Ein Blick in den Osten lohnt sich

Heidelberg (kli) – „Ostasien macht es besser als wir“, behauptet die Heidelberger Asienwissenschaftlerin Marina Rudyak mit Blick auf Corona. Nötig sei eine Debatte über Erfahrungen im Fernen Osten.

In Japans Hauptstadt Tokio tragen die Menschen freiwillig einen Mund-Nasen-Schutz.   Foto: Yohei Nishimura/dpa

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In Japans Hauptstadt Tokio tragen die Menschen freiwillig einen Mund-Nasen-Schutz. Foto: Yohei Nishimura/dpa

Im Wahrnehmungsschatten der Europäer haben Staaten in Ostasien Erfolge bei der Eindämmung des Coronavirus zu verzeichnen. Staaten wie China, Südkorea, Japan, Vietnam, Taiwan, Thailand, Singapur und Südkorea haben die Pandemie weitgehend im Griff. Taugen die dort angewandten Strategien zum Vorbild für den Hotspot-Kontinent Europa? „Nicht unbedingt. Aber auf jeden Fall lohnt sich ein Blick nach Ostasien, um zu schauen, welche Strategien dort erfolgreich sind“, sagt die Heidelberger Sinologin Marina Rudyak. Meist geht der Blick hierzulande nach Westen, in die USA oder in die arg gebeutelten Länder Frankreich, Italien und Spanien. Ein Fehler, findet Rudyak. Sie hat mit zwei weiteren Akademikern einen Gastkommentar in der Neuen Zürcher Zeitung geschrieben mit dem Titel „Ostasien macht es besser als wir“. Die Sinologin mit Schwerpunkt internationale Zusammenarbeit arbeitet am Centrum für Asienwissenschaften und Transkulturelle Studien der Uni Heidelberg.

„Es ist schockierend, wie weit weg Asien offenbar ist. Der Kontinent wird als anders und autoritär abgetan und gleichgesetzt mit China. Aber man kann durchaus mal schauen, was asiatische Länder gemacht haben, um das Virus einzudämmen. Mir fehlen bei uns hier die Offenheit und die Neugier darauf, dass es woanders auch Expertise gibt“, sagt Rudyak im BT-Gespräch.

Was haben asiatische Staaten anders gemacht als wir Europäer? Zunächst: Sie haben bereits Erfahrungen mit dem Sars-Virus 2003 gesammelt und waren damit besser auf eine erneute Pandemie vorbereitet. Seit der Sars-Pandemie sei das Tragen von Masken in Asien weit verbreitet. In Japan etwa tragen Menschen derzeit Masken, obwohl es keine Maskenpflicht gibt. Die Regierung in Tokio muss diesbezüglich sanft bis gar nicht eingreifen. „Die ostasiatischen Staaten haben von Anfang an die Gefährlichkeit des Corona-Virus erkannt und das konsequente Ziel ausgegeben, das Virus zu unterdrücken“, berichtet Rudyak. Daraus hätten sich eine Reihe technischer Maßnahmen ergeben: Konsequente Verfolgung der Infektionsketten, konsequente Quarantäne, und das alles werde von den Bürgern nicht infrage gestellt. „Die Menschen dort sagen: ‚Wir schränken uns jetzt eine Weile ein, damit es uns nachher allen besser geht.’“

Eine moralische Frage

Bei uns hingegen sei aus einer technischen Frage eine moralische gemacht worden: Ist es legitim, Menschen in Quarantäne zu stecken? Dürfen wir auf Sim-Karten zugreifen? „Die Maßnahmen in Deutschland passen jedenfalls nicht zum Ziel einer konsequenten Unterdrückung des Virus. Mal öffnen wir, mal öffnen wir nicht“, beschreibt Rudyak die Lockdown-Debatte in Deutschland.

