Eigenverantwortung als Schlüssel

Baden-Baden (km) – Ernährungscoach Patric Heizmann gibt in seinem neuen Ratgeber „Gesund, fit und schlank – leichter als du denkst“ Diäten Contra. Der Experte spricht darüber im BT-Interview.

In bildreicher Sprache erläutert Ernährungscoach Patric Heizmann auch in seinem neuen Ratgeber „Gesund, fit und schlank – Leichter als du denkst“ die Zusammenhänge im Körper. Foto: Heizmann/pr

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In bildreicher Sprache erläutert Ernährungscoach Patric Heizmann auch in seinem neuen Ratgeber „Gesund, fit und schlank – Leichter als du denkst“ die Zusammenhänge im Körper. Foto: Heizmann/pr

Wer wollte schon immer mal Bürgermeister einer 70 Billionen-Einwohner-Stadt sein? Wenn es nach Fitness- und Ernährungscoach Patric Heizmann geht, so sind wir das alle. Denn jeder Einzelne von uns trägt die Verantwortung über seine Metropole – den eigenen Körper.

In bildreicher Sprache erläutert der gebürtige Freiburger auch in seinem neuen Ratgeber „Gesund, fit und schlank – Leichter als du denkst“ die Zusammenhänge in unserem Inneren und wie man ganz ohne Diät auf Dauer schlanker, fitter und gesünder werden kann. BT-Redakteurin Kathrin Maurer hat sich mit dem Ernährungsexperten unterhalten – über Diäten-Dschungel, die Macht der Hormone und den Schlüssel zum anhaltenden Erfolg.

BT: Herr Heizmann, Sie sagen, das Recht auf eine schlanke Figur und auf beste Gesundheit hat jeder. Ein Recht ist ja etwas, von dem man gerne Gebrauch macht. Warum empfinden die meisten Menschen das Arbeiten an der eigenen Gesundheit oft eher als Bürde?
Patric Heizmann: Wir leben in einer Informationsgesellschaft und uns wird auch gerade durch die Instagram-Welt permanent der Spiegel vorgehalten. Ein Recht auf eine gute Figur zu haben, heißt noch lange nicht, dass ich davon Gebrauch machen muss. Ich muss für mich entscheiden, bin ich bereit, dafür zu kämpfen. Das ist der wichtige Punkt. Eine gute Figur ist eine Entscheidung.

BT: Aber gerade Instagram und Co. sollten nicht als Beratungsinstanz oder Influencer als Vorbilder gewählt werden.
Heizmann: Genau, denn die leben davon, ihre Figur und ihren Lebensstil zu vermarkten und erzeugen dadurch Druck bei den Menschen, die ihre Brötchen anders verdienen und nicht viele Stunden am Tag in Training und gesunde Ernährung stecken können. Es braucht eine Entscheidung, und man muss überlegen, was bin ich bereit, dafür zu bezahlen – und damit meine ich nicht Geld.

Kuschelig und trotzdem gesund

BT: Aber für ein langes gesundes Leben entscheidet man sich doch eigentlich gerne ...
Heizmann: Sollte man denken – aber jetzt kommt der Knackpunkt: Viele Menschen wissen gar nicht wofür oder warum sie eigentlich schlanker werden wollen oder sollen. Niemand sagt, man muss schlank sein. Man kann auch ein bisschen pummelig sein – oder wie ich immer sage – kuschelig – und kann trotzdem sehr gesund sein. Das hängt nicht zwangsläufig zusammen.

BT: Aber gerade derzeit hat Gesundheit einen besonders hohen Stellenwert – das müsste doch ein Anreiz sein, ungesunde Gewohnheiten zu ändern?
Heizmann: Ja, aber das klappt nicht. Gesundheit ist fast bei allen ein langfristiger Ansatz. Wenn heute nichts wehtut, überlegt sich keiner, woran könnte ich morgen unter Umständen leiden. Wir kommen aus der Steinzeit, da musste man im Hier und Jetzt überleben, da dachte keiner an morgen oder die Zukunft. Und so sind wir noch heute. Wir nehmen uns viel vor, wenn wir mal unter etwas leiden, aber das vergisst man schnell, wenn man sich besser fühlt. Aber die Optik, dass, was ich morgens im Spiegel sehe, und, was nicht dem Instagram-Modell gleicht, ist greifbarer. Da möchten dann die meisten direkt etwas verändern.

BT: Wenn es so einfach wäre – für solche Ziele braucht man einen langen Atem.
Heizmann: Genau, aber das wollen die meisten nicht sehen. Dann heißt es schnell Augen zu und durch. Möglichst schnell viel Abnehmen oder die Ernährung maximal schnell umstellen, um ganz schnell Erfolge zu sehen. Und das wird nicht funktionieren!

