Drei Pferde für die Seele

Baden-Baden (sga) – Die Fachstelle Sucht Baden-Baden/Rastatt bietet Kindern suchterkrankter Eltern eine pferdegestützte Pädagogik an. Das sogenannte „Schwalbennest“ kommt gut bei den Kleinen an.

Freuen sich immer auf Besuch: Martina Rapp und die tierischen Freunde Jack, Amicelli und Rainy (von links). Foto: privat

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Freuen sich immer auf Besuch: Martina Rapp und die tierischen Freunde Jack, Amicelli und Rainy (von links). Foto: privat

Es ist warm und kitzelt ein wenig, wenn Jack seinem Gegenüber am Arm knabbert. Böse meint es der Haflinger aber nicht. Im Gegenteil: „Wenn er das macht, mag er dich“, weiß Martina Rapp. In ihren 30 Jahren Reiterfahrung hat die stellvertretende Leiterin der Fachstelle Sucht Baden-Baden/Rastatt einiges gelernt. Auch, was die Begegnung mit einem Pferd in einem Mensch auslösen kann.

Denn von Tieren könne man viel lernen, „auch, wie man vorhandene Ängste überwindet“, weiß Rapp. Deshalb sei auch die pferdegestützte Pädagogik so effektiv. Einmal in der Woche nehmen sich die psychologische Psychotherapeutin und ihre Kollegen von der Fachstelle Sucht Zeit für Kinder, die aus suchterkrankten Familien kommen. Alles im Rahmen des Projekts „Schwalbennest“ – von der Aktion Mensch ins Leben gerufen, gibt es das Ganze bereits seit 2015. Aus ehemals zwei Gruppen sind bis heute drei geworden, das Angebot kommt bei den 6- bis 14-Jährigen gut an.

Situation nicht verschweigen

Kein Wunder. Denn auf dem Reiterhof riecht es kräftig nach Stall und Tier, aber sobald Jack, Amicelli oder Rainy ihre Köpfe aus der Box strecken, wird gebürstet, bestaunt und gestreichelt – und die Sorgen scheinen vergessen. Und das, obwohl es von denen genug gibt. Denn wenn ein Familienmitglied an einer Sucht erkrankt ist, weiß der Nachwuchs oft nicht, wie er der Situation begegnen soll.

„Wichtig ist auf jeden Fall, offen damit umzugehen“, erklärt Rapp. Es bringe niemandem etwas, die Sache zu verheimlichen, weil Kinder sowieso merken, wenn etwas nicht stimmt. Deshalb sei es elementar, nicht nur ein Auge auf die suchterkrankte Person zu haben – sondern eben auch auf die Menschen aus dem direkten Umfeld.

Doch weil betroffene Kinder selten von alleine über die Situation sprechen – und auch gar nicht wissen, wo sie das tun können – helfe die Fachstelle Sucht nach. Durch ihre öffentliche Arbeit in Schulen oder anderen Anlaufstellen macht das geschulte Personal auf bestehende Angebote aufmerksam und zeigt: Es gibt nichts, worüber man nicht reden kann. Auch, wenn die eigenen Eltern betroffen sind.

Liebe und Fürsorge

„Dazu muss man definitiv eins sagen: Suchterkrankte Eltern sind nicht gleich schlechte Eltern. Denn die Krankheit hat nichts mit der Liebe und der Fürsorge für das Kind zutun“, stellt Rapp klar. Deshalb seien viele Mütter und Väter engagiert und motiviert, ihren Kindern Raum und Zeit zu geben, um mit der Situation umgehen zu können – und fragen auch mal gezielt in der Fachstelle Sucht nach, wie den Kleinen geholfen werden kann.

Der Schlüssel für ein Gespräch ist dann ein harmonisches Umfeld. Und hier kommen Jack, Amicelli und Rainy ins Spiel: „Während des Besuchs lernen die Kleinen sich selbst besser kennen und können ihre sozialen Eigenschaften ausbauen.“ Vor allem bei der Angstbewältigung könne ein solch großes Tier helfen: „Die Kinder lernen viel über das Pferd und auch untereinander.“ Vor oder nach dem Besuch geht es dann in den Gemeinschaftsraum, wo gespielt, gekocht oder einfach nur geredet wird.

Doch das alles muss auch irgendwie fnanziert werden. „Aktuell haben wir Spender wie zum Beispiel die Tribute to Bambi Stiftung, Radio Regenbogen und viele mehr.“ Auch der Kiwani Club aus Rastatt beteilige sich immer wieder am „Schwalbennest“. Dennoch: Langfristiges Ziel sei eine Regelfinanzierung. Denn für Rapp ist wichtig: „Das Projekt soll auch künftig bestehen. Denn unsere Arbeit hier hilft den Kleinen viel. Die Kinder fühlen sich wohl und sollen auch künftig die Möglichkeit haben, mit Jack, Amicelli und Rainy regelmäßig Kontakt zu haben.“

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Erstellt:
26. Februar 2021, 18:00 Uhr
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