Ego-Trip: Fahrt im Renntaxi

Hockenheim (fde) – Einmal an der Seite eines Profis über die Rennstrecke heizen: Auf dem Hockenheimring ist das möglich. BT-Redakteur Dennis Schmidt hat die rasante Freizeitaktivität getestet.

Mitfahrgelegenheit der ganz besonderen Art: Auf dem Beifahrersitz des Mercedes AMG GTS geht es für drei Runden über den Hockenheimring. Foto: Dennis Schmidt

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Mitfahrgelegenheit der ganz besonderen Art: Auf dem Beifahrersitz des Mercedes AMG GTS geht es für drei Runden über den Hockenheimring. Foto: Dennis Schmidt

Das Frühstück fällt an diesem Morgen bewusst etwas kleiner aus. Der Grund? Ein Profirennfahrer am Steuer eines 510 PS starken Sportwagens – und ich auf dem Beifahrersitz. Renntaxi nennt sich die rasante Freizeitaktivität, die auf dem Hockenheimring angeboten wird. Drei Runden darf ich im Mercedes AMG GTS mitfahren. Ein Biturbo-V8-Ottomotor, 650 Newtonmeter maximales Drehmoment, in 3,8 Sekunden von null auf Tempo 100, Spitzengeschwindigkeit 310 km/h: Schon die nackten Zahlen treiben meinen Adrenalinspiegel in die Höhe.

Gummi- und Benzin-Geruch in Boxengasse

Nach der Anmeldung geht es direkt in die Boxengasse, wo schon ein munteres Treiben herrscht. Neben den Autos stehen die Fahrer – ihre Rennoveralls haben sie noch lässig auf Hüfthöhe hängen. Daneben warten einige Gäste geduldig auf ihre Mitfahrgelegenheit, während andere direkt am Zaun der Start-Ziel-Gerade stehen und hautnah dabei sind, als einige PS-Boliden mit einem Affenzahn an ihnen vorbeisausen. Mit lautem Getöse springt der Motor eines Porsche 911 GT3 an, mit dem ebenfalls Renntaxi-Fahrten möglich sind. Kurz darauf setzt er sich in Bewegung und fährt in Richtung Ausgang der Boxengasse. In der Luft liegt der beißende Geruch von Gummi und Benzin. So wie man sich das eben in einer Boxengasse vorstellt.

Abfahrbereit: Profifahrer Tim von Thun nimmt Dennis Schmidt drei Runden in seinem Taxi mit. Foto: Privat

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Abfahrbereit: Profifahrer Tim von Thun nimmt Dennis Schmidt drei Runden in seinem Taxi mit. Foto: Privat

Nach kurzer Wartezeit bin ich an der Reihe. Viele Vorbereitungen müssen nicht getroffen werden: Eine Frau reicht mir Haar- und Sturmhaube sowie einen Helm, was ich der Reihe nach anlege. Dann kann es auch schon losgehen. Der Mercedes AMG rollt gemächlich in die Boxengasse. Aus der Beifahrerseite steigt ein junger Mann, der den Helm ablegt und sofort breit grinsend seiner Begleitung von seiner wilden Tour erzählt. So schlimm kann es also nicht sein, spreche ich mir still und heimlich selbst Mut zu. Nun bin ich es, der neben Tim von Thun Platz nimmt. Wie es sich für einen Profifahrer gehört, ist er neben einem personalisierten Helm mit Rennoverall und Handschuhen ausgestattet. Haben sie meinen feuerfesten Anzug etwa vergessen? Gedanklich schicke ich noch ein kurzes Stoßgebet gen Himmel, das kann schließlich nie schaden. Der Haftungsausschluss ist ohnehin längst unterschrieben, jetzt gibt es kein Zurück mehr. Ich schnalle mich an, die Ampel ist grün – und schon gibt von Thun Gas. Dass er bereits mehr als 2.000 Runden auf dem Hockenheimring absolviert hat, verrät er mir erst später.

Von 250 auf rund 50 km/h abgebremst

Als wir losrollen, steigt mein Adrenalinpegel spürbar. „Links siehst Du die weiße durchgezogenen Linie. Da dürfen wir nicht drüberfahren, weil wir aus der Boxengasse kommen“, beschreibt von Thun die aus dem Motorsport bekannte Regel, an die auch wir uns zu halten haben. Die ersten Meter fühlen sich noch relativ harmlos an, doch das bleibt nur eine Momentaufnahme: die sogenannte Parabolika wartet. Auf diesem schnellsten Abschnitt der gesamten Rennstrecke peitscht der Profi den AMG in Sekundenschnelle auf rund 250 Stundenkilometer. Hätte ich vielleicht doch besser ganz aufs Frühstück verzichtet? Viel Zeit, um darüber zu sinnieren, bleibt nicht. Abrupt bremst von Thun den Wagen vor der Spitzkehre ab. „Das ist der gemeinste Streckenabschnitt fürs Auto, weil von V-Max auf rund 50 km/h abgebremst wird“, erklärt der Profi. Das gilt nicht nur für den Wagen. Auch für den Beifahrer ist die Stelle fies, denn mit so einem scharfen Tritt in die Eisen habe ich nicht gerechnet. Spätestens jetzt bereue ich wirklich jeden Bissen.

