E-Autos müssen unüberhörbar sein

Baden-Baden (vo) – Alle neu zugelassenen Batterie-Elektroautos, Hybridmodelle oder Wasserstofffahrzeuge brauchen elektronischen Sound. Daimler hat sich darüber viele Gedanken gemacht.

Soundcheck: Ein Experte prüft die Geräuschentwicklung eines E-Modells von Mercedes. Foto: Daimler

© Daimler

Soundcheck: Ein Experte prüft die Geräuschentwicklung eines E-Modells von Mercedes. Foto: Daimler

Es ist einer der wesentlichen Vorzüge von Elektroautos und gleichzeitig ein erheblicher Gefahrenherd: das nahezu geräuschlose Fahren. Denn ohne das typische Motorengeräusch werden E-Autos im Straßenverkehr kaum hörbar wahrgenommen und deshalb zum Sicherheitsrisiko. Doch das soll sich nun ändern.

Nach langem Hin und Her tritt am 1. Juli die EU-Verordnung 540/2014 in Kraft. Und die verlangt: Alle neu zugelassenen Batterie-Elektroautos, Hybridmodelle oder Wasserstofffahrzeuge müssen über ein sogenanntes „Acoustic Vehicle Alerting System“, kurz AVAS, verfügen. Die Technik mit künstlichen Warntönen soll beim Anfahren bis Tempo 20 sowie beim Rückwärtsfahren eine deutlich vernehmbare Geräuschkulisse entfalten.

Zwar wäre weniger Verkehrslärm aus medizinischer Sicht begrüßenswert, denn der Lärm von Verbrennungsmotoren kann, je nachdem, wie stark ein Mensch ihm ausgesetzt ist, auf Dauer gesundheitsschädlich sein. Außerdem sind sehbehinderte Fußgänger auf akustische Signale parallel fahrender oder kreuzender Fahrzeuge angewiesen, um sich im Straßenverkehr sicher bewegen zu können. Darauf weist der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) hin. Auch Kinder, Radfahrer, ältere Menschen und abgelenkte Fußgänger würden akustische Hinweise zur Orientierung benötigen, heißt es beim DBSV.

Die Debatte über die AVAS-Verordnung in der EU läuft schon seit einigen Jahren. Verabschiedet wurde die entsprechende Verordnung im April 2014, doch erst jetzt müssen neue Elektromodelle den Lärmpegel von 56 bis 75 Dezibel zwingend einhalten. Die künstlichen Geräusche helfen insbesondere im Stadtverkehr bei Stop-and-go oder bei langsamer Fahrt, die betreffenden Fahrzeuge wahrzunehmen.

Auf der Teststrecke optimiert


Die Autohersteller haben frühzeitig auf die lange angekündigte EU-Verordnung reagiert und ihre Modelle inzwischen mit entsprechenden Sound-Systemen ausgestattet. Dabei mussten sie sich an sehr detaillierte Vorgaben halten, wie ein AVAS-Sound klingen darf und wie nicht. Das Geräusch selbst muss mit dem eines mit einem Verbrennungsmotor ausgestatteten Fahrzeugs der gleichen Klasse vergleichbar sein. Genauso klingen wie ein Benziner oder Diesel soll es aber nicht. Beispiel Daimler: Beim Autobauer haben sich Sound-Designer und Akustikingenieure des Teams Sound Quality & Sound Design in Sindelfingen gemeinsam an die Arbeit gemacht. Ihre Aufgabenstellung war es, ein Elektrofahrzeug so klingen zu lassen, dass es von Fußgängern und Radfahrern rechtzeitig wahrgenommen wird. Hierfür wurde das Grundgeräusch eines Fahrzeugs zunächst in der Simulation und danach im Akustikprüfstand sowie auf der Teststrecke optimiert. Ziel war es, die relevanten Fahrzeugkomponenten in ihren akustischen Eigenschaften zu einem abgestimmten Gesamtkonzept zu entwickeln. Neben der Karosserie und den Aggregaten musste hierfür eine Vielzahl von Bauteilen verbessert werden, die Einfluss auf die Lärmentwicklung des gesamten Fahrzeugs nehmen.

Der AVAS verlangt zusätzlich zu den „normalen“ Fahrgeräuschen einen Sound, den es eigentlich gar nicht gibt, der aber zum Gesamtfahrzeuggeräusch passen muss. Die Herausforderung für die Experten war es somit, ein Klangmuster zu entwickeln, das zwar dezent, aber gleichzeitig gut hörbar ist, und darüber hinaus von Fußgängern oder Radfahrern situativ zugeordnet werden kann. Es dauerte Monate, bis die Experten letztlich die Feinabstimmung unter anderem in einem Akustikstudio vornehmen konnten. Am Ende wurden die Klänge bis ins Detail analysiert, bewertet und gemeinsam perfektioniert.

Jedes elektrisch betriebene EQ-Fahrzeug von Mercedes (ebenso wie die Plug-in-Hybriden) hat nun serienmäßig seinen eigenen Klang, der für mehr Sicherheit im Straßenverkehr sorgen soll. Bei älteren E-Fahrzeugen stand der Soundgenerator beim Kauf optional zu Verfügung. Eine Nachrüstung dieser Modelle ist in der EU-Verordnung nicht vorgeschrieben.


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