Drama im Naturkundemuseum Karlsruhe: Hai Kalli ist tot

Karlsruhe (BNN) – Die Unterwasserkamera im Naturkundemuseum Karlsruhe nahm am Sonntag eine tragische Verfolgungsjagd zwischen den Haien Kalli und Karla auf. Waren Frühlingsgefühle im Spiel?

Am 17. Januar 2019 schwimmt Hai Kalli noch mit Artgenossin Karla um das lebende Korallenriff im Naturkundemuseum Karlsruhe. Foto: Jörg Donecker

Am 17. Januar 2019 schwimmt Hai Kalli noch mit Artgenossin Karla um das lebende Korallenriff im Naturkundemuseum Karlsruhe. Foto: Jörg Donecker

Das Drama spielt sich vor den Augen der Museumsbesucher ab. In irrsinnigem Tempo jagen sich die beiden Schwarzspitzenriffhaie des Karlsruher Naturkundemuseums durch das überdimensionale Korallenbecken. Den Zuschauern an der Panoramascheibe wird bange. Zu Recht. Was sich am Sonntagmittag im zentralen Schaubecken des beliebten Museums am Friedrichsplatz abspielt, nimmt kein gutes Ende.

Kalli, der Verfolger, schießt – Schnauze voran – in einen Spalt des Korallenriffs. Er bleibt darin stecken, oder er findet nicht aus seiner Zwangslage. „Ein Besucher hat Alarm geschlagen“, berichtet Hannes Kirchhauser, der Chef des Vivariums. Um 13.20 Uhr rufen ihn seine Leute zu Hilfe.

30 Minuten später steht der erfahrene Meerwasseraquarianer am Haibecken, samt daheim in Kleinsteinbach gegriffener Tauchermontur.

Tauchgang in Karlsruhe mit Risiko

Sofort steigt der 62-jährige Routinier in das 240.000-Liter-Becken und taucht zu dem eingeklemmten Hai. Vor der Scheibe drängen sich immer mehr Menschen. Kurz überlegt Kirchhauser, was er riskiert – packt der elegante Raubfisch womöglich zu mit seinen messerscharfen Zähnen?

Trotz der Gefahr, einen Biss ins Bein zu kassieren, probiert Kirchhauser einfach sein Glück. Kalli zappelt, der Taucher zieht ihn aus seinem Eck. Der Mann bleibt heil, aber der Hai hat sichtlich etwas abbekommen: „Er ist nur noch torkelnd geschwommen.“ Deshalb bugsiert ihn Kirchhauser zu den Metallstegen über dem Becken.

Eiliger Transport in der Tonne

Sauerstoffhaltiges Wasser blasen die Tierpfleger dem angeschlagenen Patienten mit einer Pumpe vor Maul und Kiemen. Eine Weile betreuen sie ihn dort, dann ist klar: Im Becken kann Kalli in dem Zustand nicht bleiben.

Transportbehälter jeder Größe hält die Museums-Crew im Untergeschoss parat. Eilig holen Tierpfleger eine Tonne. Kirchhauser, der zum sonntäglichen Noteinsatz mitgekommene 13-jährige Sohn Vinzenz und ein Kollege im Dienst hieven den verletzten Hai hinein.

In einem Quarantänebecken im Keller unter den Schauräumen bekommt Kalli erneut extra viel Sauerstoff. „Wir waren recht optimistisch“, erinnert sich Kirchhauser, „ich dachte, er könne es schaffen.“ Um 22 Uhr schaut er ein letztes Mal nach dem Star des Hauses, neun Stunden nach dem Unfall – da atmet der Hai noch.

Am Montagmorgen allerdings ist Kalli, der prominenteste Bewohner des Naturkundemuseums, tot. Das Team ist bestürzt. Es ist ein Schlag für die international renommierten Aquarianer, der Verlust schmerzt sie persönlich.

