Droht in Deutschland ein Vulkanausbruch?

Von unserer Mitarbeiterin Angela Wiedemann

Karlsruhe (BNN) – Rätselhafte Todesfälle, aufsteigendes Magma, ein katastrophaler Ausbruch vor 13.000 Jahren: Der Laacher-See-Vulkan hat enormes Zerstörungspotenzial. Wird er eines Tages ausbrechen?

Droht in Deutschland ein Vulkanausbruch?

Trügerisches Idyll in der Eifel: Tief unter dem Laacher See steigt Magma auf. Eines Tages wird der schlafende Vulkan erwachen. Foto: Tobias Pietsch/dpa

Es war Nacht, als der lautlose Mörder in die Schlafkammern der Villa am Ostufer des Laacher Sees kroch. Dort, wo junge Jesuitenmönche Ende des 19. Jahrhunderts Entspannung von ihren Studien suchten, fanden innerhalb weniger Monate acht von ihnen den Tod.

Morgens lagen die jungen Männer in ihren Betten, wie sie sich am Abend hineingelegt hatten – ohne äußere Anzeichen von Krankheit, ohne Spuren von Gewalteinwirkung. Alles sah so aus, als wären sie vom Schlaf direkt in den Tod hinübergedämmert.

Offiziell blieb die Todesursache ungeklärt, man vermutete die damals grassierende Tuberkulose. Doch heute gehen Forscher eher davon aus, dass der Täter tief aus der Erde kam. Was die Mönche tötete, war wohl der Atem des Laacher-See-Vulkans – eine Kohlendioxid-Ausgasung aus der Erde könnte sich konzentriert in Bodennähe ausgebreitet und die Mönche erstickt haben.

Tief unter der Erde brodelt es

Es war eine Tragödie und gleichzeitig nur eine kleine Kostprobe der Gefahr, die tief in der Erde lauert. Wer schon einmal in der Eifel war, wer die idyllischen Maare – mit Wasser gefüllte Überbleibsel früherer Eruptionen – bewundert oder eine der Vulkanrouten verfolgt hat, der weiß es vielleicht: Die Vulkane der Eifel schlafen nur.

Doch wie wahrscheinlich ist es, dass sie eines Tages erwachen? Denn wenn das geschieht, könnte eine Katastrophe über den Westen Deutschlands hereinbrechen, sagt Joachim Ritter vom Geophysikalischen Institut des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) – mit Auswirkungen bis über Karlsruhe hinaus.

Der Geophysiker forscht seit Jahren zum Eifelvulkanismus. Gemeinsam mit Kollegen hat er herausgefunden, dass es tief unter der friedlichen, sanft hügeligen Landschaft der Eifel brodelt wie in einem Hexenkessel. Sie waren die ersten, die den Eifel-Plume nachweisen konnten, eine tief im Erdmantel vor sich hinkochende gigantische Säule aufsteigenden Magmas, die das gesamte Vulkangebiet der Ost- und Westeifel nährt.

„Es handelt sich dabei um den einzigen bekannten Mantel-Plume in Deutschland – und in ganz Europa gibt es nur noch einen weiteren unter der Auvergne“, sagt Ritter. Größere Exemplare sind die Ursachen des höchst aktiven Vulkanismus auf Hawaii und Island.

Geheimnisvolle Beben in der Tiefe

Man kann sich das Gebilde wie einen auf den Kopf gestellten Kraken vorstellen, der immer wieder seine glühend heißen Tentakel in Richtung Erdoberfläche reckt und zumindest unter dem Laacher See langsam aber stetig Magmakammern befüllt.

Der Nachweis für den magmatischen Aufstieg gelang Joachim Ritter im Jahr 2019 in Kooperation mit Kollegen der Erdbebendienste Südwest und Nordrhein-Westfalen und mit Forschern vom GeoforschungsZentrum (GfZ) Potsdam. Außergewöhnliche Erdbeben in großer Tiefe hatten die Forscher auf die Spur der vulkanischen Aktivität gebracht. Spätestens seit dieser Zeit ist klar, dass der Laacher-See-Vulkan überwacht werden muss. Es wäre möglich, dass der Druck durch die aufsteigenden Massen irgendwann so stark wird, dass das Gestein darüber einfach weggesprengt wird.

Ein Vulkanausbruch in Deutschland? Absolut denkbar, sagt Joachim Ritter, und gar nicht so unwahrscheinlich. Alle Vorzeichen sind da. „Wir haben eine Entgasung und wir haben aktive magmatische Prozesse im Untergrund.“ Er verweist auf die Belege für einen gewaltigen Ausbruch vor rund 13.000 Jahren: „Man muss damit rechnen, dass da mal wieder etwas eruptieren kann – allerdings sollte man das in geologischen Zeiträumen betrachten.“

Wiederholt sich die Katastrophe?

Als Blaupause für das, was dann kommen könnte, nehmen der Vulkanforscher Ritter und sein KIT-Kollege, Risikoforscher Andreas Schäfer, die Katastrophe, die sich am Laacher See bereits ereignet hat. Sie ist anhand der durch den Ausbruch entstandenen Gesteins- und Ascheablagerungen wissenschaftlich gründlich untersucht und dokumentiert.

