„Echokammern des Hasses“

Karlsruhe (kli) –Was hat dazu geführt, dass der Zentrumspolitiker Matthias Erzberger vor 100 Jahren ermordet wurde? Der Historiker Dr. Christopher Dowe gibt im BT-Interview Antworten.

Sieht die Demokratie ständig gefährdet: Historiker Dr. Christopher Dowe.      Foto: Dieter Klink

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Sieht die Demokratie ständig gefährdet: Historiker Dr. Christopher Dowe. Foto: Dieter Klink

Christopher Dowe zeichnet für das Erzbergerjahr 2021, das das Haus der Geschichte Baden-Württemberg organisiert, verantwortlich. Der Historiker hat auch im Geburtshaus von Matthias Erzberger in Münsingen-Buttenhausen (Landkreis Reutlingen) die Ausstellung in der Erinnerungsstätte konzipiert. Im Interview mit BT-Redakteur Dieter Klink schildert Dowe, welche Umstände zum Mord an dem Zentrumspolitiker geführt haben.

BT: Herr Dr. Dowe, warum sollten wir uns mit Matthias Erzberger beschäftigen?
Dr. Christopher Dowe: Matthias Erzberger ist ein wichtiger Wegbereiter deutscher Demokratie. Deshalb hat das Haus der Geschichte Baden-Württemberg eine Dauerausstellung in seinem Geburtshaus geschaffen. Wir können bei der Beschäftigung mit Erzberger viel darüber lernen, wie sehr Menschen in der Vergangenheit dafür kämpfen mussten, dass wir heute eine Demokratie haben. Und wir können erkennen, wenn wir die Hetze gegen Erzberger als Vertreter der demokratischen Ordnung und seine Ermordung betrachten, wie sehr gefährdet Demokratie immer wieder sein kann und wie wichtig es ist, eine demokratische Kultur zu pflegen. Schließlich kann der Blick 100 Jahre zurück eine Mahnung sein, Entwicklungen entgegenzutreten, wenn andere Menschen herabgesetzt und ihnen das Menschsein abgesprochen wird und die demokratischen Institutionen verächtlich gemacht werden, um sie zu zerstören.

BT: „Die große Herausforderung ist, das Nichtwissen zu überwinden“, schreiben Sie im Katalog zur Erinnerungsstätte Erzberger. An was liegt es, dass er lange in Vergessenheit geriet? War die Ideologie der Nazis so langlebig?
Dowe: Die Nationalsozialisten haben gezielt das Erinnern an Erzberger ausgelöscht, Denkmäler zerstört und verhindert, dass Demokraten weiter an Erzberger erinnern konnten. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben lokale Initiativen an ihn erinnert, aber es hat sich keine breite Erinnerung etabliert. Im Laufe der Bundesrepublik hat sich unser Blick auf die jüngere Geschichte verschoben. Erzbergers Name war mit dem Ersten Weltkrieg und der Schaffung der Demokratie verbunden. Durch die Menschheitsverbrechen der Nationalsozialisten schauen wir aus sehr guten Gründen seit mehr als 50 Jahren sehr viel stärker auf die Zeit des Nationalsozialismus, auf den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust. Das Erinnern an die Weimarer Republik und damit auch an Erzberger ist dadurch leider in den Hintergrund getreten.

BT: Warum wäre es aus Ihrer Sicht wichtig, dass man die Weimarer Zeit mehr in den Blick rückt?
Dowe: In der Gegenwart sehe ich zunehmend weniger Grundkenntnisse darüber, was Demokratie und Rechtsstaat sind, welche Dinge selbstverständlich für eine Demokratie sind, warum eine Demokratie in manchen Dingen etwas langsamer reagiert als eine Diktatur und warum das gut so ist. Es ist daher wichtig, in die Vergangenheit zu schauen und dadurch das Verständnis und die Wertschätzung von Demokratie heute zu steigern. Dies halte ich für eine wichtige Ergänzung zum notwendigen Erinnern an den Holocaust.

BT: Sie sprechen von damaligen „Echokammern des Hasses“: Woran haben diese sich entzündet und was machte sie so gefährlich?
Dowe: Es gab damals bestimmte Themen, die sehr polarisierten. Das hat mit einem extremen deutschen Nationalismus zu tun, der wesentlich für die deutsche Kriegsführung im Ersten Weltkrieg verantwortlich war. Ein Nationalismus, der sich weigerte, realistische Analysen der Kriegssituation zuzulassen und der ausschließlich darauf fixiert war, dass Deutschland als Sieger aus dem Ersten Weltkrieg hervorgehen und Deutschland ein Großraumimperium in Europa schaffen würde. Jeder, der sich dem entgegenstellte, eine kritische Frage stellte oder dem man unterstellte, dass er es tue, wurde als Feind des Vaterlandes, als Verräter gebrandmarkt.

BT. Das war das politische Klima...
Dowe: Ja, das war das politische Klima im Krieg und das haben größere Teilgruppen der deutschen Gesellschaft in die Weimarer Republik hinübergetragen. Diesen Hass auf den äußeren Gegner und all die Landsleute, denen man unterstellte, sie wären schuld, dass man den Krieg verloren hat. Wir verbinden diese Echokammern des Hasses heute mit dem Begriff Dolchstoßlegende. Genauer müsste man sagen: Dolchstoßlüge, die Lüge, die Militärs und gesellschaftliche Eliten des Kaiserreichs in der Weimarer Republik in den Umlauf gesetzt haben, um von ihrem militärischen und politischen Versagen im Krieg abzulenken. Sie gaben den hungernden Menschen in Deutschland an der Heimatfront und den demokratischen Kräften der Weimarer Republik die Schuld daran, dass Deutschland den Krieg verloren hat. Die Politiker, die die Probleme der hungernden Menschen an der Heimatfront angesprochen haben, die den Krieg über Gespräche mit dem Gegner beenden wollten, wie Erzberger und Sozialdemokraten, wurden als Verräter bezeichnet. Daher kam dieser unglaubliche Hass.