Wer langfristig und vor allem dauerhaft seine schlechten Essgewohnheiten verändern will sollte mit kleinen Schritten beginnen. Foto: Pavel Ivanov/BestForYou/stock.adobe.com

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Wer langfristig und vor allem dauerhaft seine schlechten Essgewohnheiten verändern will sollte mit kleinen Schritten beginnen. Foto: Pavel Ivanov/BestForYou/stock.adobe.com

BT: Ananas, Low Carb, Low Fat, Kohlsuppe: Es gibt haufenweise Diäten. Sie als Ernährungscoach halten von keiner etwas. Aber warum ist deren Mythos ungebrochen? Und wie soll man sich in diesem ganzen Ernährungsdschungel zurechtfinden?
Heizmann: Es gibt nicht die eine Diät, die für jeden greift. Übersetzt heißt Diät Lebensweise. Wir haben ein Essprogramm, was sich über Jahrzehnte bei den meisten manifestiert hat – man ernährt sich relativ ähnlich, das ist eine Gewohnheit, die keine Aufmerksamkeit mehr braucht. Man muss sich nicht jeden Morgen darüber Gedanken machen, was man isst, es ist programmiert. Eine Diät verlangt eine Veränderung von jetzt auf gleich. Das kann nur solange gut gehen, wie man keine anderen beruflichen oder privaten Herausforderungen zu stemmen hat. Habe ich 14 Tage Urlaub, kann ich locker Diät halten – ist das Kind aber krank, krieg ich mehr Arbeit auf den Tisch, oder geht das Auto kaputt, dann bin ich abgelenkt. Und dann funktioniert es schon nicht mehr. Diäten brauchen eine wahnsinnige Aufmerksamkeit, und die ist begrenzt – wie ein Muskel. Der Muskel ist irgendwann erschöpft. Mache ich aber jeden Tag mit diesem Muskel ein kleines Training, so wird er immer stärker und stärker und plötzlich sind Dinge, die früher unerreichbar waren, wie etwa fünf Liegestütze, plötzlich einfach.

BT: Aber warum gibt es immer noch so viele Diäten, obwohl doch jeder weiß, dass sie nicht durchzuhalten sind.
Heizmann: Dafür gibt es zwei Gründe. Erstens: Die Menschen sind völlig verwirrt – was ist jetzt das Beste? Eine Diät gibt einem Halt, wie Leitplanken, man denkt, wenn man sich genau daran hält, muss es funktionieren. Tut es das aber nicht, weil es nicht zu einem passt, dann fallen wir in alte Gewohnheiten zurück und fühlen uns schlecht. Daraus entstehen wiederum gefährliche Glaubenssätze, die sich selbst verstärken.

Wer es nicht schafft, Weitblick zu haben, hat es schwer

Der zweite Grund ist die Ungeduld. Man darf eines nie vergessen: Wir haben erst seit wenigen Jahrzehnten einen unglaublichen Kalorienüberschuss. Der Mensch hat sich in mehreren Millionen Jahren entwickelt und hatte immer Not um Kalorien. Unser Organismus hat sich perfektioniert auf verminderte Kalorienzufuhr – das läuft über Schilddrüsenhormone oder andere Hormone im Körper, und das heißt, wir können versuchen, mittels Diät ein Kaloriendefizit zu erreichen. Aber der Körper wirkt dagegen. Wer es nicht schafft, den Weitblick zu haben – statt 14 Tage lieber 14 Wochen in die Zukunft zu blicken, der wird es schwer haben. Natürlich nimmt man dann ab, aber es ist nichts anderes als eine simulierte Hungersnot – und das wird ein Verhalten nicht nachhaltig verändern.

BT: Hormone spielen in Ihrem Buch eine große Rolle im Zusammenhang mit Abnehmen und Wohlbefinden. Was können Hormone alles bewirken?
Heizmann: Hormone und ihre Rolle im Körper werden auch von Ärzten oft belächelt, weil diese sich mit dem Hormonsystem nicht auskennen, genauso wenig wie mit Ernährung. Natürlich weiß ein Arzt, was Testosteron oder Cortisol sind. Die Hormone bilden das biochemische Orchester im Körper. Sie machen den Menschen aus. Ein einfaches Beispiel sind Depressionen: Das Hormon Serotonin hebt die Stimmung – und das ist schon ein ganz einfacher Beweis dafür, wie groß der Einfluss von Hormonen ist.

