Dornröschenplatz in bester Lage

Gaggenau (tom) – Eigentlich ein Filetstück, doch für Nachbarn und auch für den Eigentümer wurde es zum Albtraum: Warum ein begehrtes Baugrundstück seit Jahren vor sich hindämmert.

Fünf Jahre nach dem Böschungsrutsch. Links die „Degler-Villa“, rechts das Haus von Jürgen Oesterle. Foto: Helena Senger

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Fünf Jahre nach dem Böschungsrutsch. Links die „Degler-Villa“, rechts das Haus von Jürgen Oesterle. Foto: Helena Senger

Es war monatelang der größte Entenpfuhl in Gaggenau, dann über Jahre hinweg die wohl am längsten ruhende Baustelle – nun wird es wohl die am längsten währende innerstädtische Brachfläche werden: Das Grundstück an der Baden-Badener Straße am Hummelberg. Jetzt, fünfeinhalb Jahre nach dem Böschungsrutsch, ist zumindest ein Gerichtsverfahren beendet – doch weiteres juristisches Ungemach steht bevor.

Am Ende wollte Nachbar Jürgen Oesterle nur noch, dass der Ärger ein Ende hat – und so hat er einem Vergleich zugestimmt. Ein Vergleich, obwohl er nichts für einen Vorfall kann, der ihm viel zu oft seit 2015 den Schlaf geraubt hatte. Fünf Jahre Hin- und Her-Gezacker mit Anwälten und Gerichten und dabei nicht zu vergessen: Jahrelange Ängste, dass das eigene Haus womöglich unbewohnbar wird, dass man eines Morgens ein paar Stockwerke tiefer auf dem Nachbargrundstück aufwacht – inmitten der Trümmer der eigenen vier Wände.

Wie es dazu kam? Blicken wir ins BT-Archiv: „Als er eines Morgens im März nach draußen schaute, da verschlug es ihm den Atem: Bis auf fünf Meter war die große Baugrube unterhalb an das Fundament seines Hauses herangerückt. Kubikmeterweise war die Erde herabgebrochen.“ Die Ursache war offensichtlich ein Versehen: „Auf eine Länge von fünf Metern wurde in mein Grundstück hineingebaggert“, erinnert sich Oesterle. Umgehend wurde wieder tonnenweise Material an die Böschung geschmissen – damit sie stehen bleiben möge. Die Treppe, die von der Straße an der Abbruchkante entlang hoch zum Wohnhaus der Oesterles führt, sie wurde mit Bretterverhau gesperrt.

Aber diese Erstsicherung war offenkundig ungenügend. Erst nachdem Oesterle protestierte, wurde an der Böschung nachgebessert. Risse an seinem Haus verfolgt das Ehepaar Oesterle seitdem mit bangem Blick. Nicht zu Unrecht. So ist zum Beispiel das Mäuerle, das besagte Treppe begrenzt, an die zehn Zentimeter zur Seite gesackt.

Das Grundstück im Juni 2015: ein Entenpfuhl. Der Böschungsrutsch ist notdürftig abgedeckt. Fotos: Thomas Senger

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Das Grundstück im Juni 2015: ein Entenpfuhl. Der Böschungsrutsch ist notdürftig abgedeckt. Fotos: Thomas Senger

Wenn er wenigstens Schadenersatz bekommen hätte: Aber es lief so vieles schief in dieser Geschichte, das es sogar einem Jürgen Oesterle, dem wortgewaltigen und kundigen Chronisten der Murgtäler Heimatgeschichte(n), schier die Sprache verschlagen hat: Die Baufirma aus Rastatt, sie ging pleite; das Subunternehmen, das unbeaufsichtigt die Böschung zu weit abgetragen hatte, auch dieses ging den Bach runter. Der Grundstückseigentümer sah bei sich keine Schuld, ebenso der Architekt, gegen den deshalb wiederum der Grundstückseigentümer klagte.

Es bleibt der Ärger mit den Leitungen

Nur Verlierer gibt es in dieser Affäre, und sie ist noch lange nicht zu Ende. Zwar ist Oesterles Grundstück – so gut es ging – wieder hergerichtet und die Außentreppe wieder begehbar. Aber auf 30 Prozent der Kosten bleibt er gleichwohl sitzen. Das war der Vergleich, dem er zustimmte, nur damit das Verfahren überhaupt einmal ein Ende hat.

