ESC: Deutschland bezahlt und ist gesetzt

Von BNN-Redakteurin Isabel Steppeler

Karlsruhe (BNN) – Warum wir beim ESC immer noch mitsingen dürfen, obwohl kaum einer die Beiträge hören will.

ESC: Deutschland bezahlt und ist gesetzt

Hat es nicht leicht mit „Rockstars“: Der Song von Malik Harris rangiert laut Buchmachern am Mittwoch auf Platz 24 bei den Sieg-Chancen. Tendenz fallend. Foto: Britta Pedersen/dpa

Das Herzflattern hat begonnen: Nach dem ersten Halbfinale läuft sich der 66. Eurovision Song Contest (ESC) in Italien heiß für das Finale am Samstagabend. Noch ist die Liste der Teilnehmer zu lang: 40 Länder buhlten insgesamt in Turin um den Sieg, 25 dürfen nur am Finale teilnehmen. Sieben mussten nach dem ersten Halbfinale am Dienstagabend Arrivederci sagen, weitere acht fallen beim zweiten Halbfinale an diesem Donnerstag (live ab 21 Uhr im ARD-Spartensender One) weg. Und die Messlatte ist jetzt schon hoch: Bezaubernde Stimmen aus Portugal, der Schweiz oder Litauen und Songs mit soghafter Wirkung etwa aus den Niederlanden, der Ukraine und Griechenland haben sich den Einzug ins Finale schon gesichert.

Russland wurde 2022 ausgeschlossen

Malik Harris aus Landsberg am Lech muss aber nicht bangen. Sein Song „Rockstars“ steht sicher im Finale. Und das, obwohl Deutschland beim ESC seit Lenas Sieg im Jahr 2010 doch eher eine Broken-Heart-Geschichte schreibt. Tiefpunkt war 2015 das Null-Punkte-Drama um „Black Smoke“ mit Platz 27 für Anne Sophie. Warum darf Deutschland also trotzdem immer wieder mitsingen, obwohl die Beiträge kaum einer hören will?

Ganz einfach: Wer viel zahlt, ist dabei. Geld regiert die Regeln fürs Finale, seit Deutschland im Jahr 1996 bei der damals neu eingeführten Audio-Vorauswahl der Jury ausschied. Das Land drohte daraufhin, die Mitfinanzierung zu verweigern, wenn es als größter Beitragszahler in der Europäischen Rundfunkunion (EBU) nicht teilnehmen dürfe. Seit 1999 sind daher die vier und seit 2011 die fünf Mitglieder mit dem größten EBU-Etat für das Finale gesetzt. Deutschland, Frankreich, das Vereinigte Königreich, Spanien und Italien sind „The Big Five“.

Teilnahmeberechtigt sind alle EBU-Mitglieder – zu viele für einen Abend. Mit der EBU-Erweiterung ab 1990 kamen nämlich noch weitere mittel- und osteuropäische Länder hinzu. Sogar Australien ist seit 2015 dabei, weil die TV-Zuschauer dort Kopf stehen, wenn der ESC läuft. Um die Dauer nicht ausufern zu lassen, wurde die Zahl der Finalisten Mitte der 1990er Jahre auf 25 Länder begrenzt. Zunächst im Wechselturnus. Seit 2004 gibt es Vorausscheidungen. Russland fehlt in diesem Jahr ganz. Nach dem Einmarsch seiner Truppen in die Ukraine hat die EBU am 25. Februar das Land vom ESC 2022 ausgeschlossen.

Schlechte Prognosen für deutschen Beitrag

Wer hat am Samstag Chancen auf die Trophäe? Haushoher Favorit bei den Fans ist das Duo Mahmood & Blanco aus Italien. Mit „Brividi“, zu Deutsch „Schauder“, wollen der Zweitplatzierte von 2019 und der Rapper Blanco ins Herz treffen. Das gelingt nicht nur in Italien – „Brividi“ führt bei Spotify anhand seiner weltweiten Streaming-Daten die Liste an.

Die Buchmacher in den Wettbüros sehen das Gastgeberland trotzdem nicht vorn. Und das liegt am Krieg. Zwar hält die EBU alles Politische aus dem Wettbewerb raus. Und die Jurys, deren Entscheidung 50 Prozent ausmacht, bewerten nur Bühnenauftritt und Musik. Michelle, Max Giesinger, Tokunbo, Jess Schöne und Christian Brost sind die deutsche Jury 2022. Doch könnten viele Zuschauer für die Ukraine stimmen, um ihre Solidarität zu zeigen. Politik und geopolitische Ereignisse hatten immer wieder Einfluss auf den ESC. Oder wie „meckienrw“ in seinem Kommentar auf esc-kompakt.de schreibt: „ESC ist halt nicht nur rosa-ESC-Bubble.“

Oder doch? Hand aufs Herz: Der Mix aus groovendem Hip-Hop, der ukrainischen Kernflöte Solpika und folkloristischem Ohrwurm-Refrain ist absolut eingängig. Kraftvoll melancholischer Männerklagegesang aus tiefstem Herzen trifft hier auf Breakdance und große braune Augen. Wenn das nicht gewinnt, stimmt irgendwas nicht.

Abgesehen von diesen Top-Favoriten stehen Malik etliche Beiträge im Weg. Sein „Rockstars“ rangierte laut Buchmachern am Mittwoch auf Platz 24 bei den Chancen auf einen Sieg. Tendenz fallend. Die Bandbreite an Stilen und guten Songs ist einfach zu groß.

Erfreulich viel Landessprache ist zu hören, nachdem sich lange Zeit die meisten Länder von Zypern bis Polen mit englischen Titeln mehr Chancen versprochen hatten. Der Beitrag aus Großbritannien von Sam Ryder hat sie aber auch aus musikalischen Gründen: „Space Man“ ist eine überzeugende Hommage an Freddy Mercury und David Bowie. Fünf Frauen aus Portugal wecken im Chor passend zum Titel „Saudade, saudade“ Sehnsucht. Monika Liu ist mit ihrem selbstgeschriebenen „Sentimentai“ in litauischer Sprache eine echte Entdeckung. Frankreich singt diesmal bretonisch und bietet mit dem Folk-Trance-Song „Fulenn“ ebenso gute Musik wie Konstrakta. Die zweifache Mutter und Architektin Ana Duric aus Belgrad nimmt mit „In Corpore Sano“ in serbischer Sprache äußerst cool den Gesundheitsblues aufs Korn – und Herzogin Meghan Markle.