Egotrip: Ein Abend mit dem Football-Team Offenburg

Offenburg (moe) – BT-Redakteur Moritz Hirn hat sich beim Training mit den Offenburg Miners im American Football versucht und wurde wahrhaft umgehauen. Im Weg stand ihm allerdings kein Footballer.

Liegestützen, Ausfallschritte, Übersteiger: Aufwärmprogramm im Drill-Instructor-Stil (links). Danach wird Hand angelegt – am Brustpanzer. Foto: Frank Seiter

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Liegestützen, Ausfallschritte, Übersteiger: Aufwärmprogramm im Drill-Instructor-Stil (links). Danach wird Hand angelegt – am Brustpanzer. Foto: Frank Seiter

Hier“, sagt Fabian, den alle nur „Donut“ nennen, „damit wir dich nachher umboxen können.“ Er reicht mir einen in Plastik eingeschweißten, offenbar fabrikneuen Mundschutz. Es ist ein kleiner, zweifelsohne nett gemeinter Versuch mich einzuschüchtern. Was Donut nicht weiß: Ich bin auf Schmerzen vorbereitet. Mental, aber auch logistisch. Ich habe meinen eigenen Mundschutz dabei. Was ich nicht weiß: Es sind nicht Football-Helme, die krachend aufeinanderprallen, die mich außer Gefecht setzen. Auch nicht zwei Zentner schwere Muskelberge, die mich zu Boden werfen. Und auch nicht die sogenannte Tackle Alley, eine Art Spießrutenlauf durch ein Spalier aus kühlschrankgroßen Gegenspielern. Nein, all das stoppt mich nicht – aber meine rechte Wade.

American Football boomt in Deutschland. Das hat in erster Linie mit der medialen Präsenz der National Football League (NFL) zu tun, der US-amerikanischen Eliteliga. Seit einigen Jahren übertragen ProSieben und Sat.1 während der Saison Ligaspiele. Und das große Finale: den Super Bowl. Im Free-TV wohlgemerkt. Anfang des Jahres sahen 2,4 Millionen Menschen hierzulande das Duell zwischen den Tampa Bay Buccaneers und den Kansas City Chiefs. Ein neuer Rekord. Immer mehr kommt der Trend in der Provinz an, auch die Offenburg Miners spüren positive Effekte. „Wir merken das. Es kommen immer wieder neue Spieler und wollen mitmachen“, sagt Maurizio Nici, 52-jähriger Headcoach der Miners. Heute mache ich mit.

„Man muss auch ein bisschen verrückt sein“

Wenn es um US-Sport geht, ist Basketball meine ganz klare Nummer eins. Aber auch Football habe ich schon vor dem großen Hype verfolgt: Im TV, live vor Ort bei einem College-Spiel in Nordamerika, aber auch bei den Badener Greifs in Karlsruhe. Das vermeintlich undurchschaubare Regelwerk des „Schach mit Kühlschränken“ hat mich stets weniger abgeschreckt, als mich die spektakulären Spielzüge und die physische Wucht angefixt haben. Aber selbst Football spielen? Abgesehen vom lockeren Werfen des eiförmigen Leders hat sich schlichtweg nie die Gelegenheit ergeben. Bis vor ein paar Wochen. Durch meinen Optiker.

Alexander Uhl sorgt für meinen Durchblick. Nach der Arbeit macht er bei den Miners den ganz schweren Jungs als Offensive Line Coordinator Beine. Bisweilen steht der 34-Jährige auch noch selbst an der Line of Scrimmage. Über Sport-Smalltalk sind wir auch auf Football gekommen. Auf seine Miners. Und am Ende auf eine Einladung zum Training. Und nun stehe ich hier. Montagabend kurz vor 20 Uhr. Schaiblestadion in Offenburg. Der Kunstrasen dampft noch vom jüngsten Platzregen. Was – abgesehen von einem Mundschutz – muss man also mitbringen, um beim Football zu reüssieren?

