Drei außer Rand und Band

Baden-Baden (naf) – Vater Murat Sür und seine Söhne Devin und Sinan verbindet die Leidenschaft zum Fußball. Die lässt sie zu außergewöhnlichen Leistungen hochfahren.

„Wir können uns aufeinander verlassen“: Devin, Murat und Sinan Sür (von links) unterstützen sich gegenseitig. Foto: privat

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„Wir können uns aufeinander verlassen“: Devin, Murat und Sinan Sür (von links) unterstützen sich gegenseitig. Foto: privat

Murat Sür ist stolz. Wenn der Familienvater und leidenschaftliche Fußballer von seinen beiden Jungs spricht, huscht ein breites Grinsen über sein Gesicht. Sinan und Devin traten schon früh in die mit Stollenspuren versehenen Fußstapfen ihres Vaters – seit diesem Jahr starten sie fußballerisch richtig durch. Ihre Begeisterung für den Sport verbindet die Brüder miteinander – und auch mit Vater Murat Sür, für den eine so enge Vater-Sohn-Beziehung alles andere als selbstverständlich ist.

In der Kindheit des heute 43-Jährigen war das anders. „Wir arbeiten und verdienen Geld“ lautete das Motto seines Vaters, der als Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland kam – für ein Hobby wie Fußball war da kein Platz. Also packte der kleine Murat jeden Nachmittag seine Tasche mit Büchern und verabschiedete sich zum „Lernen“. Wohin es ihn damals tatsächlich verschlagen hatte, ist (mittlerweile) kein Geheimnis mehr. Als waschechter „Straßenfußballer“ hatte Sür „jeden Tag den Ball am Fuß“.

Sein Vereinsdebüt gab er schließlich – ohne das Wissen seines Vaters – in der Jugend des VfB Gaggenau. Nach einem Wechsel zum FC Rastatt 04 verstärkte der gerade mal 17-Jährige bereits deren erste Mannschaft in der Verbandsliga. Mit der Zeit wurden Scouts von türkischen Vereinen wie Kardemir Karabükspor, die damals in der ersten Liga spielten, auf das Jungtalent aufmerksam. Er bekam ein Angebot – und lehnte es ab. „Ich stand kurz vor der Ausbildung, da sagte mein Vater natürlich ,du machst das nicht‘“, erzählt Sür heute.

Sport als Ventil

Also knallte er seine Fußbälle in die Tore Mittelbadens, als er in den darauffolgenden Jahren für den VFB Gaggenau, Rastatt 04, Phönix Durmersheim, SV Au am Rhein, SV 08 Kuppenheim und schließlich auch für (Türkiyemspor) Selbach spielte. Trotz der vielen Vereinswechsel sei jede Mannschaft „wie eine Familie“ für den jungen Sportler gewesen. „Viele verstehen das nicht. Aber ich war immer zu 100 Prozent dort, wo ich gerade gespielt habe. Der Fußball verbindet eben“, sinniert Sür.

Und er verbindet nicht nur. Für Sür sei der Sport immer ein Ventil gewesen, bei dem die Herkunft sowie Nationalität zweitrangig ist und das gemeinsame Ziel im Vordergrund steht. Lediglich ein Schienbeinbruch, den sich unmittelbar nach der Genesung erneut zuzog, hielt den Fußballverrückten rund 15 Monate lang vom Platz fern.

Während dieser Zeit wurde auch sein ältester Sohn Sinan geboren – Devin folgte ein Jahr später. „Die zwei sind wie Zwillinge aufgewachsen“, erinnert sich Sür. Gemeinsam gingen sie in den Kindergarten, in die Schule und ins Fußballtraining. Seit einigen Monaten sind die Brüder jedoch getrennt. Denn was dem Vater verwehrt blieb, dürfen die Söhne ausleben: Devin besucht seit Juni dieses Jahres ein Sportinternat und hat einen Vertrag beim Traditionsclub 1860 München unterschrieben.

„Die zwei telefonieren fast jeden Tag“, sagt Sür. Denn Sinan lebt noch zu Hause. Der 17-Jährige hat als Kleinkind sein Gehör verloren – vom Fußballspielen hält ihn das jedoch nicht ab. Im Gegenteil: Er kickt gleich in zwei Mannschaften. Für den SV 08 Kuppenheim steht Sinan mit seinem Hörgerät auf dem Platz, für den Gehörlosen Sportverein (GSV) in Karlsruhe spielt er ohne Hörhilfe. Große Unterschiede zu anderen Sportvereinen gebe es keine, lediglich der Schiedsrichter schwenkt eine Fahne, anstatt in die Pfeife zu pusten.

Unterstützung statt Konkurrenzdenken


Seit diesem Jahr spielt Sinan beim GSV – und er spielt gut. So gut, dass er bereits an einem Lehrgang für die U-21-Nationalmannschaft der Gehörlosen in Bad Blankenburg teilgenommen hat. „War cool“, sagt der junge Fußballer kurz und knackig zu der neuen Erfahrung. Wie sich das Ganze weiterentwickelt, will Sinan „einfach mal schauen“. Auf jeden Fall möchte er für beide Mannschaften weiterspielen und damit auch weiterhin vier bis fünfmal die Woche den Ball am Fuß haben.
Mit dem Adler auf der Brust: Sinan Sür startet beim GSV richtig durch. Foto: privat

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Mit dem Adler auf der Brust: Sinan Sür startet beim GSV richtig durch. Foto: privat

Ähnlich wie Devin, der in München fast täglich auf dem Rasen steht. „Mein Alltag besteht aus Training, Schule und Internat“, erzählt der 16-Jährige. Dabei hat er sein Ziel klar vor Augen: „Ich möchte im Profisport Fußball groß werden.“ Weit weg von seiner Familie investiert Devin deswegen „alles, damit ich meinen Traum verwirklichen kann. Ich arbeite täglich hart an mir“.

Noch vor einem Jahr spielte er für den FC Astoria Walldorf und verbrachte deswegen viele Stunden mit seinem Vater auf der Autobahn – „es war zeitlich sehr anstrengend, aber es hat sich gelohnt“, sagt Devin heute.

In München, wo er unmittelbar neben dem Sportgelände von 1860 lebt, ist das zwar einfacher, doch „so weit weg von zu Hause zu sein, fällt einem manchmal nicht leicht“, sagt Devin, der seine Familie eben auch mal vermisst und die Beziehung zu seinem Bruder als „einfach und unkompliziert“ beschreibt.

Zum Greifen naher Traum: Der 16-jährige Devin Sür (in blau) spielt bei 1860 München und arbeitet hart für eine Karriere im Profifußball. Foto:privat

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Zum Greifen naher Traum: Der 16-jährige Devin Sür (in blau) spielt bei 1860 München und arbeitet hart für eine Karriere im Profifußball. Foto:privat

Zwei Brüder, die sich nicht nur in ihrer Liebe zum Fußball gleichen. Beide spielen im Mittelfeld, schießen mit links und teilen die absolute Begeisterung für ihr Idol Lionel Messi. Ein Konkurrenzgefühl gab es nie, sagt Sinan. Und auch Devin bestätigt: „Wir unterstützen uns gegenseitig. Meine Familie ist mein Rückhalt.“

Für Vater Sür haben sich damit alle Fahrten zum Training, Spielbesuche und Unterstützungen jeglicher Art gelohnt. Unterstützungen, die er selbst nie hatte. „Wir können uns eben aufeinander verlassen“, bringt es Devin auf den Punkt. Darauf ist Vater Sür stolz.


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