Drittklassig eingestufte Lagen werden zur ersten Wahl

Baden-Baden/Sinzheim (up) – Der Professor für Weintechnologie Steffen Röll ist der Meinung, dass sich der Weinbau in den kommenden Jahren deutlich verändern wird. Im BT-Gespräch erläutert er, weshalb.

Önologe Steffen Röll erläutert die Auswirkungen des Klimawandels und der Digitalisierung auf den Weinanbau im Rebland. Foto: Philipp

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Önologe Steffen Röll erläutert die Auswirkungen des Klimawandels und der Digitalisierung auf den Weinanbau im Rebland. Foto: Philipp

„Der Weinbau wird sich in den kommenden Jahren deutlich verändern“ – das prophezeit der Önologe Steffen Röll, der von 2016 bis Ende 2020 Betriebsleiter im Baden-Badener Traditionsweingut Nägelsförst war. Im Gespräch mit dem BT im Rahmen der Serie „Baden-Baden 2050“ erläutert der Professor für Weintechnologie die Auswirkungen des Klimawandels und der Digitalisierung auf den Weinanbau im Rebland.

Röll, Jahrgang 1981, stammt aus Öhringen im Hohenlohekreis und verfügt über internationale Erfahrung. Unter anderem war er in Österreich und Italien tätig und hat im Auftrag der Bundesregierung im armenischen Eriwan Önologie (Weintechnologie) gelehrt.

Frühere Erntephasen

„Frühburgunder funktionieren aufgrund der langen Trockenphasen schon heute nicht mehr“, betont Röll mit Blick auf die seit Jahren steigenden Temperaturen und die vergangenen drei Jahre mit extrem niederschlagsarmen und heißen Sommern. Durch die deutlich früher einsetzende Vegetation bei den Weinreben beginnen inzwischen auch die Erntephasen früher. Wurde beispielsweise Riesling bislang im Oktober und November geerntet, werden die Trauben immer häufiger bereits im August und September eingebracht.

„Und das hat auch einen deutlich veränderten Geschmack zur Folge“, so Röll. Denn durch die stärkere Sonneneinstrahlung steigen Zucker- und der damit verbundene Alkoholgehalt (Öchslegrad) der Beeren. Zudem verändern sich deren Säurewerte, die die Frische und Langlebigkeit der Weine bedingen. Wird nicht ausreichend Säure gebildet – wie in den vergangenen fünf Jahren – ist zudem deren Aromastabilität gefährdet, die dann nur noch durch die Zufuhr von Säure (Erhöhung des pH-Wertes) erreicht werden kann. „Ein Merkmal für einen zu geringen Säuregehalt kann beispielsweise ein markanter, lackartiger Geruch sein“, so Röll.

Anbau von anderen Rebsorten

Langfristig haben diese klimatischen Veränderungen zur Folge, dass andere Rebsorten angebaut werden müssen, denn Frühburgunder beispielsweise verträgt nur gemäßigte Temperaturen. „Die Trauben werden noch am Rebstock zu Rosinenbeeren“. erklärt Röll, ihre Haut nimmt Schaden durch die hohe UV-Belastung, und dieses Problem führt dazu, dass voraussichtlich mehr Merlot und Chadonnay-Rebsorten zum Einsatz kommen, „sie vertragen die Hitze besser“. „Der Trend geht also mehr zu öligen und schweren Weinen“, so der Weinbauexperte, weg von Grapefruit- und Zitrusaromen beim Riesling, der in der Region als Leitrebe gilt.

Auch die Standortauswahl für den Weinanbau wird sich demnach verändern, „früher erstklassige Lagen wie der Neuweierer Mauerberg mit seiner sehr wasserdurchlässigen Bodenstruktur sind heutzutage oft ein Problem. Wasserspeichernde Böden werden dagegen zunehmend interessant, und für viele Rebsorten sollte die Hangneigung nicht mehr so extrem in Richtung Süden gehen“, so Röll weiter. Noch vor einigen Jahren als drittklassig eingestufte, höhere und kühlere Lagen sind heute erste Wahl, weil „Hitzespitzen gepuffert und Sonnenbrand der Trauben vermieden werden können“.

