„Dort oben bist Du eIn anderer Mensch“

Bühl (jo) – Ralf Dujmovits ist Deutschlands erfolgreichster Höhenbergsteiger – und ein Bühler Kind. Am Sonntag wird er 60 Jahre alt. Das BT hat ihn dazu interviewt. Von Rente will er nichts wissen.

Klettern als Lebensinhalt: Deutschlands erfolgreichster Höhenbergsteiger Ralf Dujmovits wird 60.      Foto: Nancy Hansen

© Ralf Dujmovits

Klettern als Lebensinhalt: Deutschlands erfolgreichster Höhenbergsteiger Ralf Dujmovits wird 60. Foto: Nancy Hansen

Im Mai 2006, nach dem Sturz in eine Felsspalte bei tosendem Gewitter, hätte es urplötzlich aus sein können mit der Bergsteiger-Karriere, doch die Sache ging noch einmal gut. Ralf Dujmovits aus Bühl wird am Sonntag 60 Jahre alt und hat alle Gefahren, die an den höchsten Bergen der Welt lauern, unbeschadet überstanden. Warum das Extrembergsteigen heute für ihn in den Hintergrund getreten ist, wie fit er sich noch immer fühlt und wie er den „Ausverkauf der Berge“ sieht, schildert er im Interview mit unserem Mitarbeiter Joachim Eiermann.
BT: Herr Dujmovits, wann geht ein Profibergsteiger in Rente?
Ralf Dujmovits: Eine eigentliche Rente wird es für mich nicht geben. Ein Kollege hat einmal gesagt: Der beste Bergsteiger ist der, der am meisten Spaß hat. Und da bin ich noch immer ganz vorne mit dabei.

BT: Der Japaner Yuichiro Miura bestieg mit 80 Jahren den Mount Everest. Da scheint noch viel Luft nach oben.
Dujmovits: Ja. Aber wie er vom Basislager aus mit Zusatzsauerstoff aufzusteigen, käme für mich nicht infrage. Ich will weiterhin möglichst lange „by fair means“ unterwegs sein, also aus eigener Kraft, ohne zusätzliche Hilfsmittel und Träger.

BT: Spüren Sie die 60 Jahre in Ihren Knochen?
Dujmovits: Leider habe ich all die Jahre zu wenig Ausgleichsgymnastik wie Dehnungsübungen betrieben. Ich habe meinen Körper immer nur gefordert, gefordert und spüre jetzt einen Verschleiß an der Halswirbelsäule und Hüfte. Da und dort drückt’s, aber für die 60 bin ich noch immer ganz gut beieinander.

BT: Spüren Sie Einschränkungen?
Dujmovits: Ja, die Beweglichkeit hat etwas nachgelassen. Beim Klettern fehlt mir ein wenig die Übersicht, weil ich nicht mehr ganz so schnell nach hinten rechts und links schauen kann.

BT: Sind die Achttausender Zentralasiens damit gestrichen?
Dujmovits: Ganz gestrichen sind sie nicht, aber in den Hintergrund getreten. Ich habe mich in den vergangenen Jahren mehr und mehr auf das Sportklettern und das alpine Klettern verlegt.

BT: Wie gestaltet sich ihr Fitnessprogramm?
Dujmovits: Nancy (Ehefrau Nancy Hansen) und ich gehen dreimal die Woche zum Klettern. Bei schlechtem Wetter sind wir in der Halle, ansonsten draußen unterwegs. Das Kraft- und Ausdauertraining habe ich von vier auf drei Tage reduziert, denn es geht doch zu sehr in die Knochen. Ich habe jetzt aber eine gute Mischung beider Trainingsarten gefunden. Und somit habe ich einen Tag gewonnen, an dem ich mich erholen kann.

