Durchstarten trotz Corona-Krise

Rastatt (sawe) – Während in der Corona-Pandemie manch Ladenbetreiber um seine Existenz bangt, wagen Beatrice Schneider und Salvatore Amodei im Lockdown mit Existenzgründungen einen Neuanfang.

Beatrice Schneider in ihrem „Hobbyraum“: Wie viele Einzelhändler hofft sie auf eine baldige Öffnungsperspektive. Foto: Sabine Wenzke

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Beatrice Schneider in ihrem „Hobbyraum“: Wie viele Einzelhändler hofft sie auf eine baldige Öffnungsperspektive. Foto: Sabine Wenzke

Große Teile des Einzelhandels sind geschlossen, eine Öffnungsperspektive bisher nicht in Sicht. Vielerorten sorgen sich Ladenbetreiber um ihre Existenz. Durch den bisherigen Verlauf der Krise seien bundesweit 50.000 Handelsstandorte in ihrer Existenz bedroht, schätzt der Handelsverband Deutschland. Ausgerechnet in dieser schwierigen Situation haben Beatrice Schneider und Salvatore Amodei in Rastatt mit eigenen Geschäften den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt – voller Optimismus trotz Corona.

„Die Zeiten werden auch wieder besser. Da müssen wir jetzt durchhalten“, blickt Schneider hoffnungsvoll nach vorne, die im früheren „Farben-Pfeffinger“ in der Kaiserstraße 33 ihren „Hobbyraum Schneider“ eingerichtet hat. Eigentlich sollte der Start bereits im Dezember 2020 erfolgen, doch dann vereitelte der erneute Lockdown das Vorhaben. Geöffnet hatte der Laden bisher keinen einzigen Tag, lediglich Click & Collect war möglich, läuft aber bislang überhaupt nicht und ist wohl dem Umstand geschuldet, dass sie noch gar nicht mit ihrem Geschäft bekannt sei, mutmaßt die 30-Jährige. Trotz aller Anfangsschwierigkeiten habe sie ihre Entscheidung nicht bereut: „Es war eine einmalige Chance, hier in dieser Lage ein Geschäft zu bekommen und meinen Traum vom Hobbyraum zu verwirklichen.“

Traum vom eigenen Laden verwirklicht

Seinen Traum vom eigenen Laden geht auch Salvatore Amodei zielstrebig an. In Baden-Baden geboren und aufgewachsen, hat der 22-jährige Italiener in der Schlosserstraße 4 in Rastatt in dieser Woche seinen Friseursalon eröffnet. Die rund 130 Quadratmeter großen Räumlichkeiten, die er seit 1. April angemietet hat, beherbergten schon früher einen Friseurbetrieb, standen dann aber eine Zeit lang leer, erzählt Amodei, der seine Gesellenprüfung als Innungsbester der Friseur- und Kosmetik-Innung Baden-Baden/Bühl abgelegt hat und seit zwei Jahren Friseurmeister ist. Bereits im vergangenen Jahr habe er die Immobilie im Zentrum entdeckt, aber zunächst aus verschiedenen Gründen Abstand davon genommen – nicht zuletzt auch, weil ihm Bekannte von seinem Vorhaben in Corona-Zeiten abgeraten hatten. Als sie später noch frei war, griff er aber zu. „Die Lage ist perfekt, zentral und dennoch ruhig“, schwärmt er. Und Friseure dürfen ja, anders als viele andere Betriebe, derzeit arbeiten.

„Positiv eingestellter Mensch“

Dass die Konkurrenz in dieser Branche besonders groß ist – 40 Friseurbetriebe (ohne die Barbershops) gibt es allein in der Kernstadt Rastatt, wie die städtische Pressestelle auf BT-Nachfrage mitteilt – schreckt ihn nicht. Sein Partner, der Unternehmensberater ist, habe einen Businessplan erstellt. Und in Rastatt sei „Potenzial vorhanden“, ist er überzeugt. Zwar gebe es bereits viele Friseurbetriebe, allerdings seien diese doch sehr unterschiedlich, meint Amodei, der auch Kosmetik und später noch Nageldesign anbieten will und mit einem Mitarbeiter seinen Betrieb startet, dessen Zielklientel die 20- bis 45-Jährigen ist.

