„Eigene Bedürfnisse nicht länger hintanstellen“

Gaggenau (for) – Die Gefahr eines Herzinfarkts bei Frauen wird häufig unterschätzt, Symptome oft übersehen. Das liegt mitunter daran, dass Alarmsignale diffus sind und oft nicht ernst genommen werden.

„Insbesondere nach der Menopause steigt bei Frauen das Risiko für einen Herzinfarkt“, weiß Dr. Elisabeth Rölleke. Foto: privat

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„Insbesondere nach der Menopause steigt bei Frauen das Risiko für einen Herzinfarkt“, weiß Dr. Elisabeth Rölleke. Foto: privat

Männer bekommen einen Herzinfarkt und Frauen Brustkrebs. Diese landläufige Meinung ist noch immer in vielen Köpfen verankert – doch sie ist nicht ganz richtig, weiß die Gaggenauer Kardiologin Dr. Elisabeth Rölleke. Auch Frauen können einen Herzinfarkt erleiden. Das Tückische daran: Bei vielen Frauen bleibt er unentdeckt. Laut Statistik sterben Frauen sogar häufiger als Männer an einem Herzinfarkt, wie Rölleke im Interview mit BT-Redakteurin Janina Fortenbacher sagt.

Höhere Sterblichkeit bei Frauen

BT: Frau Rölleke, die Sterblichkeit aufgrund eines Herzinfarkts ist bei Frauen höher als bei Männern. Woran liegt das?
Elisabeth Rölleke: Einer der Gründe ist sicherlich, dass Frauen den Infarkt in der Regel etwa 15 Jahre später als Männer entwickeln. Das heißt, sie sind dann meist schon zwischen 70 und 80 Jahre alt, also wesentlich älter und haben entsprechend auch oft schon andere zusätzliche Erkrankungen.

BT: Hat es einen Grund, dass Frauen im Schnitt erst später einen Herzinfarkt bekommen als Männer?
Rölleke: Zunächst einmal sollte man betonen, dass das Mittelwerte sind. Es gibt natürlich auch jüngere Frauen, die einen Infarkt bekommen. Meistens nimmt die Infarkthäufigkeit aber erst nach der Menopause zu. Davor sind die Frauen in gewisser Weise durch Hormone geschützt.

BT: Was heißt das?
Rölleke: Häufig entwickeln Männer schon im Alter von 50 Jahren einen hohen Blutdruck. Bei den Frauen kommt das oft erst mit der Hormonumstellung. Es gibt viele Frauen, die in jungen Jahren immer sehr niedrige Blutdruckwerte haben und dann plötzlich mit 60 oder 65 Jahren hohe Blutdruckwerte entwickeln. Das hat etwas mit der hormonellen Umstellung nach der Menopause zu tun. In dieser Zeit schwinden die weiblichen Hormone und mit ihnen der natürliche Schutz für die Blutgefäße. Allgemein verändert sich im Körper einer Frau viel während der Wechseljahre.

BT: Das heißt, Frauen, die in jungen Jahren immer einen niedrigen Blutdruck hatten, wiegen sich dann in falscher Sicherheit?
Rölleke: Das kann durchaus passieren. Frauen sollten deshalb nach den Wechseljahren ihre Blutwerte untersuchen lassen und im Auge behalten.

Hoher Blutdruck als Risikofaktor

BT: Hoher Blutdruck kann also ein Risikofaktor für einen Herzinfarkt sein. Gibt es noch andere Risikofaktoren?
Rölleke: Durchaus. Insbesondere bei jüngeren Patienten jedes Geschlechts ist Rauchen ein ganz großer Risikofaktor. Weitere Risikofaktoren sind erhöhte Cholesterinwerte, besonders in Kombination mit einer positiven Familienanamnese. Wenn also familiär Infarkte gehäuft auftreten, dann ist es immer sinnvoll, frühzeitig präventiv zu handeln und die Cholesterin- und Blutdruckwerte untersuchen zu lassen. Auch Diabetes mellitus spielt eine große Rolle, insbesondere mit zunehmendem Alter. Gerade bei Diabetes Typ 2 dauert es aber häufig sieben bis acht Jahre, bis die Krankheit überhaupt entdeckt wird, weil der Typ 2 keine Beschwerden verursacht. Hier spielt die familiäre Neigung ebenfalls eine große Rolle. Bei genetischer Veranlagung sollte man also verstärkt darauf achten.

