Drittes Bewerberkonzert der Philharmonie

Baden-Baden (ub) – Als dritter Kandidat um die Position des neuen Chefdirigenten der Philharmonie Baden-Baden gab Michael Güttler seine Visitenkarte ab.

Überzeugt mit Schumanns Sinfonie Nr. 4: Michael Güttler, derzeit unter anderem ständiger Gastdirigent an der Wiener Staatsoper. Foto: Thomas Viering

© Thomas Viering

Überzeugt mit Schumanns Sinfonie Nr. 4: Michael Güttler, derzeit unter anderem ständiger Gastdirigent an der Wiener Staatsoper. Foto: Thomas Viering

Güttler ist bislang ständiger Gastdirigent an der Wiener Staatsoper und am Mariinsky-Theater St. Petersburg. Und wieder war das Konzert „nur“ online zu genießen, der Pandemie geschuldet. Also heißt es, den Konzertmeister mit Ellenbogenkontakt zu begrüßen.

Pinchas Adt war dabei der Solist im Violinkonzert von Johannes Brahms, welches unschwer darstellt, dass es wie fast alles von Brahms sinfonisch angelegt ist. Gleichwohl weiß der Solist, wie auch der Dirigent, den romantischen Wohlklang in Szene zu setzen. Der Bogenstrich von Adt wird beherzt gesetzt, um nicht zu sagen etwas scharf, was wohl der Vorliebe des Komponisten Brahms für ungarisches Paprika geschuldet ist. Der Dirigent Güttler ist dabei Gestalter, der mit scharfen Gewürzen umzugehen weiß.

Tänzerisch die Violinkadenz des Joseph Joachim im ersten Satz, Güttler folgen die Musiker von der Oos mit Durchhörbarkeit und stringenter Orchesterexposition. Bis in die Bläserfraktion, soweit man das am Laptop akustisch verfolgen darf. Die Farbenpalette ist brillant, aber keinesfalls vordergründig. Die dramatische Kraft des Orchesters ist wohlgesetzt, in fast jeder Phrase mit feinem Pinselstrich auf die Leinwand gebannt. Güttler tariert jede Nuance – er ist Klassiker seines Fachs – mit klangfüllendem Atem aus.

Appell an Politiker mit Sinn

Und dann, vor Schumanns Sinfonie Nr. 4, gibt Michael Güttler ein Statement ab, wofür wir ihm besonderen Applaus spenden. In abgewandeltem Schiller-Wort: „Geben Sie Veranstaltungsfreiheit“. Ein Appell an die Politiker mit Sinn, denn die Kulturschaffenden haben sich seit Monaten wertvolle und effektive Gedanken gemacht, wie das Corona-Virus in den Konzertsälen nicht verbreitet wird.

Dann aber Schumanns 4. Der Komponist litt am Ende seines Lebens an einer anderen Krankheit, bescherte uns aber mit seiner Sinfonie eine romantische Abenteuerwelt, die hier, im Weinbrennersaal, in mustergültiger Interpretation präsentiert wird.

Leicht ist es nicht für einen Dirigenten, ein „neues“ Schumann-Bild zu entwickeln. Macht er auch nicht, der Güttler, sondern präsentiert eher einen sehr organischen, herrlich atmenden Schumann, er beweist seinen Sinn für dramatische Spannung und – Klangschönheit. Schon im Kopfsatz ist ein schneller Impuls zu vernehmen und ein Temperament, welches geradezu packend ist. Das Geschehen bleibt so im Fluss.

Frische und Drive treibt Güttler an. Das in den Vordergrund drängende Blech ist aber auch nicht anders als genial zu benennen. Dieser Schumann treibt den Zuhörer zu ungeahntem Blutdruck. Und beweist des Komponisten Vielschichtigkeit. Eine überzeugende Leistung, was da Güttler und die Philharmonie abliefern. Ein perfekter, ein atmender Schumann mit Binnenspannung. Sezieren muss man Schumann nicht. Einfach nur machen, was in den Noten steht. Das haben die Philharmoniker bestens verstanden.

Dieses und die zwei vorangegangenen Konzerte sind online abzurufen auf der Internetseite der Philharmonie.

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Ihr Autor

Udo Barth

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Erstellt:
6. Mai 2021, 08:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 24sec

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