Damals entluden sich die vollen Magmakammern in einer gewaltigen Eruption mit der Zerstörungsgewalt mehrerer Atombomben. Die austretenden Massen setzten gleich eine ganze Kette von Katastrophen in Gang, die sich über einen Zeitraum von mehreren Wochen ereigneten: eine gigantische Druckwelle, durch die Luft fliegende Gesteinsbrocken, Ascheregen, Glutlawinen, Überschwemmungen und eine riesige Flutwelle, die Hunderte Kilometer rheinabwärts rollte. Für die Hunderttausende Bewohner des heute dicht besiedelten Rheintals wären die Auswirkungen eines erneuten Ausbruchs apokalyptisch.

Vulkanologen aus ganz Deutschland schauen deshalb gespannt auf ein aktuelles Experiment des GfZ Potsdam, das mithilfe von 350 Erdbeben-Messstationen mehr über die Magmakammern unter dem Laacher See herausfinden will. Wie groß sind die Magmakammern und wie voll? Wie viel Material drängt von unten nach? Erst wenn die Wissenschaftler auf diese Fragen Antworten finden, können sie auch die Gefahr besser einschätzen, die vom Laacher-See-Vulkan derzeit ausgeht.

Momentan bleibt den Wissenschaftlern vor allem der Blick auf die letzte Eruption vor rund 13.000 Jahren. Untersuchungen haben ergeben, dass sich damals das Magmareservoir vor dem Ausbruch lange aufgebaut hat. „Rund 30.000 Jahre hat die Schmelze vor sich hingekocht, bevor es zur Eruption kam“, erklärt Ritter. Das heißt: Selbst wenn sich die Magmakammer füllt, kann es bis zu einem Ausbruch des Laacher-See-Vulkans Tausende Jahre dauern.

In der Westeifel steigt das Magma schneller auf

Doch das heißt nicht, dass er und seine Kollegen Entwarnung für die gesamte Eifel geben. Im vergangenen Jahr veröffentlichte eine Forschergruppe ihre Erkenntnisse, dass sich der Boden jedes Jahr um einen Millimeter hebt – ein Beleg für vulkanische Aktivität im Untergrund.

Und der Laacher See ist bei weitem nicht die einzige Stelle, an der es zu einem Ausbruch kommen könnte. Rund 350 Eruptionspunkte hat es im Verlauf der vergangenen 700.000 Jahre in der Eifel gegeben, einer dieser Vulkane könnte jederzeit wieder aktiv werden – vor allem in der Westeifel. Die Vulkane dort seien jünger, und Magmenaufstiege verliefen wesentlich schneller als in der Osteifel, sagt Ritter.

Legt man die aus vergangenen Eruptionen errechnete mittlere Wiederholrate an, sei ein Ausbruch eigentlich überfällig. Falls es dazu kommt, hofft Ritter, dass es sich nur um einen kleinen Schlackenkegel handelt. Solch ein Vulkanausbruch wäre lokal begrenzt. Doch es könnte auch anders kommen. Der letzte Vulkanausbruch in der Westeifel war vor rund 10.900 Jahren. Er hinterließ das Ulmener Maar, einen Vulkan-Trichter, der an seiner breitesten Stelle einen halben Kilometer misst.

Die gute Nachricht ist, dass sich Vulkanausbrüche mittlerweile gut vorhersagen lassen. Unwahrscheinlich, dass die seismische Aktivität, die einen Magma-Aufstieg begleiten würde, völlig unbemerkt bleiben würde.

Der gefährliche Atem des Vulkans

Wahrscheinlich geht aktuell die größere Gefahr von dem unsichtbaren und geruchlosen Gas aus, das an so vielen Stellen in der Eifel unaufhörlich an die Oberfläche dringt. Es lässt den Kaltwassergeysir in Andernach und die in Flaschen abgefüllten Mineralwässer der Eifel sprudeln – aber es kann auch tödlich sein.

Genau an der Stelle, wo vor rund 150 Jahren acht Mönche im Schlaf gestorben sind, können Spaziergänger am Ostufer des Laacher Sees das Gas des Vulkans im Wasser hochblubbern sehen. Hier werden regelmäßig Messungen vorgenommen – auch von Horst Kämpf, der am GfZ Potsdam forscht.

Auf die Frage, ob der Aufenthalt am Seeufer heute immer noch tödlich sein könnte, antwortet der Wissenschaftler mit einem Auszug aus dem Buch „Kalter Atem schlafender Vulkane“ von Hardy Pfanz. Der Autor, ein Vulkanbiologe von der Universität Duisburg-Essen, hatte dort, wo heute nur noch die von Moos überwucherten Grundsteine stehen, ein Holzmodell der Jesuitenvilla aufgestellt und darin die CO2-Konzentration im Zeitverlauf gemessen.

Das Ergebnis fasst Pfanz im Buch zusammen: Das Experiment zeige „eindrucksvoll, dass noch heute in und um die Jesuiten-Villa bei Windstille durchaus respektable Kohlendioxid-Konzentrationen vorherrschen können, die zu Atemnot, Schwindel, Ohnmacht oder gar dem Erstickungstod führen können.“ Zum Glück trifft das vor allem dann zu, wenn es kalt und neblig ist.