Drogentrend „Downer“ in Rapsongs gefeiert

Baden-Baden (nad) – Schlaf-und Schmerzmittel sind bei Rappern beliebt und werden als Drogen missbraucht. Wie gefährlich sind Songtexte, die von den Substanzen handeln, für jugendliche Fans?

Verschreibungspflichtig, aber legal: Schlaf- und Schmerzmittel werden von einigen Rappern konsumiert und in ihren Songs angepriesen. Foto: Hans-Jürgen Wiedl/dpa

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Verschreibungspflichtig, aber legal: Schlaf- und Schmerzmittel werden von einigen Rappern konsumiert und in ihren Songs angepriesen. Foto: Hans-Jürgen Wiedl/dpa

Autos, Frauen, Geld, Drogen: Themen, die es immer wieder in Songtexte von Rappern schaffen. Vor allem Jugendliche fühlen sich oft vom Hip-Hop-Lifestyle angezogen und ahmen ihre Vorbilder nach – ob in Sachen Mode oder Slang. Umso besorgniserregender ist ein gefährlicher Trend in der Rapszene: der Konsum sogenannter „Downer“.

Dabei handelt es sich um Substanzen mit beruhigender, entspannender und angstlösender Wirkung. „Benzos“ beispielsweise, also Benzodiazepine, sind verschreibungspflichtige Medikamente, die als Schlaf- oder Beruhigungsmittel eingesetzt werden. Nach der Einnahme fühlt man sich binnen weniger Minuten wie in Watte gepackt. Das Wahrnehmungs- und Reaktionsvermögen wird beeinträchtigt, Seh-, Sprech- und Bewegungsstörungen können auftreten ebenso wie Benommenheit, Verwirrtheit und Erinnerungslücken.

1,5 bis 1,9 Millionen Deutsche sind medikamentenabhängig

Bereits nach vier Wochen Einnahme können die Tabletten eine schwere körperliche sowie psychische Abhängigkeit auslösen. Zu den Entzugserscheinungen gehören etwa Angst, Zittern, Schlafstörungen, Brechreiz und auch Psychosen. In Deutschland sind Schätzungen zufolge etwa 1,5 bis 1,9 Millionen Menschen medikamentenabhängig, insbesondere von Benzodiazepinen sowie opioidhaltigen Schmerzmitteln, wie die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) angibt.

Xanax, Valium, Tavor, Lexotanil, Rohypnol, Lorazepam – die Liste der Präparate ist lang. Und immer wieder werden sie von Rappern angepriesen: „Ich will tausend Benzos nehmen und dann einschlafen“, rappt Yung Hurn in seinem Song „Eisblock“. „Misch‘ das Lean mit Xanax, ey“, heißt es in „40K“ von Rapper Ufo361. Damit meint er eine Mischung aus verschreibungspflichtigem Hustensaft, Limonade und zerkrümelten Bonbons – im Slang als „Lean“ oder „Purple Drank“ bekannt – ein beliebtes „Partygetränk“ in der Rapszene. Dazu wird im Song Xanax gemischt, auch unter den Spitznamen Zannies, Z-Bars, Planks, Footballs, Hulks und vielen mehr bekannt.

Rapper gesteht öffentlich Tilidin-Sucht

Auch andere verschreibungspflichtige Substanzen werden verherrlicht, der Rapper Capital Bra benennt sogar ein Lied nach einem starken Schmerzmittel: In „Tilidin“ schwärmen er und Samra von dem rezeptpflichtigen Opioid, das zur Schmerzbehandlung, etwa nach Operationen, eingesetzt wird. „Gib mir Tilidin, ja, ich könnte was gebrauchen“. In ganzen 16 Songs des Chartstürmers wird das Schmerzmittel erwähnt. Er gab zu, süchtig nach Tilidin gewesen zu sein und es zu bereuen, die Droge mit seinen Texten populär gemacht zu haben. In einem Interview mit dem Jugendformat „Strg_F“ von ARD und ZDF appellierte er 2020 an seine Fans: „Es ist nichts Cooles. Macht es nicht!“ Doch damit war Tilidin nicht plötzlich verschwunden. Der Rapper AK Ausserkontrolle sagt in seinem Song „Gut im Geschäft“ von 2021: „Ich hab‘ aufgehört zu koksen, dafür nehm‘ ich Tille.“

Jugendliche wollen sich mit ihren Idolen identifizieren, ihnen nahe sein, ihren Lebensstil nachahmen. Wie gefährlich sind also solche Songtexte?

