E-Roller zwischen Fahrspaß und Kritik

Rastatt (fuv) – Seit April kann man auch in Rastatt E-Roller fahren. BT-Mitarbeiter Frank Vetter hat es ausprobiert und beleuchtet Vor-. und Nachteile der Scooter, die nicht überall gern gesehen sind.

Die Bird-Flotte: Mehrere Hundert E-Roller sind nach Firmenangaben in der Barockstadt im Umlauf. Foto: Frank Vetter

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Die Bird-Flotte: Mehrere Hundert E-Roller sind nach Firmenangaben in der Barockstadt im Umlauf. Foto: Frank Vetter

Seit Mitte Juni 2020 sind sie in Deutschland im Straßenverkehr erlaubt: Elektroroller. Im April tauchten die E-Scooter auch im Straßenbild Rastatts auf. Der Individualverkehr in den Städten solle klimafreundlich reduziert werden, so die Hoffnung der Politik. Die große Euphorie ist gewichen, Ernüchterung trat ein. Klagen über Parkverhalten, Vandalismus, Missachtung der Verkehrsregeln, alkoholisierte Fahrer, Unfälle. Wie ist die Situation in Rastatt und wie fährt sich so ein Teil eigentlich? Das BT fragte nach und begab sich auf Testfahrt. Aktuell sind es sieben Unternehmen, die in Deutschland E-Scooter anbieten. In Rastatt verleiht die Firma Bird die Elektrokleinstfahrzeuge, wie die offizielle Bezeichnung lautet.

Um einen Bird zu chartern, ist zunächst eine App erforderlich. Gab es eigentlich ein Leben vor der App? Ist das kleine Hilfsprogramm auf das Mobiltelefon geladen, erfolgen die Anmeldung und die Wahl der Zahlungsmethode. Kreditkarten sind möglich, aber auch Bezahlsysteme wie das von Apple oder Paypal. Die Bird-App zeigt gleich eine Karte mit dem eigenen Standort und die der Birds in der Nähe sowie in der gesamten Betriebszone; diese umfasst die Innenstadt Rastatts inklusive Niederbühl. Die App beinhaltet umfangreiche Tipps zum Betrieb des E-Scooters. Unter „So funktioniert’s“ bekommen die Fahrerinnen und Fahrer eine schnelle Einweisung. Vertiefende Infos inklusive ausführlicher Sicherheitshinweise bietet die „Hilfe“.

„Irgendwie ist das schon sehr lässig“ – doch vorausschauendes Fahren ist geboten. Foto: Frank Vetter

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„Irgendwie ist das schon sehr lässig“ – doch vorausschauendes Fahren ist geboten. Foto: Frank Vetter

Der Testfahrer hat unweit der Wohnung einen Bird lokalisiert und tippt das Bird-Symbol auf dem Smartphone an. Eine Reservierung ist möglich, aber nicht erforderlich. Hilfreich ist, dass die App auch gleich die mit der Akkuladung noch mögliche zu fahrende Strecke anzeigt. Das Reservieren ist gratis.

20 Cent pro Minute

Es ist schon eine Weile her, dass ein Tretroller zum Fuhrpark des Testfahrers gehörte. Motorrad- und motorrollererprobt, sollte ein E-Scooter jedoch keine Probleme bereiten. Die App zeigt die Kennung des Rollers an, und das Display blinkt. Den QR-Code in der Lenkermitte scannen, Starten drücken, es kann losgehen, die Zeit läuft. Ab jetzt kostet der Bird Geld. Ein Euro die Aktivierung, 20 Cent pro Minute; klingt nicht teuer, läppert sich aber. Den Seitenständer einklappen, wie in Kindertagen auf dem Tretroller Schwung holen und gleichzeitig den „Gashebel“ rechts am Lenker drücken. Bird fährt, ein neues Gefühl. Gebremst wird der Roller wie ein Fahrrad, also mit Griffen am Lenker; dort ist auch die Klingel.

Mittlerweile hat das Fahrzeug einen Kosenamen: „Birdie“ fährt gut.

Ohne App geht nix, das gilt auch für den Bird. Nach dem Herunterladen kann man sich anmelden. Foto: Frank Vetter

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Ohne App geht nix, das gilt auch für den Bird. Nach dem Herunterladen kann man sich anmelden. Foto: Frank Vetter

Moderate Geschwindigkeit, irgendwie ist das schon sehr lässig. Die erste Ausfahrt führt bis zum Waldfriedhof. Alles easy. Auf der Rückfahrt zum Ausgangsort geht’s in die Innenstadt. Kurz vor der Einmündung von der Dreherstraße zur Ankerbrücke ist ein Streifen Pflastersteine zu bewältigen. Der Testpilot fühlt sich sofort an das legendäre Radrennen Paris-Roubaix erinnert, der sogenannten „Hölle des Nordens“. Der Radklassiker heißt so, weil die Pedaleure dort über mehrere historische Kopfsteinpflaster-Passagen radeln müssen, die Hölle eben. So muss sich das wohl anfühlen. „Birdies“ kleine harte Vollgummireifen geben jede Unebenheit direkt an die Wirbelsäule weiter. Selbst abgeflachte Fahrbahnübergänge sollten vorsichtig passiert werden, vorausschauendes Fahren ist geboten. Wegen der kleinen Räder und des im Vergleich zum Fahrrad kurzen Radstands ist „Birdie“ weniger stabil im Fahrverhalten. Es gibt E-Scooter auch mit Luftreifen, denen die Tests ein gutes Fahrgefühl bescheinigen. Das Fahrgefühl auf „Birdie“ ist dennoch okay, so lange eben der Fahrbahnbelag gut ist.

