Drei Persönlichkeiten – ein Ziel: Das Kanzleramt

Berlin (bms) – Annalena Baerbock (Bündnis 90/Die Grünen), Armin Laschet (CDU) und Olaf Scholz (SPD) im Kanzlertauglichkeitsvergleich.

Annalena Baerbock, Armin Laschet und Olaf Scholz wollen ins Bundeskanzleramt. Foto: Christophe Gateau/dpa

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Annalena Baerbock, Armin Laschet und Olaf Scholz wollen ins Bundeskanzleramt. Foto: Christophe Gateau/dpa

Nach tagelangem Hin und Her hat Markus Söder am Dienstag den Weg für CDU-Chef Armin Laschet als Kanzlerkandidat freigemacht. Deutlich harmonischer lief die Nominierung bei den Grünen ab: Seit Montag ist klar, dass die Partei mit Annalena Baerbock ins Rennen geht. Die SPD hatte ihren Kanzlerkandidaten Olaf Scholz bereits im August vergangenen Jahres bekannt gegeben. Ein Vergleich:

Der CDU-Vorsitzende und Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Armin Laschet möchte Nachfolger von Angela Merkel werden. Foto: Michael Kappeler/picture alliance/dpa

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Der CDU-Vorsitzende und Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Armin Laschet möchte Nachfolger von Angela Merkel werden. Foto: Michael Kappeler/picture alliance/dpa

Armin Laschet (CDU, 60 Jahre).
Prägungen: Aachen, katholisches Milieu. Im Stadtrat begann er 18-jährig seine CDU-Karriere. Die Mutter Hausfrau, der Vater zunächst Bergmann. Armin Laschet ist überzeugter Europäer – und eine niederrheinische Frohnatur. Studium im nahen Bonn, Jurist. Wollte eigentlich Journalist werden und leitete in Aachen auch mal eine Kirchenzeitung. Sehr heimatverbunden und treu. Seine Frau Susanne lernte er schon im Kinderchor kennen. Drei erwachsene Kinder.

Eigenschaften: Laschet ist ein politischer Überlebenskünstler. Und unerschütterlicher Optimist. 1994 gewann er das Direktmandat für Aachen im Bundestag und verlor es 1998 wieder. Raus. Wurde dann 1999 zum Europaabgeordneten gewählt und 2005 erster Landesminister für Integration in Deutschland. Aber Abwahl durch Rot-Grün 2010. Wollte danach CDU-Landesvorsitzender werden – und verlor gegen Norbert Röttgen. Wieder raus. Doch Röttgen vergeigte die Landtagswahl, trat zurück und Laschet kam 2012 doch noch an die Spitze der Partei. Und dann 2017 nach seinem Wahlsieg auch ins Ministerpräsidentenamt. Laschet sah Anfang des Jahres auch in der Konkurrenz um den CDU-Parteivorsitz lange wie der sichere Verlierer gegen Friedrich Merz aus. Doch er setzte sich durch. So auch jetzt gegen Markus Söder. Ein Stehaufmännchen.

Leistungen: Sein frühes Bekenntnis zur Einwanderung und zur Förderung von Kindern aus bildungsfernen Familien. Laschet bewegt sich auf der liberalen Merkel-Linie nicht nur in der Flüchtlingsfrage, sondern auch bei sozialen Themen und im Klimaschutz.

Fehlleistungen: 2015 musste Laschet einen Lehrauftrag an der RWTH Aachen zurückgeben. Er hatte Klausuren verloren, den Studenten aber trotzdem Noten gegeben. Auch solchen, die gar nicht an der Klausur teilgenommen hatten. Eine Petitesse. Ernsthaft Probleme bekam Laschet erst in der Corona-Krise. Anfangs wandte er sich permanent gegen harte Einschränkungen, verlangte Ausnahmen für die heimische Möbelindustrie. Später wollte er dann mit einem verunglückten „Brücken-Lockdown“ Punkte machen.

Kanzlertauglichkeit: Sein dickes Fell hat Laschet schon mehrfach gezeigt, und das braucht man. Er hat einen verlässlichen moralischen Kompass, ist aber unsicher im politischen Alltag.

Die Grünen-Vorsitzende Annalena Baerbock soll ihre Partei als Kanzlerkandidatin in die Bundestagswahl führen. Foto: Kay Nietfeld/dpa

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Die Grünen-Vorsitzende Annalena Baerbock soll ihre Partei als Kanzlerkandidatin in die Bundestagswahl führen. Foto: Kay Nietfeld/dpa

Annalena Baerbock (Grüne, 40 Jahre).
Prägungen: Landluft und Weltläufigkeit. Zusammen mit zwei Schwestern wuchs sie auf einem Bauernhof in Niedersachsen auf. Besuchte mit ihren Eltern Demos gegen Atomkraft und NATO-Doppelbeschluss. Mit 16 kam sie für ein Austauschjahr in die USA, nach Florida. Studierte Politikwissenschaft und öffentliches Recht an der Uni Hamburg, danach Völkerrecht in London. Anschließend Büroleiterin bei einer grünen Europaabgeordneten. 2005 Eintritt in die Partei. Hat West-Ost-Erfahrung: Baerbock war von 2009 bis 2013 Landesvorsitzende der Grünen in Brandenburg, wurde dort über die Landesliste Bundestagabgeordnete und lebt heute mit Mann und zwei Töchtern in Potsdam.