BT: Auch der Weg ist das Ziel, die Begegnung mit der Landschaft und der Natur sind für Sie zwei wichtige Komponenten. Was macht es mit Ihnen, wenn Sie an Gletscherzungen vorbeikommen, die sich aufgrund des Klimawandels Jahr für Jahr immer weiter zurückziehen?
Dujmovits: Ich mache mir Gedanken, dass auch ich über viele Jahre hin einen kleinen Teil dazu beigetragen habe. Angesichts der Auswirkungen des eigenen ökologischen Fußabdrucks auf die Gletscher und die Umwelt hat sich meine Einstellung verändert. Ich habe vor drei Jahren für mich beschlossen, nur noch maximal einmal pro Jahr fürs Bergsteigen zu fliegen.

BT: Wie kann der Sport am Berg nachhaltiger werden?
Dujmovits: Dort gilt es, keinen Müll zu hinterlassen und möglichst alles zurückzubringen, was man mit an den Berg getragen hat. In der Antarktis ist es so: Alles, was reingeht, geht auch wieder mit raus – auch wenn es gegessen wurde. Das wird inzwischen auch an anderen Bergen so gehandhabt. Die Regularien sind allgemein verschärft worden und werden auch genau kontrolliert. Damit tragen die Bergsteiger ihren Teil dazu bei, dass die Situation heute eine bessere ist.

BT: Reinhold Messner beklagt einen „Ausverkauf der Berge“. Inwieweit können Sie sich seiner Behauptung anschließen?
Dujmovits: Ich will jetzt nichts Schlechtes über ihn sagen, aber es ist leicht, über Jahrzehnte für sich in Anspruch zu nehmen, alles machen zu können, was man möchte, aber dann zu kritisieren, was man selbst angeschoben hat, und zu fordern: Ihr dürft nicht so unterwegs sein, wie ich es war. Jeder soll das Recht dazu haben und nicht aus der Natur ausgeschlossen werden. Der touristische Ausverkauf ließe sich stoppen, indem keine neuen Hütten und Seilbahnen errichtet werden, um nicht noch mehr Infrastruktur mit Fun-Park-Charakter zu schaffen.

BT: Der Bergtourismus ist für die Einheimischen im Himalaja und Karakorum eine wichtige Erwerbsquelle. Aber wie sinnvoll ist es, zahlende Kundschaft unter nicht unerheblichen Risiken auf einen Achttausender zu führen?
Dujmovits: Ich gebe gerne zu, diese Entwicklung massiv mit angeschoben zu haben. Ich hatte damit eine Zeit lang meinen Lebensunterhalt verdient. Das ist aber auch nicht verkehrt, sofern sich die Kunden des ökologischen Fußabdrucks bewusst sind und vor allem das notwendige Können mitbringen. Was ich heute allerdings sehe, ist, dass nur noch die wenigsten mit eigener Kraft und eigenen Mitteln aufsteigen. Am Mount Everest sind 99,5 Prozent mit künstlichem Sauerstoff unterwegs. Zudem sind Berge, die von unten bis oben verkabelt werden, nichts anderes als Klettersteige. Das vermag für den einzelnen eine schöne Besteigung sein, hat aber mit klassischem Alpinismus nichts zu tun. Sich an Fixseilen hochzuziehen – Sherpa hinten, Sherpa vorne – ist nun mal nicht die große Tat.

BT: In der sauerstoffarmen Luft der sogenannten Todeszone oberhalb von 8.000 Metern ist jeder sich selbst überlassen. Wie fühlte sich das für Sie an – ohne Zusatzsauerstoff?
Dujmovits: Man ist körperlich und geistig eingeschränkt. Bei nur einem Drittel Sauerstoff in der Atemluft sind Wahrnehmung, Denken und Reaktion langsamer. Dort oben bist Du ein anderer Mensch. Ich habe aber auch die Erfahrung gemacht, viel euphorischer und ausgelassener zu sein. Mit der großen Anstrengung wird viel Adrenalin ausgeschüttet, damit nimmt man alles intensiver wahr. Das hat sein Für und Wider. Ich habe es als sehr angenehm empfunden, in deutlich gesteigertem Bewusstseinszustand unterwegs zu sein. Einerseits ist der Körper deutlich reduziert, andererseits ist man offener für alles, was auf einen einströmt.