Ursachenforschung beginnt

Ein Schwarzspitzenriffhai muss nicht unbedingt schwimmen, um ausreichend atmen zu können, erklärt Kirchhauser. Beim Bambushai, den das Naturkundemuseum ebenfalls lange gezeigt hat, ist es sogar ganz normal, dass er am Boden ruht.

Was konkret zum Tod geführt hat, ist noch unklar, die Ursachenforschung beginnt erst. Warum überhaupt, fragen sich die Experten, jagte Kalli wie angestochen hinter Karla her? Es ist nicht die erste Szene dieser Art. Vielleicht waren Frühlingsgefühle im Spiel. Die äußern sich bei Haien eher brutal. Kirchhauser schließt nicht aus, dass ein Blitzlicht die Tiere erschreckt haben könnte. Er sagt aber auch: „Wir haben seit Karlas Einzug mehrfach beobachtet, dass sich Kalli wohl mit ihr paaren wollte.“

Kamera im Naturkundemuseum Karlsruhe dokumentiert das böse Ende

Aufzeichnungen der Live-Kamera aus dem XXXL-Meerwasserbecken mit den Haien und rund ­­­­­­­500 farbenprächtigen Südseefischen hat Kirchhauser gesichert und gesichtet. Die Unterwasserkamera filmt am Sonntag, wie Kalli und Karla fast wie Torpedos durch Deutschlands größtes lebendes Korallenriff zischen.

90 Sekunden Filmstrecke dokumentieren indirekt das Drama. Ein Hai schlägt mit dem Schwanz einen Ast einer grünblauen Steinkoralle ab, das Stück sinkt vor der Kamera zu Boden. Noch zweimal blitzen die schlanken Jäger auf, dann wird es ruhig. Nur Karla zieht langsame Schleifen. Kirchhauser kommentiert es kummervoll: „Da steckt Kalli schon fest.“

Zum Thema: Hai „Kalli“ in Karlsruhe

Der Anfang: Drei Jahre, drei Monate und acht Tage lebt der Schwarzspitzenriffhai „Kalli“ im Naturkundemuseum Karlsruhe. Ein Privatbesitzer aus München bringt ihn am 1. August 2017. Das noch nicht ausgewachsene Tier schwimmt anfangs mit Schlagseite, so viel zu klein war ihm sein bisheriges Bassin geworden.

Die Single-Phase: An Deutschlands größtem lebenden Korallenriff im 240.000-Liter-Becken ist „Kalli“ der Publikumsmagnet in der Ausstellung „Form und Funktion – Vorbild Natur“. An Deutschlands größtem lebenden Korallenriff hat er zusammen mit rund 500 farbenprächtigen Südseefischen reichlich Platz und lebt sich bestens ein.

Die Zeit zu zweit: Kurz vor Mitternacht am 17. Januar 2019 taucht eine Artgenossin bei „Kalli“ im Becken auf. Der Platzhirsch empfängt das Schwarzspitzenriffhai-Weibchen recht ruppig, was typisch für die Art ist und durchaus als großes Interesse verstanden werden kann. „Karla“, so der Name, den das Publikum für die Neue aussucht, hat einen Start mit Schrecksekunde, fängt sich aber und dreht fortan gemeinsam mit „Kalli“ Runden um das Riff. „Karla“ wird den Artgenossen dennoch nicht vermissen: Haie leben einzelgängerisch, sie dulden sich nur.

In eigener Sache

Das Badische Tagblatt und die Badischen Neuesten Nachrichten bündeln ihre journalistischen Kräfte und erweitern damit das umfangreiche Leseangebot in Mittelbaden. Noch arbeiten die beiden Redaktionen getrennt, tauschen jedoch schon gegenseitig Inhalte aus. Davon sollen vor allem die Leser profitieren – durch mehr Hintergründe, Reportagen und mehr Service. Deshalb werden auf badisches-tagblatt.de auch Artikel von BNN-Redaktionsmitgliedern veröffentlicht.

Ihr Autor

BNN-Redakteurin Kirsten Etzold

Zum Artikel

Erstellt:
25. April 2022, 18:28 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 35sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Orte


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.