Die Antwort ist niederschwellig: „In erster Linie muss man Bock haben“, sagt Headcoach Nici. Den Pfälzer hat die Leidenschaft Football vor einem Vierteljahrhundert gepackt. Seit fünf Jahren ist er Cheftrainer bei den Miners und hat Football in der Ortenau – 2016 ist der Verein aus Lahr wegen deutlich besserer Perspektiven nach Offenburg übergesiedelt – auf ein neues Level gehoben. Die drittklassige Regionalliga ist das mittelfristige Ziel der Miners, die aktuell in der Bezirksliga Baden-Württemberg spielen.

„In erster Linie muss man Bock haben“: Dazu zählt auch das Warm-up-Training im Drill-Stil. Foto: Frank Seiter

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„In erster Linie muss man Bock haben“: Dazu zählt auch das Warm-up-Training im Drill-Stil. Foto: Frank Seiter

Nur mit Spaß lässt sich das freilich nicht erreichen. „Man muss auch ein bisschen verrückt sein“, betont Dustin Clarke, lange Jahre Miners-Spieler in der Offensiverreihe. Auch dafür ist wiederum Nici ein ziemlich gutes Beispiel: Zweimal fährt der Cheftrainer 120 Kilometer aus der Pfalz zum Training nach Offenburg. Einfach. Auf dem Weg sammelt er obendrein eine Handvoll Spieler ein, denn trotz des Booms: Viele Football-Clubs gibt es nicht in der badischen Rheinschiene. Karlsruhe, Offenburg, Freiburg – das wars.

„Was erwartet mich heute?“, frage ich den Coach, den alle nur Mauri nennen. „Warm-up, Techniktraining – und am Ende noch ein bisschen Kontakt“, sagt der Trainer und grinst. Auf der Leinwand im Kopfkino krachen Knochen aufeinander. Und es wird noch schlimmer. „Die meisten“, sagt Mauri über Rookies wie mich, „machen schon beim Aufwärmen schlapp.“ Ich nicht. Drei lockere Laufrunden um den Platz öffnen die Drüsen, das anschließende Programm im Drill-Instructor-Stil treibt die Schweißperlen aus der Haut. Aber Angstschweiß ist das nicht.

Für mich als langjähriger Fußballer ist die sportliche Ouvertüre dennoch etwas Besonderes. Ein bisschen wie im Bootcamp: klare, knackige, kompromisslose Ansagen: Liegestützen. „Ready? Go!“ Ausfallschritte. „Ready? Go!“ Übersteiger. „Ready? Go!“ Rhythmisches Klatschen als stetiger Katalysator. Überhaupt: Ständig wird sich gegenseitig abgeklatscht. Hornhautgefahr, aber auch das coole Gefühl dazuzugehören.

Ein Sprint durch ein Meer aus Plastikhütchen. Foto: Frank Seiter

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Ein Sprint durch ein Meer aus Plastikhütchen. Foto: Frank Seiter

Nach dem Warm-up werden wir in unterschiedliche Gruppen aufgeteilt. Das ist nicht weiter verwunderlich, schließlich stehen knapp 50 Mann auf dem Platz, darunter übrigens auch ein Dutzend Südbadenliga-Handballer, die die fachfremde Einheit zum Teambuilding nutzen. Ich darf zu den Receivern, also zu den Offensivspielern, die auf dem Feld fürs Bälle fangen zuständig sind. „Sehr gut“, denke ich mir. Wäre Football ein Wunschkonzert, hätte ich mir genau das ausgesucht. „Football ist mehr als nur Bälle fangen“, nimmt mir Jan, der Receiver-Trainer, die Illusionen. Vor das Fangen hat der Football-Gott die „Cutting Drills“ gesetzt. In den nächsten 50 Minuten sprinten wir durch ein Meer aus Hütchen: Rechts, links, kreuz, quer, vorwärts, rückwärts, im Kreis. Tempo machen, abstoppen – und wieder von vorne.

