Drohende Altersarmut: Tausende Menschen in Mittelbaden betroffen

Baden-Baden/Rastatt (tas) – Das sinkende Rentenniveau der vergangenen Jahre trifft vor allem Geringverdiener. Viele erreichen nach 45 Arbeitsjahren nicht einmal die Grundsicherungsschwelle.

Wenn jeder Cent zählt: Das Problem von Altersarmut in Deutschland wird größer. Wirtschaftsforscher mahnen Reformen an. Foto: Sebastian Willnow/dpa

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Wenn jeder Cent zählt: Das Problem von Altersarmut in Deutschland wird größer. Wirtschaftsforscher mahnen Reformen an. Foto: Sebastian Willnow/dpa

Langzeitarbeitslose haben ein besonders hohes Risiko, in die Armutsfalle zu rutschen. Doch auch nach 45 Jahren Erwerbstätigkeit reicht die Rente bei Tausenden Menschen in Mittelbaden nicht aus, um die Grundsicherungsschwelle zu überspringen.

Laut der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) sind 8.700 Vollzeitbeschäftigte im Landkreis Rastatt und im Stadtkreis Baden-Baden selbst nach 45 Arbeitsjahren im Rentenalter von Armut bedroht. Die NGG beruft sich bei den Zahlen auf Berechnungen der Bundesagentur für Arbeit und der Deutschen Rentenversicherung. Demnach verdienen 9,6 Prozent aller Beschäftigten, die im Kreis Rastatt in Vollzeit arbeiten, weniger als 2.050 Euro brutto im Monat, in Baden-Baden liegt der Anteil bei zwölf Prozent. Rein rechnerisch müssten sie daher mehr als 45 Jahre lang arbeiten, um auf eine Rente oberhalb der Grundsicherungsschwelle von aktuell 835 Euro zu kommen.

„Altersarmut ist kein Schreckensszenario in der Zukunft, sondern für viele Menschen längst Realität. Die Rente derer, die zum Beispiel jahrzehntelang in einer Bäckerei oder Gaststätten gearbeitet haben, reicht schon heute oft nicht aus“, sagt Elwis Capece, Geschäftsführer der NGG-Region Mittelbaden-Nordschwarzwald.

Seit dem Jahr 2000 sei das Rentenniveau von rund 53 Prozent auf aktuell 48 Prozent abgesenkt worden. „Konkret bedeutet das, dass Geringverdiener mit einem Einkommen von weniger als 2.050 Euro brutto im Monat statt 42 nun fast 46 Jahre lang arbeiten müssen, um überhaupt noch die Grundsicherungsschwelle im Alter zu erreichen“, sagt Capece. „Aber vier Jahre länger an der Bäckereitheke, in der Lebensmittelfabrik oder im Schlachthof am Band zu stehen, ist vielen Beschäftigten gesundheitlich gar nicht möglich.“

Rentenniveau stabilisieren und perspektivisch anheben


Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin hatte vor Kurzem gezeigt, dass das Risiko von Altersarmut in den vergangenen Jahren in Deutschland merklich zugenommen hat. Während im Jahr 2005 noch elf Prozent der über 65-Jährigen in der Bundesrepublik von Armut bedroht waren, stieg die Quote bis 2019 auf 15,7 Prozent an.

Zwar hat sich das Risiko, hierzulande nicht über ausreichend Geld zum Leben zu verfügen, insgesamt erhöht. Allerdings verschlechterte sich die Situation für Rentner überproportional. Und das DIW rechnet in den kommenden Jahren mit einer weiteren Verschärfung der Lage. „Das liegt (...) an den Rentenreformen der vergangenen Jahre, da die Altersarmut steigt, wenn das Rentenniveau sinkt“, konstatieren die Wirtschaftsforscher.

Die nächste Bundesregierung müsse das derzeitige Rentenniveau stabilisieren und perspektivisch anheben, um einen weiteren Anstieg der Altersarmut zu verhindern, fordert indes Capece, der das Problem wie auch das DIW unter anderem in der Zunahme prekärer Beschäftigung – Minijobs und Niedriglohnsektor – sieht.

Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit verdienen in Baden-Württemberg aktuell aber auch mehr als die Hälfte der Vollzeitbeschäftigten im Gastgewerbe weniger als 60 Prozent des bundesweit mittleren Monatseinkommens von 3.427 Euro. Capece: „Hier darf es niemanden überraschen, dass während der Corona-Krise so viele Köche und Hotelangestellte ihre Branche verlassen haben.“


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