Maskenpflicht erschwert Alltag Gehörloser

Gernsbach (naf) – Die Maskenpflicht erschwert das Leben gehörloser Menschen. Sie benötigen das Mundbild ihres Gegenübers, um ihn zu verstehen, die Pandemie stellt sie nun vor einige Herausforderungen.

Gesichtszüge sind wichtige Bestandteile der Gebärdensprache. Wolfgang Engisch (links) und Marco Spronk sind in ihrer Kommunikation darauf angewiesen. Foto: privat

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Gesichtszüge sind wichtige Bestandteile der Gebärdensprache. Wolfgang Engisch (links) und Marco Spronk sind in ihrer Kommunikation darauf angewiesen. Foto: privat

Gernsbach – Wenn Ute und Wolfgang Engisch ihre Masken beim Einkaufen abnehmen, werden sie verwundert angeschaut und von Mitarbeitern ermahnt. Dass es keine Alternative gibt, ist dann nur schwer zu erklären. Das Ehepaar ist gehörlos und bei einem Gespräch miteinander oder mit Hörenden auf das Mundbild ihres Gegenübers angewiesen. Zu Corona-Zeiten wird ihr ohnehin nicht einfacher Alltag noch erschwert.

„Seit der Pandemie betrete ich bestimmte Geschäfte nicht mehr“, berichtet Ute Engisch dem BT schriftlich. „Durch den Mundschutz ist es für mich sehr schwer.“ Die 53-Jährige beherrscht die Gebärdensprache nicht und muss sich bei einer Unterhaltung komplett auf den Mund ihres Gegenübers konzentrieren. Weigert sich ihr Gesprächspartner die Maske für einen kurzen Moment abzuziehen, ist sie aufgeschmissen. Engisch betont: „Ich behalte meine Maske an, und der Abstand ist auch da“, trotzdem gibt es Geschäfte, in denen keine Rücksicht genommen wird, „die schalten auf stur“.

Ute Engisch muss bei einem Gespräch den Mund ihres Gegenübers sehen können. Foto: privat

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Ute Engisch muss bei einem Gespräch den Mund ihres Gegenübers sehen können. Foto: privat

Dass es auch anders geht, weiß Engisch aus eigener Erfahrung. Einige Mitarbeiter im Einzelhandel kennen sie bereits und zeigen beim Sprechen ihr Gesicht. „Das macht vieles einfacher“, berichtet sie.

Landesverband der Gehörlosen weist auf Problematik hin

Anders als zu Beginn der Pandemie, gibt es für gehörlose und schwerhörige Menschen mittlerweile keine allgemeine Befreiung von der Maskenpflicht mehr. Und auch die meisten Gesprächspartner nehmen den Mundschutz nur ungern ab. Das ist ein Problem, denn „gehörlosen Menschen bleibt in der Kommunikation mit hörenden Menschen oft kaum eine andere Möglichkeit als das Lippenablesen“, erklärte Wolfgang Reiner, Vorstandsvorsitzender des Landesverbands der Gehörlosen bereits im ersten Lockdown. Deshalb bemüht sich der Verband um Aufklärung und darum, für den Umgang mit gehörlosen und schwerhörigen Menschen zu sensibilisieren.

Erfolge konnten bereits verbucht werden: Pressekonferenzen der Landesregierung und die Ansprachen von Ministerpräsident Kretschmann werden inzwischen in die Deutsche Gebärdensprache verdolmetscht. Außerdem erhält der Landesverband „viele Anfragen von ganz verschiedenen Personen und Institutionen: Viele wollen sich über Gebärdensprache und Barrierefreiheit informieren“, heißt es in einer Pressemitteilung.

Auch Ute und Wolfgang Engisch kommen die neuen barrierefreien Möglichkeiten zugute. „Wir können Essen jetzt über Whatsapp bestellen“, macht Ute Engisch deutlich, und sogar Material aus dem Baumarkt gibt es per Bestellung über den Nachrichtendienst. Die hilfsbereite Nachbarin muss nur noch das ein oder andere Mal mit einem Anruf aushelfen. Die Chatfunktion wird außerdem für den Kontakt mit Freunden genutzt.

Auch die Arbeitswelt betroffen

Zu ihnen zählt der schwerhörige Marco Spronk und seine gehörlose Frau – und auch sie haben mit den Maßnahmen zu kämpfen. „Durch die Corona-Zeit wurde für mich und meine hörgeschädigten Mitmenschen einiges deutlich schwieriger“, teilt der 44-Jährige ebenfalls schriftlich mit. Spronk arbeitet als stellvertretende Vertrauensperson der Schwerbehindertenvertretung in einem großen Unternehmen und nimmt an vielen Besprechungen teil – natürlich mit Maske. „Das dämpft die Aussprache, und mir fehlt die Mimik“, erklärt er. Auch die vermehrten Telefonkonferenzen erschweren seine Arbeit. „Meine Kolleginnen und Kollegen nehmen zwar Rücksicht und unterstützen mich. Aber Gespräche vor Ort sind für mich viel angenehmer und einfacher.“ Dort verteilen sich die Anwesenden in einem großen Raum und können die Maske immer dann abnehmen, wenn sie etwas sagen.

Spronks gehörlose Frau hat unterdessen nicht nur mit den Schwierigkeiten im Homeoffice zu kämpfen, sondern muss auch ihre beiden Kinder beim Homeschooling betreuen – eine Herausforderung, die schon Menschen mit Hörvermögen viel abverlangt. Ob es für Gehörlose einsamer ist, in der Pandemie? „Teilweise“, meint Spronk, „meine Frau und ich haben viele gehörlose Freunde, und die wohnen alle weiter weg. Wir können nicht einfach mal anrufen.“

Dass die Situation auch für Hörende nicht einfach ist, weiß Engisch. Doch ihre Familie, wie auch Familie Spronk wünschen sich etwas mehr Verständnis – etwa wenn sie beim Einkaufen für einen kurzen Moment die Maske ablegen müssen.

Bereits im ersten Lockdown haben wir über die Situation der Gehörlosen in der Pandemie berichtet: Den Artikel finden Sie hier.


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