Zwar hören Jugendliche in Baden-Baden laut Streetworkerin Sabrina Ernst eben diesen Rap, aber Medikamente sind „nichts Typisches, was man auf der Straße so sieht“. Anders als Alkohol- oder Cannabiskonsum, den sie schon eher mitbekommt, wie Ernst im BT-Gespräch erklärt. Medikamente sind unsichtbarer und „schnell mal genommen“. Bei ihrer Arbeit besucht sie aktiv Jugendliche an deren typischen Treffpunkten und versucht so, mit ihnen ins Gespräch zu kommen und Vertrauen aufzubauen. Außerdem bietet sie Kontaktzeiten an, zu denen die Jugendlichen „mit egal welchem Problem“ zu ihr kommen können. Der Konsum von „Benzos“ oder Tilidin sei dabei bisher noch nicht zur Sprache gekommen.

Aufklärung über Medikamente gehört „natürlich dazu“

Tim Failing, kommunaler Suchtbeauftragter der Stadt Baden-Baden, bestätigt die Erfahrungen der Streetworkerin, aber grundsätzlich sei das „Thema Medikamente schon da“. Bei Präventionsveranstaltungen in Schulen wird deshalb neben Alkohol, Zigaretten und illegalen Drogen auch über Medikamente aufgeklärt. „Das gehört natürlich dazu“, sagt Failing. Als problematisch sieht er vor allem, dass Präparate wie Tilidin zwar verschreibungspflichtig, aber legal sind, weshalb er von einer „sehr hohen Dunkelziffer“ derer ausgeht, die sich unbemerkt Tabletten aus dem Medikamentenschrank der (Groß-)Eltern nehmen.

Beim Messenger-Dienst Telegram lassen sich die Substanzen zudem unkompliziert online bestellen: „Medikamente und Rezepte aller Art, auf beliebigen Namen und zu einem guten Preis“, schreibt ein Händler in einer Chatgruppe. 100 Tilidin-Pillen für 100 Euro gibt es bei ihm, sogar Abholung bietet er an. Aber auch auf offiziellem Weg scheinen sich Jugendliche die „Downer“ zu besorgen: Aus Daten der AOK geht hervor, dass seit 2017 die Zahl der Tilidin-Verschreibungen an 15-20-Jährige um das 30-fache gestiegen ist.

Musikszene nicht „der ausschlaggebende Punkt“

Ob diese Zunahme im direkten Zusammenhang mit den Songtexten der Rapper steht, ist offen. Aber Eltern sollten nicht automatisch davon ausgehen, dass ihr Kind Medikamente missbraucht, nur weil es sich Rap anhört, findet Failing. „Die Musikszene wäre für mich nicht der ausschlaggebende Punkt“, sagt der Suchtexperte. Musik gehöre zur normalen Entwicklung der Jugendlichen. „Man muss gucken, wie man das einschätzt.“ Wichtig sei, auf Verhaltensauffälligkeiten und -veränderungen zu achten und bei Unsicherheit oder Verdacht ein Gespräch bei einer Beratungsstelle zu vereinbaren. „Einfach mal fragen, um was es in dem Text geht“, empfiehlt Ernst. Eltern sollten auf die Musik eingehen und sich erkundigen, warum das Kind sie so gerne hört. Mit Interesse käme man besser ins Gespräch und könnte die Beziehung stärken. Dann würden Themen wie Medikamente eventuell eher aufkommen. „Das Gespräch, das Miteinander – das ist ganz wichtig.“

Ihr Autor

BT-Volontärin Natalie Dresler

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Erstellt:
17. Januar 2022, 18:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 40sec

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