BT: Was hat diesen Hass noch geschürt?
Dowe: Die starke politische Machtverschiebung durch die Schaffung der Weimarer Demokratie. Das Kaiserreich war ein Obrigkeitsstaat, in dem bestimmte gesellschaftliche Gruppen, Adlige, Militärs, Teile des Bildungsbürgertums, sich Vorrechte verschafft hatten und ihre politische Macht nicht teilen wollten.

BT: Mit welchen Folgen?
Dowe: Diese Gruppen versuchten, ihre Vorrechte zu verteidigen. Mit der Demokratie wurden sie entmachtet, sie haben plötzlich nur noch dieselben Rechte wie alle anderen. Bei den Wahlen zeigte sich, dass sie eine ganz kleine Minderheit waren. Darauf antworteten sie mit Hetze und Hass, das vergiftete das politische Klima. Dieser Hass wurde dann über Broschüren, über Flugblätter, über Hetzzeitungen in der Gesellschaft verbreitet.

BT: Es zeigte sich, wie wirkungsvoll politische Kampagnen damals waren.
Dowe: Es waren gezielte Kampagnen, die man mit Veranstaltungen unterfüttert hat. Sie müssen sich vorstellen, ein ehemaliger Vizekanzler des Kaiserreichs, Karl Hellferich, stellte sich auf dem Parteitag der DNVP hin, heizte die Menge auf und brüllte: „Fort mit Erzberger.“ Der Parteitag schrie zurück: „Schlagt ihn tot, lyncht ihn.“ Hellferich schrie wieder: „Fort mit Erzberger“, so ging das hin und her, im Wechselgeschrei. Darüber berichteten dann nationalistische Journalisten hellauf begeistert und verbanden das mit der Aufforderung, die Demokratie zu zerstören.

BT: Erzberger war sich selbst der Gefahr bewusst, dass er einer der bestgehassten Menschen der Republik war.
Dowe: Er ist aufgewachsen in einem Dorf, in dem die Katholiken in der Minderheit waren. Er hat ganz früh erlebt, wie es ist, als Minderheit zu leben. Er hat gelernt, dass man als Minderheit seine Interessen ansprechen und vertreten muss. Das zieht sich durch sein Leben. Man muss Kompromisse schließen, das hat er später als Minister auch gemacht, aber man muss denjenigen, die versuchen, die demokratische Ordnung zu zerstören, scharf widersprechen. Er war sich der Bedrohungen durch die Feinde der Demokratie bewusst und trat trotzdem für die Demokratie ein.

BT: Er war also mutig?
Dowe: Ja, und er schöpfte seinen Mut aus einem tiefen katholischen Glauben, wie es den meisten von uns heute fremd ist. Er hat es abgelehnt, schießen zu lernen, obwohl man ihm das 1920 nach dem ersten Attentat auf ihn nahegelegt hat. Er wollte aus religiösen Gründen nicht schießen lernen, er wollte nicht andere Menschen töten. Im Januar 1920 hat er das Attentat in Berlin überlebt, weil die Kugel von der Kette seiner Taschenuhr abgeprallt ist. Erzberger war davon überzeugt, sein Leben liege in Gottes Hand. Und so trat er kämpferisch für seine Überzeugungen ein.

BT: Was bewegt Sie persönlich am meisten, wenn Sie sich mit Erzberger beschäftigen?
Dowe: Mich erschreckt, dass sich insbesondere Akademiker an dieser Hetze gegen Erzberger führend beteiligten. Die Vorstellung, dass mehr Wissen und mehr Bildung vor solchen Taten schützen, ist eindeutig falsch. Mehr Bildung kann man auch nutzen, um Demokratie zu zerstören, um Menschen das Menschsein abzusprechen und um schlimmste Verbrechen zu begehen.

BT: Das stimmt Sie bedenklich?
Dowe: Ja. Aber umgekehrt ist es auch beruhigend, wenn ich beispielsweise nach Baden schaue in der frühen Phase der Weimarer Republik. Da gab es sehr viele Menschen, in unterschiedlichen politischen Lagern, die zwar nicht umfassend informiert waren, aber sehr klar erkannten, dass die Hetze gegen Erzberger nicht nur seiner Person galt, sondern eine Kampagne gegen die Demokratie war. Das beruhigt mich. Wir müssen nicht alle Professoren der Politologie sein, um eine Gefährdung der Demokratie zu erkennen.

BT: Haben Sie den Eindruck, dass das Interesse an Erzbergers Ermordung jetzt zunimmt, weil viele spüren, dass wir auch in einer Zeit von Hass und Hetze leben? Gibt es eine neue Nachdenklichkeit?
Dowe: Ich glaube, ja. Den Eindruck habe ich bei den Gesprächen zur Vorbereitung des Erzberger-Jahres 2021 gewonnen. Die Dehumanisierung des politischen Gegners, dann im nächsten Schritt die Bereitschaft, einen Menschen zu ermorden und einen Mord zu bejubeln. Das ist eine Entwicklung, die sich in der Gegenwart als Gefahr abzeichnet. Die Auseinandersetzung mit Erzberger und seinem Schicksal ist ein deutlicher Warnhinweis darauf, dass man rechtzeitig dagegen vorgehen muss, um unsere demokratische Kultur zu schützen. Die Meinungsvielfalt gehört zur Demokratie, aber auch gepflegter politischer Streit, bei dem man sich hinterher wieder bei einem Bier oder Kaffee in die Augen sehen kann. Das sind elementare Werte, die wir verteidigen müssen.

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