Verteilung im Free-Floating-Modell

Am Ende der Testfahrt steht der Roller vor der Wohnung. Das ist legitim, die Roller werden nach dem sogenannten Free-Floating-Modell verteilt: den Roller irgendwo leihen, damit fahren und an einem beliebigen Ort im Bird-Betriebsgebiet abstellen. Natürlich so, dass er nicht stört oder behindert: Dafür mit der App noch ein Foto schießen. Die Testfahrt ist beendet. Eine Stunde Fahrzeit haben 12,40 Euro gekostet. Bird-Mitarbeiter sammeln die E-Scooter ein – laut Unternehmensmitteilung sind in der Barockstadt mehrere Hundert im Umlauf – und warten sie in einer Halle im nördlichen Landkreis.

Doch die elektrischen Roller sorgen immer wieder für negative Schlagzeilen, vor allem in größeren Städten. In einer Sendung des Deutschlandfunks (DLF) vom August hieß es, dass skandinavische Städte wie Oslo die Zahl der E-Roller reduzieren wollen. In dem Bericht kommt der Vorsitzende des Fußgängerschutzvereins FUSS, Roland Stimpel, zu Wort. Er sieht die Städte in der Verantwortung, die gesagt hätten: „Och, wir lassen die da erst mal drauf.“ Die E-Scooter hätten sich auf einem Raum breitgemacht, der eigentliche für das Gehen und Stehen benötigt werde. Vandalismus, das Versenken von Rollern in Flüssen, wird ebenfalls häufig beklagt. Allein in Köln seien schätzungsweise 500 E-Tretroller im Rhein gelandet.

Nicht im Sinne des Erfinders: Ein im Schlosspark mitten im Fußgängerbereich abgelegter E-Scooter. Foto: Frank Vetter

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Nicht im Sinne des Erfinders: Ein im Schlosspark mitten im Fußgängerbereich abgelegter E-Scooter. Foto: Frank Vetter

Von Fahrten unter Alkohol und Unfällen mit Verletzten ist immer wieder zu hören. Für Rastatt gibt die Polizei Entwarnung: „Kein großes Problem“, sagt Ansgar Gernsbeck, Pressesprecher der zuständigen Polizeidirektion Offenburg. Unfälle mit Personenschäden seien nicht bekannt. Bisher sei lediglich ein berauschter Fahrer aus dem Verkehr gezogen worden. Zu unsachgemäß abgestellten oder „entsorgten“ Fahrzeugen könne er nichts sagen, das sei Sache der Stadt und dessen Ordnungsamts sowie des Betreibers.

Laut Yvonne Zirkelbach von der Agentur Consultant PR & Social Media, die Bird vertritt, musste bisher ein Scooter aus der Murg geborgen werden. Zu den Beschwerden über rücksichtsloses Parken und Fahren heißt es auf eine BT-Anfrage: „Vor der ersten Fahrt müssen alle Nutzer und Nutzerinnen ein Tutorial mit einer Einweisung in die Handhabung des Fahrzeugs, sicheres und geordnetes Fahren und Parken sowie lokale Regeln der Stadt durchlaufen. Die Scooter können erst genutzt werden, wenn das Tutorial absolviert wurde. Wurde die App für längere Zeit nicht genutzt, muss das Tutorial erneut absolviert werden.“

Appell an die Vernunft der Nutzer

Bird betont, dass, um den Mietvorgang beenden zu können, die Nutzer ein Foto vom korrekt geparkten Bird-Scooter machen müssen. „Diese Funktion hat in vielen Städten zu einer erheblichen Verbesserung des Parkverhaltens und einem Rückgang der Beschwerden geführt“, so Yvonne Zirkelbach. Zu den Parkverstößen teilt der Rastatter Wirtschaftsförderer und Verantwortliche für die Einführung der E-Scooter in Rastatt, Torsten von Appen, mit: „Dass E-Scooter nicht immer sachgemäß abgestellt werden, ist tatsächlich kein typisches Rastatter Problem, sondern lässt sich leider in allen Städten beobachten. Grundsätzlich sind wir froh, dass das neue Mikromobilitätsangebot von Bird sehr gut angenommen wird. Wir erhalten viele positive Rückmeldungen, sowohl von den Nutzern als auch von ansässigen Unternehmen.“ Im Moment könne nur an die Vernunft der Nutzer appelliert werden. Die E-Roller-Anbieter würden an der Problematik arbeiten, so von Appen.

Regeln fürs E-Rollerfahren

Für die Tretroller mit Elektroantrieb gilt die „Verordnung für Elektrokleinstfahrzeuge“. Sie schreibt für das Führen des Rollers ein Mindestalter von 14 Jahren vor. Eine Helmpflicht gibt es nicht. E-Scooter sind auf Radwegen, Radfahrstreifen und in Fahrradstraßen erlaubt. Nur wenn diese fehlen, darf auf die Fahrbahn ausgewichen werden. Auf dem Gehweg, in der Fußgängerzone und in Einbahnstraßen entgegen der Fahrtrichtung sind E-Roller verboten. Bei Verbot der Einfahrt bei Einbahnstraßen gilt das Zusatzzeichen „Radfahrer frei“ auch für Elektrokleinstfahrzeuge. Deren Nutzung auf anderen Verkehrsflächen kann durch das Zusatzzeichen „Elektrokleinstfahrzeuge frei“ erlaubt werden. Für das Führen eines E-Rollers gelten dieselben Alkoholgrenzwerte wie für Autofahrer.


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