EU schiebt Maiglöckchenduft einen Riegel vor

Karlsruhe/Baden-Baden (BNN) – Kosmetikhersteller müssen umplanen. Denn die Europäische Union hat den synthetischen Duftstoff Lilial europaweit verboten, da dieser gesundheitsschädlich sein soll.

Es duftet künftig nicht mehr nach Maiglöckchen: Kosmetikhersteller müssen ihre Rezepturen anpassen beziehungsweise ändern.Foto: Andrea Warnecke/dpa

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Es duftet künftig nicht mehr nach Maiglöckchen: Kosmetikhersteller müssen ihre Rezepturen anpassen beziehungsweise ändern.Foto: Andrea Warnecke/dpa

Intensiv, angenehm süß und irgendwie nach Frühling – so in etwa kann man den Maiglöckchenduft beschreiben. Der Geruch ist allerdings nicht nur in der Natur vorzufinden, sondern auch in der Kosmetikindustrie. Bis vor Kurzem wurde dort der ähnlich riechende synthetische Duftstoff Lilial in verschiedenen Produkten wie Cremes und Parfüms verwendet.
Seit dem 1. März 2022 ist die Verwendung von Lilial allerdings europaweit nicht mehr erlaubt. Bereits am 19. Mai 2020 hat die Europäische Union das Verbot beschlossen, das Gesetz tritt aber erst jetzt in Kraft. In dieser sogenannten Übergangsphase hatten Kosmetikhersteller Zeit, ihre Produkte anzupassen.

Das EU-Verbot hängt mit dem Thema Fortpflanzung zusammen. Der Karlsruher Chemiker Stephan Walch erklärt, dass Lilial von der Europäischen Chemikalienagentur (ECHA) als fruchtbarkeitsschädigend eingestuft wurde. Laut der EU-Kosmetikverordnung dürfen solche Stoffe grundsätzlich nicht in Kosmetik verwendet werden. „Nur unter bestimmten Umständen kann für die Verwendung eines derartigen Stoffes in kosmetischen Mitteln eine Ausnahmegenehmigung beantragt werden“, sagt der Dienststellenleiter des Chemischen und Veterinäruntersuchungsamtes in Karlsruhe.

Dafür müsse man jedoch belegen, dass „keine alternativen Ersatzstoffe zur Verfügung stehen, und die beabsichtigte Verwendung muss als sicher bewertet worden sein.“ Im Fall von Lilial wurde von der Kosmetikindustrie kein solcher Antrag gestellt, und so kam es zum EU-Verbot.

„Dufterlebnis wird nicht beeinträchtigt“

Warum Lilial erst jetzt aus den Produkten verbannt wird, obwohl das Verbot seit mehreren Jahren diskutiert wird, hat einen einfachen Grund: „Werden keine akuten Risiken bei neu eingestuften Stoffen gesehen, so werden Übergangsfristen gewährt, um Unternehmern die Möglichkeit zu geben, rechtskonforme Ersatzprodukte zu entwickeln“, erklärt Walch. Außerdem verstehe man das Verbot als Vorsichtsmaßnahme.

„Wir möchten an dieser Stelle darauf hinweisen, dass die chemikalienrechtlichen Einstufungen nicht auf Gefahren und Risiken basieren. Es wird der Stoff als solcher bewertet, nicht die tatsächlich angewendeten Formulierungen“, sagt Walch.

Es sei üblich, dass Inhaltsstoffe in Produkten ersetzt werden, bestätigt Pressesprecherin Antje Brüne vom Kosmetikverband VKE. „Für die Konsumentinnen und Konsumenten sind diese Anpassungen so marginal, dass sie das gewohnte und erwartete Dufterlebnis nicht beeinträchtigen.“

Eike Müller, Expertin für Regulatorik und Produktsicherheit bei der BCG Cosmetics Group in Baden-Baden, berichtet, dass das Unternehmen das Thema schon länger verfolgt und nach einer Neubewertung 2019 reagiert hat. „So konnten wir unsere Rezepturen mit den neuen Duftkompositionen ohne Lilial frühzeitig umstellen – schon lange bevor die neue Verordnung im März in Kraft getreten ist.“

Auf die Frage, ob die Produkte nun anders riechen würden, hat Müller eine klare Antwort: „Ja. Die Parfümöle, die in der Kosmetik eingesetzt werden, sind die Basisnote. Diese duften im Produkt am längsten und verleihen dem Parfüm eine gewisse Tiefgründigkeit. Und in der Basisnote steckte auch das Lilial.“ Da dieser Baustein jetzt entfällt oder angepasst wird, werden die Produkte etwas anders riechen.

Unternehmen sind vorbereitet

Auch die französische Marke L’Oréal, die in Karlsruhe produziert, hat sich frühzeitig auf eine Umstellung der Rezeptur vorbereitet. „Wir sind zuversichtlich, unseren Kundinnen und Kunden weiterhin ein Kosmetikerlebnis bieten zu können, das keinen Unterschied erkennen beziehungsweise ,erriechen‘ lässt“, sagt Eva Müller, eine Sprecherin des Unternehmens.

Bei der Drogeriekette dm sieht man dem Verbot gelassen entgegen. Geschäftsführer Sebastian Bayer sagt: „Unsere dm-Marken sind vom Verbot nicht betroffen, da der Inhaltsstoff nicht verwendet wird.“ Schon vor längerer Zeit habe man damit begonnen, Bestände zu prüfen und die betroffenen Produkte auszusortieren.

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Ihr Autor

BNN-Redakteurin Martina Kempka

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Erstellt:
30. März 2022, 06:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 55sec

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