BT: Gerieten Sie auch in Todesangst?
Dujmovits: Ich erinnere mich an eine Situation beim Abstieg am Kangdchendzönga im Jahr 2006, als Gerlinde (Kaltenbrunner) und ich etwas unterhalb des Gipfels in ein heftiges Gewitter gerieten. Der Donner in Monsterlautstärke und die Blitze, die in nächster Nähe einschlugen, waren massiv furchteinflößend. Zusätzlich zog ein starker Sturm auf. Plötzlich fiel ich in eine Spalte und hing nur am Seil. Inzwischen war es Nacht geworden und ich war völlig darauf angewiesen, dass Gerlinde mich wieder herauszog. Da hatte ich so etwas wie Todesangst.

BT: War das die heikelste Situation am Berg?
Dujmovits: Ja, und es war knapp. Und als wir schließlich an unserem Lagerplatz eintrafen, mussten wir feststellen, dass der Sturm das Zelt weggerissen hatte. Die Hülle hing immerhin noch an einem Firnanker, aber die Schlafsäcke waren weg. Es war nichts mehr da, was uns wärmen konnte. Wir haben die eiskalte Nacht im Zelt bei minus 30 Grad durchgeschlottert.

BT: Würden Sie im Rückblick auf Ihr Bergsteiger-Dasein heute etwas korrigieren wollen?
Dujmovits: Ich habe all die Unternehmungen sehr genossen. Dabei lange nicht auf den ökologischen Fußabdruck geachtet zu haben, betrachte ich im Nachhinein als Fehler, obgleich früher ein anderes Bewusstsein herrschte. Wenn ich heute fliege, zahle ich einen Zusatz für CO2-Kompensation. Darüber hinaus bin ich um die Kompensation meines eigenen Verbrauchs bemüht durch die Beteiligung an Projekten in Solarenergie und Wasserkraft. Aber mir ist klar, Kompensation erzeugt keine vollständige Neutralisierung.

BT: Wollen Sie der nachwachsenden Generation junger Bergsteiger einen Rat geben?
Dujmovits: Wer diesen Sport intensiv betreibt, sollte frühzeitig mit Ausgleichsgymnastik anfangen und einen Physiotherapeuten zurate ziehen, wenn etwas drückt oder nicht stimmt. Viele Jahre klettern heißt: Ziehen, ziehen, ziehen, das verändert die Muskulatur. Deshalb sollte man auch die Gegenspieler, die Antagonisten, trainieren. Wenn ich noch einen zweiten Rat geben darf, dann diesen: Die eigenen körperlichen Stärken herausfinden, um darauf aufbauend eigene Ideen zu entwickeln. Beispiel: Roger Schäli und Simon Gietl, zwei saustarke, junge Alpinisten, haben unlängst in kürzester Zeit die sechs großen Nordwände in den Alpen durchstiegen und sind dabei mit dem Rad von Berg zu Berg gefahren, von der Großen Zinne in Italien bis zu den Grandes Jorasses in Frankreich. Das ist eine großartige Idee, den Alpinismus zu leben und weiterzuentwickeln.

BT: Letzte Frage, auf welchem Gipfel werden Sie denn Ihren runden Geburtstag feiern?
Dujmovits: In Leonidi, einer kleinen Stadt am Peloponnes. Nancy und ich sind schon mehrfach zum Sportklettern runter gefahren, wir haben dort auch Freunde gefunden. Ich genieße diese Kombination aus Meer, anspruchsvollem Klettern und heimeliger griechischer Atmosphäre.

Zum Artikel

Erstellt:
5. Dezember 2021, 12:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 5min 23sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.