Echo auf Grünewald: Malerei von Pei-Ming in Colmar

Colmar (cl) – Das Unterlindenmuseum in Colmar widmet dem expressiven chinesischen Maler Yan Pei-Ming (61) eine Retrospektive. Sein neues Gemälde „Pandémie“ ist ein modernes Echo auf Grünewalds Altar.

Ungewöhnlich farbenfroh: Yan Pei-Mings Selbstporträt von 1983.  Foto: Clérin-Morin/Pei-Ming, ADAGP, Paris, 2020

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Ungewöhnlich farbenfroh: Yan Pei-Mings Selbstporträt von 1983. Foto: Clérin-Morin/Pei-Ming, ADAGP, Paris, 2020

Das Unterlindenmuseum in Colmar widmet dem bedeutenden, in Deutschland wenig bekannten chinesischen Künstler Yan Pei-Ming eine Retrospektive. Der 61-jährige Maler hat dem berühmten Isenheimer Altar Grünewalds mit dem Bezug zu einer der schlimmsten Epidemien seit dem Mittelalter (dem durch einen hochgiftigen Pilzbefall des Mutterkorns hervorgerufenen Antoniusfeuer) ein modernes malerisches Pendant hinzugefügt – und dieses nicht erst durch das monumentale, neu geschaffene Werk „Pandémie“ bildstark veranschaulicht.

Der Wahl-Franzose Pei-Ming, als angehender Künstler regimetreu, trat mit seinen Mao-Porträts an die Öffentlichkeit. Längst ist Pei-Ming kein Propagandakünstler mehr, lebt seit 40 Jahren in Frankreich – hat ein eindrückliches figuratives und expressives Werk aus vielen Porträts vorgelegt und ersetzte dabei die Bilder des chinesischen Diktators durch Bildnisse seines Vaters.

Die Ausstellung „Yan Pei-Ming – Im Namen des Vaters“ gibt einen Überblick über das 40-jährige Kunstschaffen dieses Malers. Die 50 Gemälde sowie ein gutes Dutzend Zeichnungen und Aquarelle stammen aus Museen und Privatsammlungen in Europa und China – etliche Werke aus seinem Fundus steuerte der Künstler bei. Da ein Museumsbesuch im Moment wegen der Pandemie nicht möglich ist, läuft die Ausstellung vorsorglich bis 6. September; zur Überbrückung gibt es derzeit eine Reihe Künstler- sowie Kuratorengespräche per Videostream und einen kürzeren Online-Rundgang.

Als junger Künstler mit Mao-Porträts bekannt geworden

Yan Pei-Ming wurde 1960 in Schanghai geboren und wuchs mit dem Mao-Kult der chinesischen Kulturrevolution auf. An der Kunstakademie seiner Heimatstadt wurde er abgelehnt, 1977 erhielt er die Möglichkeit, im Ausland zu studieren und verließ 1980 im Alter von 19 Jahren China in Richtung Frankreich. 1981 wurde er an der Kunsthochschule in Dijon angenommen, wo er fünf Jahre später seine Ausbildung abschloss. Mit seinen monochromen Bildnissen – insbesondere von Mao Zedong –, die die westliche Bildtradition mit Elementen der chinesischen Kultur verbinden, erlangte er frühen Erfolg. Die Biennale-Teilnahme 2003 in Venedig verhalf ihm zum internationalen Durchbruch. Sechs Jahre später lud ihn der Louvre zu einem künstlerischen Dialog mit der „Mona Lisa“ ein. Er lebt und arbeitet seit 1980 in Dijon.

Pei-Ming ist vor allem bekannt für seine riesigen, oftmals monochromen Gemälde in einer kraftvollen und expressiven Malweise, bei der er die Porträts vom Persönlichen ins Allgemeingültige abstrahiert. Nach der Phase mit Bildnissen über Mao Zedong wandte sich Pei-Ming in einer langen Serie Mitte der 1990er Jahre dem eigenen Vater zu, der bei ihm in Dijon lebte: in einer Mischung aus Unversöhnlichkeit, Zärtlichkeit und Empathie.