Ganz viele Frauen leiden unter Östrogendominanz – das liegt auch daran, dass Frauen schon jahrzehntelang die Pille nehmen – ein massiver Eingriff in den Hormonhaushalt. Aber es ist eben auch ein gigantisches Geschäft. Außerdem nehmen wir über unsere Umwelt unzählige chemische Stoffe auf, die wiederum östrogenartig wirken. Jetzt muss man wissen, dass Östrogene einen aufbauenden Charakter haben – man nimmt tendenziell mehr zu. Progesteron bewirkt das Gegenteil. Entwickelt man also eine Östrogendominanz über viele Jahre, dann hat man im Körper ein Missverhältnis. Ich stelle, dass im Buch mit einem Spielmobile dar, das nur ganz sachte angeschubst werden darf, damit es sanft und rund läuft.

BT: Das klingt, als wäre es nicht so leicht in den Griff zu bekommen ...
Heizmann: Genau das ist das Problem, eine einfache Lösung gibt es hier nicht. Der Körper funktioniert wie ein riesiges Orchester mit Hunderten Bläsern, Streichern, Trommlern, Flötisten. Spielt dieses Orchester komplett durcheinander, verursacht das Schmerzen. Man müsste das Orchester erst einmal ruhigstellen und dann alle nach und nach betrachten. Aber der Körper kann ja nicht einfach stillstehen – das wäre der Tod – er muss also in diesem ganzen Durcheinander versuchen, die Balance wieder zu finden. Das braucht viel Geduld.

Lebensmittel ohne Zutatenliste

BT: Aber lässt sich durch Ernährung an einigen Instrumenten drehen?
Heizmann: Ernährung ist sogar die Hauptstellschraube. Jetzt kommt der einfachste Tipp: Kauft im Supermarkt Lebensmittel ohne Zutatenliste – danach kommt lange nichts. Wer das schafft, unverarbeitete Zutaten wieder sinnvoll zu kombinieren, ist schon vorne dabei. Lernen, mit Grundlebensmitteln zu kochen, ist der Schlüssel zum Erfolg. Um viel mehr muss man sich oft gar nicht kümmern, außer, das Leben zu entstressen, Social Media einstampfen und echte Kontakte pflegen, dann würde sich der Körper nach einigen Wochen wieder regulieren. Das schafft er ganz alleine.

BT: Welche Auswirkungen hat Stress auf den Körper?
Heizmann: Alleine die Stresshormonachse Adrenalin, Cortisol hat einen großen Einfluss auf unseren Körper. Cortisol kann zum Beispiel Schilddrüsenhormone inaktivieren. Es gibt auch das Phänomen „Brain Pull“. Dabei saugt das Gehirn enorm viel Energie und ist sehr egoistisch, es will die meiste Energie des Körpers für sich. Um diese zu bekommen, sichert es sich über Hormone das Bedürfnis zu essen und zu essen. Ist nun aber die Zufuhr zum Gehirn dauerbelegt, setzt sich diese im Bauchraum ab. Stress kann somit oft zu Übergewicht führen. Und dieses viszerale Fett am Bauch ist besonders gefährlich. Wer es schafft, sein Leben zu entstressen, hat schon viel für seine Figur und Gesundheit getan.

BT: Sie wählen die Macht der Bildsprache in Ihren Büchern und lassen den Körper zu einer Metropole mutieren, in der Aufgaben verteilt sind. Kann das schon zum Erfolg verhelfen?
Heizmann: Ja! Der Mensch denkt in Bildern, bei Zahlen, Daten, Fakten sind wir sofort raus. Wenn ich sage, Kohlehydrate brennen schnell wie Papier, Fette dagegen, da wo wir ran wollen, wie Holzkohlebriketts. Wenn du jetzt ganz viel Papier zu Hause hättest, würdest du Briketts verbrennen oder das Papier? Klar, das Papier! Die Briketts bleiben liegen. Das heißt, wir sollten ein bisschen weniger Papier rumliegen haben, dann müssen wir früher oder später an die Briketts. Und das ist das, was wir wollen!

BT: Sie appellieren auch immer wieder an die Eigenverantwortung für den eigenen Körper.
Heizmann: Ganz klar, jeder ist Bürgermeister seiner Stadt und muss auf sie aufpassen. Wer keine Verantwortung für sich übernehmen will und die Schuld immer anderen gibt – der Nahrungsmittelindustrie, der Familie oder dem Partner – hat keine Chance, etwas zu verändern. Auf der psychologischen Ebene ist die eigene Verantwortung der erste Schritt – weg von der Opferrolle. Opfer kommen nicht ins Handeln – und nie zum Ziel.

BT: Wie funktioniert denn Ihre Strategie zu einem fitteren, gesünderen Körper?
Heizmann: Ganz zärtlich in die alten Gewohnheiten eingreifen – mit ganz kleinen Schritten und damit Referenzerlebnisse sammeln. Man stellt das alte Essverhalten infrage – und dadurch können neue, gesunde entstehen – und mit ihnen der lang anhaltende Erfolg.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Kathrin Maurer

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Erstellt:
10. April 2021, 09:15 Uhr
Lesedauer:
ca. 6min 32sec

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