Das besagte Filetgrundstück zu seinen Füßen, es bietet Stoff noch für eine weitere Geschichte – und beste Verdienstmöglichkeiten für Anwälte. Denn da, wo mittlerweile Gras über die Sache zu wachsen beginnt, verlaufen eine Gas- und eine Wasserleitung. Sie führen zu Oesterles Nachbarhaus. Bekannt als die „Degler-Villa“ aus den 20er Jahren ist dieses dank exponierter Lage und Bauhaus-Stil ebenfalls ein ortsbildprägendes Gebäude.

Was geschah in diesem Fall?

„Beim Ausheben der Baugrube hat man sich an die Leitungen herangetastet, sie freigelegt und notdürftig mit Erde wieder abgedeckt“, erinnert sich der Inhaber der Villa. Dann kam es zu besagtem Böschungsrutsch, die Baustelle ruhte: „Ein kleines bisschen Erde hat man über die Leitungen gelegt, das war es dann“ – bis zum Januar 2017. Denn die Forderungen, die Leitungen ordentlich zu bedecken, hatte man augenscheinlich ignoriert. Es kam, was kommen musste: Die Leitung fror zu, in der Degler-Villa versiegten die Hähne.

Die Stadtwerke waren schnell zur Stelle, aber: Der Eigentümer des Baugruben-Grundstücks will deren Rechnung nicht begleichen. Zunächst einmal solle der Anschlussnehmer, also der Inhaber der Degler-Villa, die Arbeiten zahlen. Diese Dreiecksgeschichte zieht sich nun auch schon seit Jahren. Mit Anwalts- und Gerichtskosten hat sich der ursprüngliche Schadensbetrag mittlerweile verdreifacht. „Ich hoffe, dass ich am Ende nicht darauf sitzen bleibe“, sagt der Geschädigte. Von der immer noch vorhandenen Sorge um die Leitungen ganz zu schweigen: Denn da, wo der Frostschaden aufgetreten war, seien die Leitungen noch immer nicht ausreichend bedeckt: „Auf jeden Fall deutlich weniger als die notwendigen 80 Zentimeter. Ich habe ein ungutes Gefühl.“

Fast einen Schuh breit ist das Gartenmäuerchen zur Seite gesackt.

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Fast einen Schuh breit ist das Gartenmäuerchen zur Seite gesackt.

Und was meint nun die Gegenseite? Oliver Hutmacher aus Pforzheim ist Anwalt. Als Experte für Immobilienangelegenheiten vertritt er den Eigentümer des Grundstücks. Der Vergleich mit Jürgen Oesterle sei zu begrüßen, sagt er gegenüber dem Badischen Tagblatt. „Denn wenn man es streitig zu Ende geführt hätte, wäre eine ungewiss lange Verfahrensdauer denkbar gewesen mit dem Risiko, dass eine Partei in die zweite Instanz geht.“ Schließlich war es in der Tat kein leichtes Verfahren. Ursachen des Böschungsrutsches „waren ein Fehler des Aushubunternehmers und Fehler des Architekten“, so Hutmacher, „der Werkvertragsunternehmer ist dann in Insolvenz gefallen. Die Versicherung des Architekten wollte für Schaden am Oesterle-Grundstück zunächst nicht aufkommen.“ Ein Teil der Vereinbarung war nun, dass das Gelände wieder in den vorherigen Zustand versetzt wird. Dies ist nun geschehen.

Knapp 900 Quadratmeter dämmern vor sich hin

Und was ist mit dem Verfahren wegen der Leitungen? Aus normaler Bürgersicht ist doch eigentlich klar: Wer die Havarie verursacht hat, der muss zahlen. Hutmacher verweist auf das laufende Verfahren, deshalb: „Keine Aussage.“

Was wird nun aus dem Filetgrundstück von 882 m Quadratmetern „in Bestlage von Gaggenau, in herrlicher Aussichtslage“, wie es in einer Verkaufsannonce hieß? Für knapp 340 000 Euro zuzüglich Maklercourtage stand das unbebaute Grundstück eine Zeit lang zum Verkauf. Laut Anwalt Hutmacher hat der Grundstückseigentümer derzeit keine Pläne für den Bauplatz. Von dem Vorhaben, dort sein Eigenheim zu bauen, habe er zwischenzeitlich Abstand genommen. Solange wird wohl auch die Gas-/Wasserleitung bleiben, wo sie ist. Die Kosten für deren Verlegung wurden beziffert auf 7 600 Euro.

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Erstellt:
14. August 2020, 22:00 Uhr
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