Ego-Trip im Baden-Badener Kurgarten

Baden-Baden (sga) – „Pique Dame“ vor dem Kurhaus: BT-Redakteurin Sarah Gallenberger hat zwar keinen grünen Daumen, hilft beim Setzen der Tulpenzwiebeln aber trotzdem mit.

Voll im Einsatz: Sarah Gallenberger unterstützt Klaus Schattling beim Setzen der Zwiebeln. Foto: Markus Brunsing

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Voll im Einsatz: Sarah Gallenberger unterstützt Klaus Schattling beim Setzen der Zwiebeln. Foto: Markus Brunsing

Ich liebe Blumen, aber sie mich leider nicht so sehr. Jede Pflanze, die ich anfasse, scheint den Überlebenswillen zu verlieren. Deshalb darf ich der Orchidee auf unserer Fensterbank noch nicht mal einen Blick zuwerfen, weil mein Lebensgefährte sich sicher ist, dass sie am nächsten Tag vor Schreck sofort ihre zarten Blüten fallen lassen würde.

Bisher habe ich mich noch nicht getraut, dieses enorme Risiko einzugehen. Denn ich bin mir sicher, dass ich den „grünen Daumen“ von meiner Oma geerbt habe: „Bei mir überleben nur NB’s“, wie sie immer sagt. NB im Sinne von „Nichtblüher“, versteht sich. Das erzähle ich auch Markus Brunsing, bevor ich an diesem Morgen den Gärtnern vor dem Kurhaus dabei helfe, die Tulpenzwiebeln für das nächste Jahr in das Beet zu setzen. Dem Gartenamtschef ringe ich damit ein Grinsen ab: „Da kann man nicht viel falsch machen“. Da würde mein Lebensgefährte natürlich sofort ein Veto einlegen.

Als ich um 9 Uhr vor das Kurhaus laufe, wartet Gärtnermeister Klaus Schattling bereits auf mich. „Wir sind schon seit 7 Uhr hier“, erklärt Peter Hui, der in den Kuranlagen Vorarbeiter ist und beobachtet, wie Roman Schlude, Hussin Sadeghi und Christian Felix in der Erde Hand anlegen. Dort liegen sie schon, meine Endgegner. „Wir haben die Tulpenzwiebeln vorher in verschiedene Eimer gefüllt und platzieren jede Sorte nacheinander“, erklärt mir Schattling. „Sonst kommen wir durcheinander“, und das wäre schade, denn Brunsing hätte umsonst an einem Farbkonzept gearbeitet, bei dem eben nicht jede Tulpe willkürlich aus der Erde sprießt.

„Dieses Jahr haben die Beete lang gehalten“

Damit die Gärtner tätig werden können, wurden in der vergangenen Woche die Sommerblumen abgeräumt. „Dieses Jahr haben die Beete lang gehalten“, freut sich Brunsing, der bereits seit Monaten die Blütenpracht für den Frühling vorbereitet. „Insgesamt setzen die Gärtner in diesem Herbst mehr als 100.000 Frühjahrs-Blumenzwiebeln in mehr als 100 verschiedenen Arten und Sorten“, allein 7.690 davon landen im Kurgarten.

Keine Sorge, liebe Leser. Ich werde nicht für alle dieser Blumen verantwortlich sein, das wäre bei meinem fehlenden Talent nämlich äußerst verantwortungslos. Stattdessen versuche ich mich an einzelnen Zwiebeln, als ich mich an diesem Morgen mit einem kleinen Spaten in der Hand in die Erde stelle. Es nieselt etwas, aber der Boden ist noch trocken, „zum Glück“, weiß Schattling, denn „sonst verdichtet er sich und die Tulpen wachsen nicht richtig“.

Und sie wachsen auch dann nicht richtig, wenn jemand genau dort auf die Erde tritt, wo bereits Zwiebeln gesetzt wurden. Super also, dass mich mein erster Schritt auf genau so eine Stelle führt. „Wenn es geht, nicht dort“, bittet Schattling. Ich bin also nicht nur in ein Fettnäpfchen, sondern auf verbuddelte Zwiebeln getreten. „Falls dort eine Tulpe krumm wächst, taufen wir sie einfach Sarah“, sagt Brunsing lachend. Diesen Teil werde ich beim Erzählen heute Abend wohl lieber weglassen, sonst darf ich das Zimmer, in der die Orchidee steht, gar nicht mehr betreten.

Etwas verunsichert platziere ich meine Füße dort, wo sie hingehören, und beuge mich nach unten. „Die Löcher schön tief“, Schattling macht es vor. Ich schaue es mir ab und stecke den Spaten in die Erde. „Ruhig mit etwas Wumms“, schmunzelt der Gärtnermeister. Aber für ein bisschen Wumms braucht man ein wenig Kraft, und da frage ich mich, ob ich kleines Pflänzchen mich vielleicht einfach zu den Zwiebeln legen soll.

Natürlich gebe ich trotzdem mein Bestes und grabe tiefere Löcher, in die ich die Tulpenzwiebeln lege. Immer schön mit der Spitze nach oben, so hat es mir Schattling zu Beginn erklärt. Dafür aber natürlich in Zeitlupe (keine Kraft und kein grüner Daumen, Sie wissen ja). Einen Blick nach hinten, wo sich die erfahrenen Gärtner über das Beet beugen, wage ich nur einmal, damit mir selbst nicht so sehr auffällt, wie laienhaft meine Arbeit ausfällt.

20 Minuten Anstrengung

In der Hocke sitzend bewege ich mich rückwärts auf dem Beet. Auch, um einen Überblick darüber zu bekommen, wo ich die Zwiebeln bereits gesetzt habe, und nach wenigen Minuten dann doch eben diesen Überblick nicht mehr zu haben. Denn meine fehlende Erfahrung fällt mir genau dann in den Rücken, als ich mich nicht mehr daran erinnern kann, welchen Teil der Erde ich schon bearbeitet habe. „Sie machen das gut“, lobt mich Brunsing. Ich bin mir nicht sicher, ob er einfach nur wirklich nett ist.

Nach 20 Minuten ist mein Einsatz zu Ende. Das ist nicht schlimm, weil ich bereits jetzt bemerkt habe, wie anstrengend Gartenarbeit sein kann. Umso mehr freue ich mich darüber, das erfahrene Männer und Frauen sich um das rot-weiß-schwarz-grüne Farbkonzept kümmern, das Brunsing wieder an den Osterfestspielen und diesmal somit an Pjotr Iljitsch Tschaikowskis „Pique Dame“ orientiert.

Vielleicht findet so mancher Casino-Besucher sein Spielglück beim Anblick des bunten Beetes vor dem Kurhaus. Währenddessen werde ich im Frühjahr unauffällig dort vorbeischauen und nach einer krumm wachsenden Tulpe Ausschau halten.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Sarah Gallenberger

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Erstellt:
20. Oktober 2021, 06:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 35sec

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