Eigenschaften: Durchsetzungsstark – als sie 2018 Grünen-Chefin wurde, kegelte Baerbock eine niedersächsische Konkurrentin vom linken Flügel aus dem Rennen. Zusammen mit ihrem Co-Chef Robert Habeck hat die Partei seitdem zum ersten Mal eine reine „Realo“-Spitze. Bodenständig und nahbar – Fraktionsmitglieder berichten, dass man sie wegen eines Problems selbst in der Nacht anrufen könne. Sie nehme sich auch für kleine Sorgen Zeit. Inhaltlich sattelfest – besonders in europa-, energie- und familienpolitischen Themen.

Leistungen: Hat die Grünen gemeinsam mit Habeck zu einer vordem noch nicht dagewesenen Geschlossenheit geführt. Anfangs kaum bekannt und oft als „Frau an Roberts Seite“ bezeichnet, kam sie mit ihrem Co-Vorsitzenden schnell auf Augenhöhe. Das lag freilich auch daran, dass Habeck einige kommunikative Patzer beging, derweil von Baerbock zumindest in der Öffentlichkeit keine inhaltlichen Schnitzer bekannt sind. 97,1 Prozent der Delegiertenstimmen erhielt sie zuletzt bei ihrer Bestätigung als Parteivorsitzende – so viel wie kein grüner Amtsinhaber jemals zuvor.

Fehlleistungen: Baerbocks Rede auf dem Programmparteitag im vergangenen November erinnerte eher an das „Wort zum Sonntag“ als an ihre sonst gewohnten kämpferischen Töne. Mit dem virtuellen Format wegen Corona kam sie nur schwer zurecht.

Kanzlertauglichkeit: Baerbock hat noch nie ein Regierungsamt innegehabt, aber gleichwohl einen raketenhaften Aufstieg hingelegt. Es würde eine Kanzlerschaft mit Überraschungseffekten werden.

Vizekanzler Olaf Scholz ist Kanzlerkandidat der Sozialdemokraten. Foto: Kay Nietfeld/dpa

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Vizekanzler Olaf Scholz ist Kanzlerkandidat der Sozialdemokraten. Foto: Kay Nietfeld/dpa

Olaf Scholz (SPD, 62 Jahre).
Prägungen: Hamburg und die Juristerei. In der Hansestadt wuchs er auf, studierte, wurde politisch als Student in der SPD aktiv und sehr viel später Erster Bürgermeister. Mit – Sensation – absoluter Mehrheit. Kam als Juso von ganz links und landete später im konservativen Flügel. Unterstützte die Agenda-Reformen von Kanzler Gerhard Schröder und ist seitdem bei den Parteilinken einigermaßen verhasst. Seine neue Heimat ist seit 2018 Potsdam, wo er mit Lebensgefährtin Britta Ernst lebt, die in Brandenburg Bildungsministerin ist. Keine Kinder.

Eigenschaften: Blitzgescheit, international gewandt, selbstbewusst, zurückhaltend. Ein Mann mit Understatement. Redet meist sehr leise, aber druckreif, selten emotional. Als SPD-Generalsekretär bekam er den Spitznamen „Scholzomat“ – weil er immer so stereotyp entlang der Parteilinie antwortete. Stets kontrolliert, wenig nahbar. Umgibt sich seit Jahren mit den gleichen Vertrauten. Dem Scholz-Netz.

Leistungen: Scholz erfand in der Finanzkrise als Bundesarbeitsminister das Kurzarbeitergeld, das in der Corona-Krise wieder aufgelegt und weltweit nachgeahmt wurde. Auch das Arbeitnehmer-Entsendegesetz mit Mindestlohnregelungen geht auf ihn zurück. Als Finanzminister forcierte er die Transaktionssteuer. In der aktuellen Corona-Krise mobilisierte er schnell viele Milliarden aus neuen Schulden und sprach von einem „Wumms“ zur Rettung der Wirtschaft und zur Milderung der Folgen für die Bürger.

Fehlleistungen: Sein Spruch von 2002 als SPD-Generalsekretär, die SPD wolle mit dem Ausbau der Kinderbetreuung „die Lufthoheit über die Kinderbetten erobern“, hing ihm lange nach. Nach den Krawallen beim Hamburger G20-Gipfel wurde ihm 2017 zu lasches Vorgehen gegen Linksextremisten in der Hansestadt vorgeworfen. Die späte Reaktion der Finanzaufsicht auf die Machenschaften bei Wirecard fällt in seine Verantwortung. 2019 schließlich verlor er gegen Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans in der Mitgliederabstimmung um den Parteivorsitz der SPD. Ein Jahr später wurde Scholz dennoch Spitzenkandidat.

Kanzlertauglichkeit: Er ist der erfahrenste unter den drei Bewerbern. Er würde effizient regieren, aber bieder. Ein Mann ohne Ecken und Kanten.


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