Der 22-jährige Friseurmeister Salvatore Amodei startet mit seinem eigenen Salon in Rastatt. Foto: Sabine Wenzke

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Der 22-jährige Friseurmeister Salvatore Amodei startet mit seinem eigenen Salon in Rastatt. Foto: Sabine Wenzke

Seinen Traum von der Selbstständigkeit finanziert der 22-Jährige vor allem mit einem Kredit und Fördermitteln. Außerdem habe er „schon immer gespart wie ein Irrer“. Angst, dass er scheitern könnte, hat er nicht: Er sei sehr optimistisch und ein positiv eingestellter Mensch. Schließlich sei es immer ein Risiko, sich selbstständig zu machen, auch ohne Corona, gibt er zu bedenken. Er lebe im Hier und Jetzt und versuche, das Beste aus allem zu machen. Und sollte es wirklich schiefgehen, könne er immer noch auf Plan B zurückgreifen und wieder als Angestellter in einem Friseurbetrieb arbeiten, wie bisher.

Mutig voran geht auch Beatrice Schneider, die für ihren „Hobbyraum Schneider“ ein Konzept entwickelt hat, das bunt, kreativ und nicht alltäglich ist: Neben einer Maß- und Änderungsschneiderei werden Stoffe, Wolle, Garne, Künstler- und Bastelbedarf, Geschenkartikel sowie Workshops für Groß und Klein und Einzelkurse angeboten, sobald dies die Corona-Verordnung zulässt. Aber auch kleineres Anglerzubehör wie Angelhaken oder Gummifische sollen künftig im Zentrum erhältlich sein. Später soll noch Modellbau hinzukommen. „Der Hobbyraum wird stetig wachsen“, sagt Schneider, die gelernte Einzelhandels- und Bürokauffrau, verheiratet und Mutter zweier Kinder ist.

Nähkurse und Zeichenworkshops

Die Erfurterin lebt seit sechs Jahren in Rastatt, hatte im Familienfachgeschäft Pfeffinger gearbeitet, das nach 35 Jahren seine Pforten schloss. „Die Leute sind gerne hierher gekommen“, erzählt sie. Und der Austausch mit den Leuten habe ihr viel Spaß gemacht. Daher sei bei ihr die Überlegung gereift, weiterzumachen – „aber etwas moderner und breiter aufgestellt“. Dass die Eigentümer der Immobilie ihr in der Anfangszeit mit der Miete großzügig entgegenkommen, merkt sie dankbar an.

Im mittleren Teil des Geschäfts will sie einen Raum schaffen, in dem Menschen gemeinsam ihrer Kreativität frönen können –  sei es bei Näh- oder Filzkursen, Zeichenworkshops mit Bleistift, Aquarell- oder Pastellfarben. In den Ferien sollen speziell für Kinder Kurse angeboten werden. Aber auch an „Babypartys“ denkt Schneider: Dabei kommen werdende Mütter zusammen und fertigen in netter Runde ein schönes Teil für den künftigen Nachwuchs – wie etwa eine Babykette oder eine praktische Wickeltasche, die in übersichtlichen Fächern Platz für Windeln, Feuchttücher, Puder, Creme, Schnuller und Co bietet. Eine solche hat Schneider bereits für eine Kundin gefertigt, ebenso kleidet sie Babywiegen ein. Auf Bestellung näht sie auch Babystrampler oder Kuscheltiere, die somit allesamt Unikate sind. Den Umgang mit Nadel und Faden hat Schneider, die auch mal eine Änderungsschneiderei betrieb, schon in jungen Jahren gelernt. „Meine Oma war Damenkonfektioniererin und ich nähe seit meinem sechsten Lebensjahr“, erläutert sie, woher ihre Fähigkeiten rühren. Ihre Kreationen – meist Babybekleidung – hat sie auch schon auf dem Weihnachtsmarkt verkauft. Und die ideenreiche Jungunternehmerin hat noch mehr Talente, sie malt leidenschaftlich gerne, und zwar vornehmlich Tierporträts, einige ihrer Bilder sind auf ihrem Facebook-Account zu sehen.

Und wie passt der Anglerbedarf in das Konzept? Zum einen ist das Angeln ein großes Hobby ihres Mannes Attila Schneider, erzählt die 30-Jährige und erwähnt dabei am Rande, dass ihr auch Workshops zum Thema Angeln vorschweben. Zum anderen kann selbst Anglerzubehör durchaus kreativ sein, wie sich beispielsweise bei handgearbeiteten Catwood-Wallerhölzern zeigt. Damit werden Waller durch die „Kunst des Klopfens“ überlistet.

Schon oft sei sie gefragt worden, was das eigentlich für ein Laden in der Kaiserstraße wird. Die Antwort darauf war bereits im Fenster zu lesen – auf herzförmigem Papier: „Hobbyraum Schneider – von Hand mit Herz“.

Beatrice Schneider hofft nun, dass es mit dem Impfen vorangeht und der Einzelhandel endlich bald wieder durchstarten kann – natürlich mit Hygienekonzept.

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Erstellt:
5. Mai 2021, 06:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 12sec

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