Die Allgegenwart der Vaterfigur und die darin erkennbare Suche nach der eigenen Identität hat die Chefkonservatorin des Unterlindenmuseums, Frédérique Goerig-Hergott, dazu bewogen, den Untertitel der Schau „Im Namen des Vaters“ zu wählen. Das „Altwerden“ beschäftigt Pei-Ming seit den 1980er Jahren auch bei den Selbstbildnissen, in den 2000er Jahren griff er es wieder auf. Auch sie sind wie die Buddha-Darstellungen von eindrucksvoller Emotionalität.

Moderne Interpretation zum Isenheimer Altar: „Pandémie“ des chinesisch-französischen Künstlers Yan Pei-Ming ist ein Auftragswerk des Unterlindenmuseums vom November 2020.  Foto: Unterlindenmuseum Colmar

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Moderne Interpretation zum Isenheimer Altar: „Pandémie“ des chinesisch-französischen Künstlers Yan Pei-Ming ist ein Auftragswerk des Unterlindenmuseums vom November 2020. Foto: Unterlindenmuseum Colmar

Im Ackerhof, den großzügigen, modernen Räumen des Erweiterungsbaus des Unterlindenmuseums von Herzog & de Meuron, ist eine große Auswahl an dunkeltonigen, selten farbigen Köpfen in Großformat ausgebreitet. In den Bildern über seine Familie und seine Geburtsstadt Schanghai verarbeitet der Künstler seine Herkunft, auch die „Weltlandschaften“ erscheinen wie Seelenporträts.

In der tiefdunklen Landschaft „Pandémie“ aus dem vergangenen November greift Pei-Ming die Tradition der großformatigen Historiengemälde des 19. Jahrhunderts auf: Auf diesem fünf mal vier Meter großen Format scheint die Zeit stillzustehen: Eine isolierte maskierte Figur im Schutzanzug als Blickfang im Vordergrund steht in einer verwüsteten Landschaft, am Horizont ist die Silhouette einer Stadt erkennbar, links hinten der Vatikan.

Hier in unmittelbarer Nähe zum Isenheimer Altar in der historischen Klosterkirche des Unterlindenmuseums ergibt sich eine völlig neue Lesart des Lebenswerks des chinesisch-französischen Künstlers, der sich ähnlich wie Grünewald, der Meister vom Oberrhein, vor 500 Jahren mit den Themen der Herkunft, des Sakralen und des Opfertods auseinandersetzt.

Bezug auf den Altar nimmt Pei-Ming bereits in seinem Triptychon „Verdammt noch mal, ein perfekter Tag!“ von 2012, das erste ganzfigurige Bildnis des Künstlers: Mit seiner Eindrücklichkeit, der Frontalität und Vertikalität erscheinen die drei hochformatigen Selbstdarstellungen in ihrer Monumentalität wie die Manifestation einer Selbstbehauptung. Diese neuartigen, christushaften Ganzfigurenporträts Pei-Mings wirkten auf die Kuratorin Georig-Hergott nach eigener Schilderung wie das Echo von Grünewalds Meisterwerk der abendländischen Kunst – ein weiterer Anlass, Pei-Mings Werk nach Colmar zu holen.

In der Galerie des Unterlindenmuseums, die den Klostertrakt mit dem Erweiterungsbau verbindet, zeigt der Künstler aus der eigenen Sammlung eine Reihe Zeichnungen seines Frühwerks aus den späten 1970er Jahren und Anfang der 80er Jahre. Darunter vor allem seine ersten Selbstbildnisse und ein Porträt seiner Großmutter (1976), die den Anfang seiner Karriere als Künstler markieren.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Christiane Lenhardt

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Erstellt:
14. April 2021, 08:30 Uhr
Lesedauer:
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