Weniger Niederschlag

Auch bei der Bewässerung der Reben müssen angesichts des rückläufigen Niederschlags neue Wege gefunden werden. So fiel die Schüttung der 42 Quellen auf dem Baden-Badener Stadtgebiet im vergangenen Jahr auf durchschnittlich zehn Prozent, weshalb die Trinkwasserversorgung Baden-Badens erstmals vollständig aus dem Grundwassersee im Oberrheingraben erfolgen musste.

Bis dahin hatten die Stadtwerke die Hälfte des Trinkwassers für die 55.000 Bürger aus diesen Quellen geschöpft. „Auch die Entwicklung der Wasserversorgung für die Reben in den Sommermonaten der vergangenen drei Jahre ist dramatisch“, erklärt Röll. Daher wurde auch das Weingut Nägelsförst bereits im Jahr 2018 erstmalig an die kommunale Wasserversorgung angebunden, „weil wir aus den eigenen zwei Quellen nicht mehr genug eigenes Wasser zur Verfügung hatten. Die Dürreperioden sind ausgeprägter, dauern länger als früher und sind oft verbunden mit warmen Winden, die die Oberflächenverdunstung fördern“, so der Önologe weiter. Und: „Wir sehen das als großes Thema für die Zukunft, selbst am Rande des Schwarzwaldes, wo eigentlich eine traditionell gute Niederschlagssituation herrschte.“

Tröpfchenbewässerung

Das Weingut Nägelsförst hat darauf bereits im Jahr 2017 zudem dadurch reagiert, dass mit der sogenannten Tröpfchenbewässerung begonnen wurde, die heute bereits ein Viertel der Rebflächen mit Wasser versorgt. Dabei wird in großen Tanks gespeichertes Wasser mithilfe der Schwerkraft über Schläuche an jede einzelne Rebe geführt und dort tröpfchenweise abgegeben, sodass kein Tropfen Wasser verschwendet wird. „Eine Firma aus Israel hat die Anlagen entwickelt, bei der jede Düse gleichviel Wasser abgibt“, erklärt Röll.

Außerdem werden zur Bewirtschaftung der Reben in Zukunft digitale Hilfsmittel eingesetzt, kündigt Röll an. Demnach werden zunehmend autonom fahrende Traktoren das Rebenschneiden und Ernten übernehmen, genau wie die Bodenbearbeitung mit dem Jäten von Unkraut, das als Wasserkonkurrent gilt. Allerdings sind noch einige juristische Hindernisse zu überwinden, denn: „Das Problem besteht derzeit in der Rechtssicherheit im öffentlichen Verkehrsraum“, erklärt Röll mit Blick auf potenzielle Unfälle. Das gilt auch für den Einsatz von Drohnen, die mittels Luftaufnahmen Krankheitsbilder und Wasserstress der Pflanzen dokumentieren können und die momentan noch ausschließlich im Sichtflug eingesetzt werden dürfen.

Wandel bei der Bewirtschaftung

Einen Wandel sieht Röll auch im Bereich der Bewirtschaftung der Rebflächen und der Vermarktung des Weines. „Immer weniger Junge wollen sich heute als Hobbywinzer betätigen, auch weil es wirtschaftlich nicht mehr attraktiv ist“, erklärt er, dagegen wird die Zahl der größeren Erzeuger steigen. Um die Zukunft des Weinbaus in der Region zu sichern, sieht Röll die Chance, in die Nische des hochpreisigen Qualitätsweines zu investieren, „denn der Steillagenweinbau in der Ortenau ist angesichts der internationalen Konkurrenzsituation zu kostenintensiv und wird zur zunehmenden Stilllegung von Flächen führen.“

Kostendeckung kann nach Röll aber erreicht werden, wenn die Wertschätzung der Konsumenten steigt und damit deren Bereitschaft, höhere Preise zu bezahlen. Dazu bedarf es einer „gewissen eigenen Handschrift und Authentizität“ sowie eines eindeutigen und überregionalen Geschmacksprofils mit einem guten Wiedererkennungswert der Weine, analysiert Steffen Röll.

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Erstellt:
11. Januar 2021, 14:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 51sec

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