Dorfpolizist Eberhofer statt 007

„Ich gebe nicht auf“: Roland Julius hält in Gernsbach das „Globus“- und „Atlantis“-Kino über Wasser. Foto: Hartmut Metz / BT-Archiv

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„Ich gebe nicht auf“: Roland Julius hält in Gernsbach das „Globus“- und „Atlantis“-Kino über Wasser. Foto: Hartmut Metz / BT-Archiv

Immer wieder heißt es für Roland Julius und Ines Merkel „Keine Zeit zu sterben“! Das Dahinsiechen der Kinos setzt sich zu Zeiten von Corona ohne den neuen James-Bond-Film fort, nachdem der Start des Zuschauermagneten in Deutschland erneut – diesmal auf Frühjahr 2021 – verschoben wurde. Nun muss eben Dorfpolizist Sebastian Eberhofer statt 007 die Kinowelt retten. Kein Kaiserschmarrn!

Die beiden letzten verbliebenen Lichtspielhäuser im Murgtal setzen darauf. „Wir brauchen Ausreißer, die den Saal füllen“, bekennt Merkel und weiß, „das hätte das Bond-Geschäft versprochen. Wir hätten ,Keine Zeit zu sterben‘ mehrmals am Tag gespielt.“ Die Werbung für den letzten Bond-Streifen mit Daniel Craig war bereits freigegeben worden. „Am 5. Oktober hieß es noch, wir sollten Plakate bestellen“, berichtet Julius – bevor zwei Tage später aus den USA das ernüchternde „Kommando zurück“ kam. Das Jubiläum des 25. Bond-Abenteuers lässt somit weiter auf sich warten.

Etwas Licht in die Pandemie-Düsternis brachte danach ausgerechnet einer der letzten großen deutschen Verleiher: „Die Constantin sprang jetzt in die Lücke und hat die neue Eberhofer-Krimikomödie auf den Bond-Start gesetzt“, freut sich Merkel genauso wie Julius. „Den Eberhofer will unser Publikum sehen. Er hat eine große Fan-Gemeinde und ist ein sehr guter Ersatz“, setzt die Ottenauerin auf das bajuwarische „Kaiserschmarrndrama“, das bei der siebten Folge erstmals zeitgleich bundesweit startet.

„Die Situation ist sehr düster“

Das „Merkur-Film-Center“ öffnete nach dem Lockdown am 17. März wieder ein Vierteljahr später am 18. Juni – doch die Besucher blieben aus. „Die Situation ist sehr düster“, betont Merkel mit Blick auf ihre laufenden Personal- wie die nun wieder erforderlichen Heizkosten. Der Andrang falle „nach wie vor sehr verhalten aus, auch wenn es im Sommer immer schlechter ist. Ich habe das Gefühl, dass die Leute aus Furcht wegbleiben.“

Daher ist Julius schon froh, wenn regelmäßig ein paar Kinder den Animationsfilm „Drachenreiter“ sehen. „Abends bleibt es oft ruhig. An Samstagabenden kam teilweise gar keiner. Das gab’s noch nie!“, berichtet er von seinen Erfahrungen seit dem Neustart. Am 1. Juni lief auch wieder gleich „25 km/h“ – nach zwei Jahren zieht dieser immer noch die Biker in ihren Bann: „Wer mit dem Zweirad kommt, zahlt nur 2,50 Euro. Letztens waren sogar mal 14 Motorradfahrer da“, ist Julius damit schon zufrieden, wenn die zusätzlich bei ihm für etwas Umsatz an der „Theke“ sorgen. Mehr als 30 Plätze darf er ohnehin selbst in seinem großen Saal mit 220 Sitzen nicht vergeben.

„Der Abstand ist für alle Kinos das größte Problem“, unterstreicht Merkel, „die Mindestabstände schränken uns ein.“ So dürfen etwa im kleinen Saal (außer bei Gruppen) nur 17 statt der gewohnten 63 Personen Platz nehmen; in den großen Saal können 30 statt 133. „Das erlaubt keine großen Sprünge. Einer alleine kann theoretisch bis zu 14 Plätze um sich herum blockieren, weil überall zwei Plätze dazwischen liegen sollen“, erläutert Merkel und findet es „ganz schön tricky, die Sitzvergabe auszubaldowern“. Viele Besucher bedenken dies bei der Online-Buchung nicht und platzieren sich irgendwo zentral.

Ungeachtet der Krise will Merkel das „Merkur“ ins 72. Jahr des Bestehens führen. „Das wäre ein Verlust von Kulturgut“, meint sie und fürchtet das Sterben von „großen Kinos wie in Rastatt und Baden-Baden“, weil die Streaming-Dienste während der Pandemie profitieren und das Premieren-Programm ausgedünnt wird. Dank ihres Jobs als Grafikdesignerin und dem des Bruders Jens Merkel bei Daimler sieht sie das letzte Gaggenauer Kino nicht bedroht: „Wir machen weiter, auch wenn wir vorerst nur von Donnerstag bis Sonntag öffnen.“

„Keine Existenzgefährdung“ sieht ebenso Julius. Das liegt weniger an der Soforthilfe des Landes von 9 000 Euro, die er erhielt, sondern an seinem Broterwerb als Verpacker, denn: „Wenn ich den Job nicht hätte, hätte ich schon längst zumachen müssen.“ Warme Worte kommen bisher von der Stadt Gernsbach (siehe „Zum Thema“). Entgegenkommen bei der Pacht, die zusammen mit den Stromkosten eine „niedrige vierstellige Summe im Monat“ verschlingt, bleibt jedoch bisher aus.

„Ich gebe nicht auf! Ich kämpfe weiter!“, verspricht Julius den Cineasten, wenigstens die kleine Kinowelt im Murgtal zu retten – und beweist mehr Zähigkeit in schier aussichtslos scheinender Lage als der im Schützengraben ausharrende James Bond.

Unterstützer fürs Kino finden

Die Zahl der Besucher im Gernsbacher Kino ist seit 2010 um durchschnittlich 55 Prozent eingebrochen, vor allem seit das Cineplex in Baden-Baden und das Forum in Rastatt 2015 eröffneten. Der Gemeinderat befasste sich wegen der durch Corona verschärften Krise mit dem örtlichen Kino. „Roland Julius setzt sich bereits seit Jahren mit großem Engagement und Leidenschaft dafür ein, das Kino erhalten zu können. Auch die Stadt Gernsbach unterstützt die Fortführung des Kinocenters mit allen Kräften“, heißt es in einer Mitteilung der Stadtverwaltung, die auf den „ordentlichen Zustand“ der Kultureinrichtung des Gebäudes und die gute technische Ausrüstung verweist. Das Kino besitze „besonderen Charme; Vorführsäle und Foyer bieten ein einmaliges Ambiente“.

Der Erhalt des Kinos sei „allerdings nicht ohne die Mithilfe der Gernsbacher Bürger möglich“, wirbt das Rathaus für „rege Kinobesuche“. Zudem sollten „Ideen, Zeit und Ehrenamt“ eingebracht werden. „So sprach sich der Gemeinderat für eine neue Ausrichtung des Gernsbacher Kinos aus.“ Es soll eine „Neukonzeption erstellt“ werden und ein „großer Unterstützerkreis (zum Beispiel durch Gründung eines Fördervereins)“ gewonnen werden.

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Erstellt:
11. Oktober 2020, 18:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 45sec

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