die Entwicklung der Technik anbelange, immer schneller. „Aber die Diskussionen um Wahrhaftigkeit bleiben immer gleich“, fügte die Dokville-Veranstalterin Becker hinzu – wo Autoren, Filmschaffende und Senderverantwortliche am 17./18. Juni via Livestream über den Serien-Boom sprechen, der auch den non-fiktionalen Bereich erfasst hat.

Am 19. Juni wird der Dokumentarfilmpreis, dotiert mit 20.000 Euro, vergeben. „Das ist schon eine gute Summe, mit der man dann in eine nächste Produktion gehen kann, wenn man den Preis erhält“, erklärte Becker. 2003 wurde der Preis als baden-württembergische Auszeichnung erstmals von den jetzigen Stiftern, SWR und MFG, vergeben. 2009 wurde er umbenannt in Deutscher Dokumentarfilmpreis, weil er inzwischen ein hohes Renommee erhalten hat – und die Themen längst überregional oder international sind. 2017 folgte die Gründung des Doku-Festivals fürs Publikum.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Christiane Lenhardt

Zum Artikel

Erstellt:
10. Juni 2021, 21:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 57sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.