Ehepaar wehrt sich gegen Mietshaus-Abriss

Rastatt (dm) – Die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben will ein altes Mehrfamilienhaus im Zay abreißen und dort ein neues errichten. Zwei Bewohner kämpfen um den Erhalt. Der Fall ist vor Gericht.

Den Altbau in der Veilchenstraße 3 in Rastatt will die Bima abreißen. Sie sieht ihn in einem entsprechend schlechten Zustand. Stattdessen soll ein neues Wohnhaus errichtet werden. Foto: Daniel Melcher

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Den Altbau in der Veilchenstraße 3 in Rastatt will die Bima abreißen. Sie sieht ihn in einem entsprechend schlechten Zustand. Stattdessen soll ein neues Wohnhaus errichtet werden. Foto: Daniel Melcher

Als Christel und André Merten im Juli 2014 in die Veilchenstraße 3 nach Rastatt zogen, dachten sie, ein langfristiges Zuhause gefunden zu haben. Der Altbau, in dem sie eine Drei-Zimmer-Wohnung bezogen, traf genau ihre Vorstellungen; „bis zu ihrem Lebensende“ sollten sie dort bleiben können, habe es vonseiten des Vermieters geheißen, immerhin die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima), eine Anstalt des öffentlichen Rechts. Doch es kam anders: Im Januar 2020 flatterte die Abrisskündigung ins Haus. Das Gebäude soll einem Neubau weichen. Die Mertens wehren sich vor Gericht dagegen.
Das 1925 erbaute Haus ist in die Jahre gekommen, keine Frage. Von den Fensterläden blättert das Holz ab, die Balkone könnten neue Farbe vertragen, ansonsten aber ist auf den ersten Blick nichts auffällig. Keine Risse zeigen sich in der Fassade, die Fenster – 2008/09 erneuert – sind doppelverglast, mit Rollläden ausgestattet, die Eingangstüren gerade mal drei Jahre jung, das Treppenhaus wurde vor zwei Jahren frisch gestrichen und zwei Wohnungen vor nicht langer Zeit saniert. Eine der leer stehenden Wohnungen zeigt sich unter anderem mit neuem Boden, neuem Heizregler, neuen Türen: Einzugsbereit liegt sie da.

„Wir dachten, wir sind im falschen Film“

Dass hier ein Abriss bevorsteht, hätte sich das Ehepaar nie träumen lassen. Als die Abrisskündigung kam, „dachten wir, wir sind im falschen Film“.

Die Bima sieht das Gebäude jedoch in einem so schlechten Zustand, dass ein Abriss die wirtschaftlichste Lösung sei, wie sie schreibt. Schon Mitte 2021 wollte man eigentlich mit dem Neubau beginnen. Doch das Angebot, dass man den Mertens machte – den Bezug einer Wohnung im benachbarten Bima-Gebäude Langemarckstraße 7 – schlugen diese aus, anders als andere Mieter in dem Haus. Eine Räumungsklage war die Folge.

Auf einen Vergleich ließ sich das Ehepaar nicht ein, das die Argumentation der Bima in Zweifel zieht. Das Dach undicht? Habe bislang jedem Sturm standgehalten, sagen die Mertens. Und: „So trocken, dass man da sogar Wäsche aufhängen kann.“ Risse im Putz? Zeigen sich tatsächlich im Treppenhaus der Langemarckstraße 7, nicht aber in der Veilchenstraße 3, wo die Mertens wohnen. Eine Instandsetzung der Heizzentrale/Technikräume sei erforderlich? Gibt es in der Veilchenstraße mit den teils erneuerten Gas-Etagenheizungen gar nicht – wohl aber in der Langemarckstraße, wo noch mit Öl geheizt wird. Ein Verdacht des Ehepaars: Hier liegen möglicherweise Verwechslungen vor.

Bei der Bima dementiert man etwaige Ungereimtheiten. In der Veilchenstraße habe man altersbedingte Schäden der technischen Ausstattung, eine schlechte Energiebilanz sowie Wasserschäden am Tragwerk im Keller. Die zurückliegenden Arbeiten, die die Bima bestätigt, hätten nicht die Substanz betroffen, sondern seien lediglich Renovierungs- und Instandhaltungsmaßnahmen gewesen, um das Gebäude wohntauglich zu halten. Dass man das Haus nun abreißen will, begründet man zudem damit, dass das Gebäude auch nach umfassender Sanierung ein in der Substanz altes Haus bleiben würde. Dafür schaffe man neuen Wohnraum. Acht statt wie bisher sechs Wohnungen sollen entstehen; allerdings nicht mehr zu den bisherigen Mietpreisen.

Gutachter hat das Wort

Die Begründungen der Bima sehen Christel und André Merten „an den Haaren herbeigezogen“ – zumal die angebotene Wohnung im Haus Langemarckstraße 7 in ihren Augen nicht einmal einen gleichwertigen Ersatz darstelle. Laut Bima ist der dortige Gebäudezustand „insgesamt gut“, mit gedämmtem Dach und sanierter Fassade (lediglich die Klappläden seien größtenteils sanierungsbedürftig). Das Ehepaar stellt indes fest: Im Gegensatz zur Veilchenstraße keine Rollläden, kein Balkon, keine Gegensprechanlage, hellhörig, eine alte Ölzentralheizung. Seit Anfang Januar schauen sie sich auch anderweitig auf dem Mietmarkt um. Nüchternes Ergebnis: „Etwas annähernd mit unserer jetzigen Wohnung Vergleichbares haben wir bislang nicht gefunden.“

Noch wollen sie die Hoffnung nicht aufgeben. Nicht nur an den Mieterverein, auch an den Grünen-Landtagsabgeordneten Thomas Hentschel haben sie sich gewandt. Der hat sich das Gebäude angeschaut und nun ein Schreiben an die Bima geschickt. Zum Rechtsstreit selbst will er sich nicht äußern. Der Abgeordnete zeigt sich aber nach erstem Eindruck erstaunt darüber, dass man ein Gebäude dieser Substanz nicht mehr nutzen wolle und stellt in Sachen Kosten-/Nutzenrechnung auch Fragen nach den ökologischen Kosten eines Neubaus – gerade in Bezug auf Beton und den damit zusammenhängenden CO2-Ausstoß. Und: Gehöre es nicht auch zu den Versorgungsaufgaben des Bunds, bezahlbaren Wohnraum stehen zu lassen?

Jetzt hat erst einmal ein Gutachter das Wort, den das Amtsgericht im Zuge des Rechtsstreits zur Klärung des Gebäudezustands beauftragt hat.

„Wir dachten, wir sind im falschen Film“: Christel und André Merten. Wie es mit der Gebäudesubstanz aussieht, soll nun ein vom Gericht bestellter Gutachter klären. Daniel Melcher

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„Wir dachten, wir sind im falschen Film“: Christel und André Merten. Wie es mit der Gebäudesubstanz aussieht, soll nun ein vom Gericht bestellter Gutachter klären. Daniel Melcher

Ihr Autor

BT-Redakteur Daniel Melcher

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Erstellt:
3. Mai 2021, 18:00 Uhr
Lesedauer:
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