Die Wissenschaftlerin weiß, womit die Ablehnung der Erfahrungen aus Asien zu tun hat. „Der Verweis auf China macht jede Debatte tot.“ Denn was das autoritäre Regime unternimmt, um seine Bürger zu unterdrücken, stößt in Europa aus guten Gründen auf Ablehnung. Aber die Erfolge im Kampf gegen Corona beschränken sich nicht nur auf totalitäre Regime. „Man kann deren Methoden nicht eins zu eins übernehmen, aber man sollte zumindest in einen Dialog mit den Wissenschaftlern in Asien treten“, fordert sie. Leider habe man nun ein halbes Jahr Verspätung. „Hätten wir den Sommer für einen Dialog genutzt, wie weit könnten wir heute sein, um Covid-19 konsequent zu unterdrücken?“

Rudyak nennt ein Beispiel: Eine „Zeit“-Autorin beschreibe gerade detailliert in Tweets, was es bedeutet, bei der Einreise in Taiwan 14 Tage in Quarantäne zu müssen. Die Regeln sind äußerst strikt. Am Flughafen Taipeh werde man registriert, bekomme eine Sim-Karte für zwei Wochen, werde ins Hotel gefahren und bleibe dort zwei Wochen – und das zusätzlich zu einem bereits bestehenden negativen Corona-Test, der zur Grundvoraussetzung zur Einreise gehört. „Dagegen kam ein Kollege von mir neulich aus Moskau nach Deutschland zurück: Keiner verlangte von ihm am Flughafen irgendeinen Nachweis. Er hat sich selbst beim Gesundheitsamt gemeldet, die sagten nur, er könne sich testen lassen. Aber keiner überprüft etwas und das Landratsamt kriegt seine Einreise nicht gemeldet.“ Die Gesundheitsämter in Deutschland seien blockiert und durch Vorschriften gebunden. Konsequente Eindämmung des Virus sei so nicht möglich.

Habitus der Überlegenheit

Rudyak widerspricht der oft gehörten These, unser westlicher Individualismus sei ein Gegenmodell zum asiatischen Kollektivismus. „Die Gesellschaften in Asien, zum Beispiel in Japan und Südkorea, sind durchaus individualistisch und freiheitsliebend. Und andererseits haben wir in Deutschland auch nicht jegliches Gefühl für das Gemeinwohl verloren“, glaubt sie. Rudyak und ihre Kollegen sehen orientalische Vorurteile und einen Habitus der Überlegenheit, woran unser Umgang mit Covid-19 scheitere. „Wir schreiben uns in den liberalen Gesellschaften auf die Fahnen, in der Tradition der Aufklärung zu stehen. Aber wenn es darauf ankommt zu erkennen, wo Wissen anderswo generiert wird, verhalten wir uns gegen unser Ideal“, befindet Rudyak.

Was wäre, so fragt sie besorgt, „wenn wir es mit einem wirklich gefährlichen Virus zu tun hätten?“ In Ostasien schüttelten sie ungläubig den Kopf, wenn sie nach Europa schauen: „Sie können gar nicht glauben, dass wir das Virus nicht in den Griff kriegen.“

In Deutschland erkennt Rudyak keine Strategie. Das Vorgehen gleiche einer dynamischen Steuerung von Schritt zu Schritt. Es sei nicht vom Ziel geleitet, das Virus zu unterdrücken, sondern man warte einfach auf den Impfstoff. „Wie wir die Zeit bis zum Impfstoff überstehen, dafür gibt es kein Konzept.“ Die Wissenschaftlerin plädiert dafür, Asienexperten in die Beraterstäbe zu holen. „Die Virologen tauschen sich international aus, aber das reicht nicht.“ Rudyak wünscht sich, dass die Erfahrungen in Asien in der öffentlichen Debatte wenigstens mal thematisiert würden. „Wann gab es in all den Talkshows zu Corona mal einen asiatischen Experten?“, fragt sie rhetorisch.

Aktuell steigen in Südkorea und Japan die Infektionszahlen wieder, es ist die Rede von der dritten Welle. Das hält Rudyak nicht für ein Gegenargument. „Schauen wir erst mal, wie schnell Südkoreaner und Japaner das wieder in den Griff kriegen.“

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Erstellt:
27. November 2020, 17:00 Uhr
Lesedauer:
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