BT: Kann Stress auch ein Risikofaktor sein?
Rölleke: Stress und emotionale Erregungen können insbesondere bei Frauen zum sogenannten Broken-Heart-Syndrom, auch Takotsubo-Syndrom genannt, führen. Die Patienten leiden unter vielfältigen Bewegungsstörungen des Herzmuskels und einer eingeschränkten Pumpfunktion der linken Herzkammer. Im Herzecho der Betroffenen zeigt sich ein charakteristisches Bild mit einer teilweise ballonartigen Aufweitung der linken Herzkammer ähnlich der japanischen Tintenfischfalle mit dem Namen Takotsubo. Im Prinzip handelt es sich dabei um einen Herzinfarkt. Bei genauem Hinschauen stellt man aber fest, dass die Herzkranzgefäße nicht verstopft sind.

Belastungs-EKG für Diagnose ungeeignet

BT: Ist es trotzdem sinnvoll, regelmäßig die Gefäße anschauen zu lassen?
Rölleke: Was die Herzkranzgefäße machen, kann ich im Ultraschall nicht sehen. Aber es macht schon Sinn, bei Risikopatienten zu schauen, wie die anderen Gefäße aussehen – etwa die Halsschlagadern. Wenn dann erkannt wird, dass bereits Gefäßveränderungen vorliegen und ich zusätzlich weiß, dass die Patientin ohnehin ein hohes Risiko für einen Herzinfarkt hat, kann ich frühzeitig medikamentös gegensteuern.

BT: Kann ein Belastungs-EKG auch Hinweise geben?
Rölleke: Das Belastungs-EKG ist bei Frauen aufgrund hormoneller Veränderungen wenig aussagekräftig. Häufig kommt es zu falschen Befunden. Deshalb ist es in der Diagnostik in den Hintergrund getreten.

BT: Wieso werden Herzinfarkte bei Frauen oft erst sehr spät oder gar nicht entdeckt?
Rölleke: Bei Frauen sind die Symptome oft sehr unterschwellig. Während bei Männern häufig die typischen Brustschmerzen mit Ausstrahlung in den Arm auftreten, kündigt sich ein Herzinfarkt bei Frauen oft durch sehr diffuse Beschwerden an. Das können etwa Luftnot, Übelkeit, Rückenschmerzen, Bauchschmerzen oder ein allgemeines Unwohlbefinden sein. Häufig sprechen weibliche Betroffene von nicht beschreibbaren Schmerzen. Schwindel, starke Ermüdung oder fehlende Belastbarkeit können ebenfalls Anzeichen sein. Das sind aber alles Beschwerden, die auch einen banaleren Hintergrund haben können. Deshalb suchen viele Betroffene meist nicht gleich einen Arzt auf und nehmen die Anzeichen lange auf die leichte Schulter.

BT: Das heißt, Frauen sollten hellhöriger sein?
Rölleke: Sie sollten Warnsignale ernst nehmen und in erster Linie sollten Frauen sich selbst und ihre Gesundheit nicht vernachlässigen. Ich beobachte immer wieder, dass sich Patientinnen ein Leben lang um das Wohlbefinden anderer kümmern, ihren Mann zu Hause pflegen und dabei ihre eigenen Bedürfnisse hintanstellen und Arztkontrolltermine nicht wahrnehmen. Das muss sich ändern.

Zum Thema:

Zu Fuß in Richtung Herzgesundheit

Ihr Autor

BT-Redakteurin Janina Fortenbacher

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Erstellt:
31. Dezember 2021, 11:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 36sec

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