Die Devise lautet Safety first

Mein Taxifahrer tut alles dafür, dass mein Adrenalinausstoß am Anschlag bleibt. Nach der scharfen Kurve geht’s mit Vollgas weiter geradeaus durch einen Rechtsknick in Richtung Mercedes-Tribüne. „Das ist mein Lieblingsturn“, verrät mir der Profi beim Absolvieren der rasanten Passage. Für die nächste Linkskurve drosselt er wieder das Tempo, nur um fast schon beiläufig zu erwähnen: „Wenn man das wollte, könnte man die Kurve auch komplett durchdriften.“ Seine „Drohung“ setzt er nicht in die Tat um, schließlich gilt stets die Devise: Safety first. „Wir fahren nicht auf der letzten Rille, sondern so, dass wir immer noch Sicherheitsreserven haben.“

Dass er jederzeit Herr der Lage ist, wird mir Sekunden später bewusst. Plötzlich schießt aus dem nichts ein anderer Sportwagen rechts an uns vorbei. Was ich nichtmal im entferntesten habe kommen sehen, hat mein Chauffeur natürlich im Blick gehabt. Mit dem Blinker habe er dem anderen Wagen zu erkennen gegeben, an welcher Seite er vorbeiziehen kann. Parallel zu den Renntaxis sind an diesem Tag auch ein paar Nachwuchsfahrer auf der Strecke. Anders als bei uns steht für sie nicht der Spaß im Vordergrund, sondern einzig und allein eine möglichst gute Rundenzeit. „Die haben stets Vorrang“, sagt von Thun, der dafür gerne auf seine Ideallinie verzichtet. Den Fahrspaß mindert der Verkehr auf der Strecke ohnehin nicht, vielmehr kommt durch solche Überholmanöver noch mehr Rennsport-Gefühl auf.

Bei Geschwindigkeiten von bis zu 250 Stundenkilometern im Mercedes AMG GTS ist ein hoher Adrenalinspiegel garantiert. Foto: Dennis Schmidt

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Bei Geschwindigkeiten von bis zu 250 Stundenkilometern im Mercedes AMG GTS ist ein hoher Adrenalinspiegel garantiert. Foto: Dennis Schmidt

Nach einer kurzen Geraden biegen wir rechts ab, wo die Tribüne die Strecke umrahmt. Es folgt die Sachskurve und eine Schikane. „Anbremsen, schön rechts über den grünen Curb, wieder Gas geben“: Seelenruhig – als würde er die Nachrichten vorlesen – kommentiert von Thun all seine Aktionen und lässt mich als Passagier dadurch erleben, wie komplex sein Job am Steuer ist. Seine souveräne Performance nimmt mir jegliche Anspannung. „Jetzt kommt die Zweifach-Rechts auf Start-und-Ziel“, lautet die nächste Ansage. Kaum haben wir den Abschnitt passiert, heißt es: „Feuer frei.“ Jetzt bin ich es, der mit Vollgas an den Zuschauern am Zaun der Boxengasse vorbeiheizt.

Schwitziger Rücken schon nach Runde eins

Wie im Flug haben wir bereits das erste Mal die rund 4,7 Kilometer zurückgelegt. Zwei weitere Runden folgen. Erst jetzt bemerke ich, dass mein Rücken schon schweißnass ist und sich ein leichtes Druckgefühl im Kopf bemerkbar macht. Ein hartes Abbremsen erst kurz vor einer Kurve und sofort wieder der gezündete Turbo auf der Geraden, nehmen mich körperlich ganz schön mit – das hätte ich so nicht erwartet. Trotzdem genieße ich jede Sekunde auf der Strecke und steige nach Runde drei wie mein Vorgänger mit einem breiten Grinsen aus.

Auch von Thun gesteht im Anschluss, dass er einen schwitzigen Rücken hat. „Aber das liegt am feuerfesten Anzug“, bemerkt er lachend. Während ich erstmal einen Schluck Wasser trinken muss und dabei tief durchatme, steigt schon wieder der nächste Passagier ein. Zwar müsse er stets wachsam sein, erklärt der Profi, aber „mit der Konzentration ist das kein Problem“. Nach sieben bis acht Fahrten übernimmt seine Kollegin das Steuer und er macht eine Pause. „Danach ist die Konzentration wieder da.“

Auch im Porsche 911 GT3 sind Renntaxi-Fahrten möglich. Foto: Dennis Schmidt

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Auch im Porsche 911 GT3 sind Renntaxi-Fahrten möglich. Foto: Dennis Schmidt

Wer selbst einmal hinter das Steuer will, kann eines der Race’n’Roll-Pakete buchen. Dann sitzt der Coach auf dem Beifahrersitz und gibt Tipps. Aber auch bei dieser Variante werden am Schluss für ein paar Runden die Plätze getauscht, und der Profi zeigt, wie es richtig geht. Mit einer Kamera oberhalb der Mittelkonsole wird die komplette Fahrt auf Wunsch aufgezeichnet. So lässt sich der Adrenalin-Kick auch am heimischen Fernseher noch einmal entspannt nachfühlen – ganz sicher ohne schweißnassen Rücken.

Infos: In diesem Jahr gibt es noch einen weiteren Renntaxi-Termin auf dem Hockenheimring: Mittwoch, 11. August. Drei Runden im Mercedes AMG GTS kosten 299 Euro (Porsche 911 GT3: 249 Euro). Weitere Infos: www.hockenheimring.de

Ihr Autor

BT-Redakteur Dennis Schmidt

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Erstellt:
7. August 2021, 16:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 46sec

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