„Du hast einen knallroten Kopf“, mustert mich Peter Aukthun, der sportliche Leiter. Der hat gut reden. Im Vergleich zu vielen anderen, sprinte ich in voller Kampfmontur durch die Parcours. Mit Brustpanzer, der das Atmen zusätzlich erschwert, und mit Helm, der das Sichtfeld überraschend stark einschränkt. Das hatte ich in diesem Ausmaß nicht erwartet. Dass ich derart ins Schwitzen komme, indes schon. Weil ich mir nicht sicher bin, ob ich den geliehenen Kopfschutz wieder unfallfrei selbst anziehen kann, lasse ich ihn auch in den Trinkpausen auf. Das macht die Sache nicht gerade leichter.

Nach der dritten Station japse ich nach Luft, der Schweiß rinnt durch den Helm. Besonders fies: Nur zehn Meter weiter schäkert BT-Fotograf Frank Seiter mit einem Dutzend Cheerleaderinnen, die parallel Hebefiguren trainieren. Die „Miners Cheer Squad“ ist eine eigene, florierende Abteilung.

Bevor die Footbälle ins Spiel kommen, geht es erst mal an die Konzentrationsübungen. Foto: Frank Seiter

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Bevor die Footbälle ins Spiel kommen, geht es erst mal an die Konzentrationsübungen. Foto: Frank Seiter

Endlich kommen Bälle ins Spiel. Aber noch keine Foot-, sondern Tennisbälle. Coach Jan will unsere Hand-Augen-Koordination schulen. Zweierteams, sechs Bälle, die wir uns im Dauerfeuer zuwerfen und fangen, drei pro Hand. Ich stelle mich klasse an, finde ich. Ehrlich sogar besser als mein etabliertes Gegenüber. Doch auch im Football gilt: Hochmut kommt vor dem Fall. Im wahrsten Sinne der Redewendung. Mittlerweile fangen wir auch Footbälle, die uns drei Quarterbacks um die Ohren werfen. Sprint geradeaus, Richtungswechsel, über die rechte Schulter schauen – und das heransausende Ei aus der Luft pflücken. Auch das klappt ordentlich – bis um 21.15 Uhr. Beim xten Sprint mit Richtungswechsel streikt meine Muskulatur. In der rechten Wade macht es „Plopp“. Als hätte ich gerade eine Flasche Milch geöffnet. Ein stechender Schmerz. Ich sinke zu Boden. Nichts geht mehr. „Ready? No!“

Die Selbstdiagnose ist schnell gestellt: veritabler Muskelfaserriss. „Tu‘ dir nicht weh“, hat mich meine Frau vor der Fahrt nach Offenburg verabschiedet. Hat offensichtlich nicht geklappt. „Alles okay?“, fragen die Mitspieler. „Geht so“, antworte ich und humple verärgert und auch ein bisschen enttäuscht zur Seitenlinie. Noch bevor es richtig kracht, kracht meine Wade. Es rächt sich, dass ich mit meinen fast 40 Jahren zuletzt mehr Masse – keine Muskeln – statt Kondition aufgebaut habe.

Der Vollkontakt durch die Tackle Alley (Mauri: „Das macht Bumm!“) ist für mich nun natürlich passé. Wobei, zumindest probieren könnte ich es doch, oder? „Nein, das machen wir nicht“, sagt Headcoach Mauri mit unmissverständlich klarem Pfälzisch: „Das verantworte ich nicht! Komm einfach nochmal wieder.“ Abgemacht! Durch die Tackle Alley will ich irgendwann nochmal durchsprinten – „montags und donnerstags ist Training“, sagt Donut.

Ihr Autor

BT-Redakteur Moritz Hirn

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Erstellt:
14. August 2021, 14:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 58sec

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