E-Scooter wie vom Erdboden verschluckt

Rastatt (sie) – Die Vögel sind ausgeflogen: Die E-Scooter der Firma Bird, die seit Juni vergangenen Jahres in Rastatt bereitstanden, sind verschwunden.

Bild aus der Vergangenheit: Drei Bird-Roller warten beim Landratsamt auf Fahrer. Foto: Ralf-Joachim Kraft

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Bild aus der Vergangenheit: Drei Bird-Roller warten beim Landratsamt auf Fahrer. Foto: Ralf-Joachim Kraft

Dabei hatte die Stadtverwaltung erst Anfang März verkündet, dass sie den Vertrag mit dem Anbieter verlängert habe und das Angebot ausgeweitet werde. Die Nutzer sind sauer.
Julian Wölwer findet es „ein Unding“. Der 28-Jährige war treuer Bird-Nutzer. „Damit bin ich viel schneller als mit dem Bus“, sagt er. Von seiner Wohnung im Dörfel seien es mit dem Roller nur ein paar Minuten zur LWG-Sporthalle, wo er regelmäßig das Tischtennistraining besucht. Und günstiger als der öffentliche Personennahverkehr sei das Angebot auf kurzer Strecke auch.

Umso böser war für ihn die Überraschung, als ihm die Bird-App auf seinem Smartphone Anfang März zunächst nur noch wenige verfügbare Roller anzeigte – und schließlich gar keine mehr. Dabei hatte die Stadtverwaltung am 4. März die Verlängerung des Angebots via Pressemitteilung bekannt gegeben.

Stadtverwaltung nicht informiert

Der städtische Wirtschaftsförderer Torsten von Appen wurde in der Mitteilung mit den Worten zitiert: „Es freut uns, dass sich die E-Scooter in Rastatt fest etabliert haben und mittlerweile für viele auch ein fester Bestandteil für den Arbeitsweg geworden sind.“ Nach einer sechsmonatigen Testphase im vergangenen Jahr habe die Stadtverwaltung den Vertrag mit dem Anbieter Bird bis zum Jahresende 2022 verlängert.

Und nicht nur das. Zugleich weite Bird sein Angebot auf ganz Rastatt aus. So stünden die Elektro-Fahrzeuge ab sofort auch in Plittersdorf, Ottersdorf, Wintersdorf, Rauental und ganz Niederbühl zur Verfügung. Damit wachse die Fahrzeugflotte von 100 auf 150 E-Scooter. Die Verwaltung kündigte an: „Nach einer kurzen Winterpause sind die Elektrofahrzeuge ab sofort wieder im Einsatz.“

Doch das waren sie nur ein paar Tage. Das fiel nicht nur Wölwer auf. Am 21. März stellte in einer großen Rastatt-Gruppe in Facebook eine Nutzerin die Frage: „Sagt mal, gibt’s keine Birds mehr in Rastatt?“ Die Scooter seien nirgends mehr zu sehen und auch die zugehörige App zeige keine mehr an.

Der Anbieter hat sich heimlich, still und leise vorerst aus Rastatt verabschiedet. Das Unternehmen informierte die Stadtverwaltung nicht über den Schritt, sodass deren Pressesprecherin Heike Dießelberg nicht genau sagen kann, an welchem Tag die Roller verschwunden sind. Der Alleingang sei gerade nach der erst verkündeten Vertragsverlängerung höchst ärgerlich: „Wir sind natürlich nicht zufrieden mit der Situation.“

Eine Anfrage unserer Redaktion ließ Bird bislang unbeantwortet. Der Stadtverwaltung liegt mittlerweile eine Stellungnahme des Unternehmens vor. Darin heißt es: „Wie bereits erwähnt, betreffen die globalen Lieferschwierigkeiten aufgrund der Pandemie und des Russlandkriegs auch unsere Angebote. Wir warten derzeit auf unsere neuen Fahrzeuge, um den Betrieb in Rastatt rasch wieder aufnehmen zu können.“

Eine Prognose, für wann die Rückkehr des Angebots zu erwarten ist, gibt es nicht. In dem Schreiben heißt es: „Da die gesamte Liefersituation sehr unübersichtlich ist, kann ich Ihnen auch keinen genauen Zeitpunkt nennen.“

Offen bleibt, warum das Unternehmen die bisherige Flotte aus der Stadt zurückgezogen hat. Auch Dießelberg ist mit der Antwort nicht zufrieden. Sie kündigt an: „Unsere Wirtschaftsförderung wird nochmals beim Unternehmen nachhaken, wann konkret mit der Wiederaufstellung aller E-Scooter zu rechnen ist – und ob nicht wenigstens eine Teilflotte der vereinbarten 150 Roller zum Einsatz gebracht werden kann.“

Dass es grundsätzlich einen Bedarf nach dem Angebot in Rastatt gibt, machte der Anbieter bereits kurz nach Einführung des Angebots im vergangenen Jahr an den Nutzerzahlen fest. In der ersten Woche nutzten die Rastatter die Scooter 250 Mal am Tag. Das entsprach zwei bis drei Fahrten pro Scooter. Die Nutzungsdauer lag zwischen 15 und 20 Minuten.

Dießelberg hofft auf eine schnelle Rückkehr: „Wir sind zuversichtlich, dass es bald eine Lösung gibt und die Roller oder wenigstens ein Teil davon wieder zur Verfügung stehen. Wölwer würde sich freuen: „Man kommt damit einfach überall schnell hin.“ Eine weitere Facebook-Nutzerin hat derweil ihre ganz eigene Theorie, was mit den Rollern geschehen ist. Sie schreibt: „Die findet man in der Murg.“


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