„Ein Dementer hätte den prall gefüllten Beutel an Kasse 5 vergessen“

Gernsbach (ham) – Ein Rentner hat Einspruch gegen einen Strafbefehl über 500 Euro eingelegt. Dieser schien ihm für seinen kleinen Diebstahl „viel zu hoch“. Letztlich zog der 77-Jährige jedoch seinen Einspruch zurück, weil ihm ansonsten wegen einer verschwiegenen Betriebsrente sogar bis zu 600 Euro als Strafmaß drohten.

Klopapier war zwischenzeitlich ein begehrtes Diebesgut. Bei dem Fall in Gernsbach ging es jedoch um einen prall gefüllten Beutel mit Lebensmitteln. Foto: Rene Traut/dpa

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Klopapier war zwischenzeitlich ein begehrtes Diebesgut. Bei dem Fall in Gernsbach ging es jedoch um einen prall gefüllten Beutel mit Lebensmitteln. Foto: Rene Traut/dpa

An Geständnissen des Murgtälers hat es vor dem Amtsgericht Gernsbach nicht gemangelt. Der Angeklagte räumte bei seinem Einspruchsverfahren gegen die „viel zu hohe Geldstrafe von 500 Euro“ sogar zusätzliche Diebstähle ein. „Ich habe das schon achtmal so gemacht“, wirkte er für einen Moment wie ein Buchhalter, obwohl es der Rentner ansonsten weniger mit deutschen Zahlenwerten hatte, die ihm Richter Ekkhart Koch bei der Altersangabe sogar mühsam aus der Nase ziehen musste. Aber vor allem mit dem Zahlen an der Kasse hatte der Verurteilte wohl häufiger seine Probleme.

Nur einen Gurkentopf bezahlt

Einer Kassiererin eines Discounters in Gernsbach war der Mann schon öfter aufgefallen, weil er „immer nur einen Artikel kaufte“. Am 20. Februar legte er nun gegen 15 Uhr an Kasse 1 einen Gurkentopf für 1,95 Euro aufs Band. Unter den wachsamen Augen der Mitarbeiterin schlurfte der 77-Jährige hernach zu Kasse 5, um dort einen prall gefüllten Beutel an sich zu nehmen. Inhalt unter anderem: Nudeln, Reis, Zucker, eine Salami, zwei Pizzen, drei Brezeln und sieben Berliner. Der Murgtäler räumte gegenüber der Kassiererin umgehend ein, dass er die Waren im Gesamtwert von 24,52 Euro an Kasse 5 deponiert hatte. Eine gutmütige Kundin, die mutmaßte, dass dem Ertappten Geld für Lebensmittel fehle, schenkte ihm mit 50 Euro die doppelte Summe des Diebesguts. Der Schaden war dadurch aber nicht mehr gutzumachen, eine Anzeige folgte.

Der geständige Murgtäler, der auf einen Verteidiger verzichtete, versuchte, den Eindruck eines teilweise dementen Seniors zu erwecken. „Ich weiß nicht, warum ich das machte. Ich frage mich das oft selbst. Es wird aber ohne Begleitung immer wieder passieren“, habe ihm sein Arzt gesagt. Er kaufe daher nach Möglichkeit mit einer Nachbarin ein, um gegen erneute Diebestouren gefeit zu sein. „Aber sie ist alt, sie kann nicht jedes Mal mit. Ich lebe so sparsam und klaue nicht“, betonte der Mann und jammerte, „mein großes Problem ist: Ich bin alleine. Seit ich vor fünf Jahren geschieden wurde, ging alles schief.“ Mittlerweile vergesse er so viel – von der verlegten Brille, ja, sogar den Lichtschalter habe er einmal nachts an der heimischen Wand vergeblich gesucht.

Dadurch ließ sich Koch jedoch nicht erbarmen. „Wenn Sie dement sind, müssen Sie zum Arzt“, riet er, um hernach messerscharf klarzustellen: „Aber eine Demenz liegt nicht vor, wenn man eine Tasche an Kasse 5 abstellt und sie später wieder abholt – die würden Sie nämlich bei einer Demenz dort vergessen.“ Bei Diebstählen sei das Motiv immer dasselbe: „Weil es Spaß macht, Geld zu sparen. Das ist kein Einzelfall.“

500 Euro für „Trickdiebstahl“

„Das ist eine Beleidigung!“, gab sich der bereits 2018 einmal verurteilte Senior zwar empört nach dem Vorwurf des „Trickdiebstahls“. Der Amtsgerichtsdirektor betonte jedoch, die angemessene Geldstrafe „dafür sind 500 Euro“. Es hätten sogar 600 Euro daraus werden können, weil der 77-Jährige bei der Verurteilung seine kleine monatliche Betriebsrente über 160 Euro unerwähnt gelassen hatte.

Da Koch jedoch registrierte, dass die gesetzliche Rente des Mannes seit der Scheidung mit weniger als 800 Euro schmal ausfällt, riet er dem Delinquenten: „Wenn Sie kampfeslüstern sind, machen Sie weiter, ansonsten rate ich Ihnen, den Einspruch zurückzuziehen und die 500 zu bezahlen.“ Dem folgte der Rentner und betonte, sich die Summe lieber umgehend bei der Bank zu beschaffen, anstatt in Raten an den Fall erinnert zu werden.

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Erstellt:
27. Mai 2020, 19:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 46sec

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