Ein Denkmal für die Augsburger Puppenkiste

Baden-Baden (dpa) – Im literatisch-musikalischen Adventskalender des Badischen Tagblatts steckt am 22. Dezember „Herzfaden. Roman der Augsburger Puppenkiste“ von Thomas Hettche.

Der BT-Adventskalender hält literarische oder musikalische Tipps für Sie parat. Foto: Jag_cz - stock.adobe.com/BT-Grafik

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Jim Knopf und der Lokomotivführer, Kater Mikesch, Urmel aus dem Eis, kleiner König Kalle Wirsch – Generationen von Kindern sind mit den Figuren der Augsburger Puppenkiste aufgewachsen. Noch heute können sie das Lummerland-Lied singen, sprechen vielsagend von „Mupfel“ und wissen genau, was ein „Scheinriese“ ist. Die liebevollen Bühnenbilder der Augsburger Puppenkiste haben sich in die Erinnerung eingebrannt. Unvergessen etwa ist die berühmte Plastikfolie, mit der in den Geschichten das Meer simuliert wurde. Puppen und Tricks wurden hier noch aus ganz handfesten Materialien gestaltet – Holz, Pappmaschee und Folie mussten genügen.

Berühmt wurde die Augsburger Puppenkiste vor allem durch die Fernsehübertragungen des Hessischen Rundfunks ab 1954. Die Sonntagnachmittage mit dem Räuber Hotzenplotz, Bill Bo oder dem Löwen wurden in den 60er und 70er Jahren Kult. Darüber wird leicht vergessen, dass der Ursprung der Augsburger Marionetten viel weiter zurückreicht – nämlich bis in die düsteren Bombennächte des Zweiten Weltkriegs. Davon erzählt Thomas Hettche in seinem neuen Roman „Herzfaden“.

Es ist die Geschichte der Familie Oehmichen, einer Schauspielerfamilie, die sich in den 40er Jahren dem Marionettenspiel verschrieb, erzählt aus der Perspektive ihrer Tochter Hannelore, im Roman mit ihrem Kindernamen Hatü genannt. Eine etwas märchenhafte Rahmenhandlung fasst die historische Erzählung ein: Ein Mädchen entdeckt auf einem Speicher die legendären, wieder lebendig gewordenen Augsburger Marionetten und begegnet der inzwischen erwachsenen Hatü, die auf ihr Leben zurückblickt. Von da an springt die Erzählung zwischen den Zeitebenen hin und her.

Hettche erzählt die Familiengeschichte auch als Zeitgeschichte. Vater Oehmichen verschwindet als Soldat in den Krieg, eine jüdische Schulfreundin muss mit ihrer Familie ins amerikanische Exil fliehen. Hannelore selbst verlebt bange Nächte im Luftschutzbunker. Der fiktionale Charakter bleibt dabei erhalten. Die Kinderperspektive ist geschickt: Denn wie ließe sich die Magie des Puppenspiels besser verdeutlichen als aus Sicht glänzender Kinderaugen?

Trotzdem muss man sagen, dass der Roman im Gegensatz zu den Augsburger Puppenspielen, die immer viel zu früh vorbei waren, doch erhebliche Längen hat und zeitweise zäh dahin fließt. Auch ist die Art des Erzählens gegen den Strich gebürstet und etwas sperrig für den Lesefluss. Die Geschichte schließt mit der Geburt von Jim Knopf, der wahrscheinlich bekanntesten Figur der Puppenkiste. Und hier wird auch das Geheimnis gelüftet, wie eigentlich das Meer um Lummerland entstand. Eine dünne Klarsichtfolie schlägt Walter Oehmichen vor: „Die beleuchten wir von unten. Und sie muss sich natürlich heben und senken, als gäbe es Wellen. Das machen wir mit einem Gebläse.“ So einfach war das eben damals mit den Special Effects.

Thomas Hettche: Herzfaden. Roman der Augsburger Puppenkiste, Kiepenheuer& Witsch, Köln, 288 Seiten, 24 Euro.

Weitere Geschenktipps aus dem BT-Adventskalender:

Mit der Besprechung des zweiteiligen Romans „Fortunat“ von Otto Flake hat am 1. Dezember der BT-Adventskalender begonnen.

Hinter dem Adventskalendertürchen am 2. Dezember verbirgt sich „Fratelli tutti. Enzyklika über die Geschwisterlichkeit und die soziale Freundschaft“ von Papst Franziskus.

Hinter dem dritten Türchen des musikalischen BT-Adventskalenders versteckt sich eine CD-Sammlung in Erinnerung an den im Dezember 2019 verstorbenen Dirigenten Mariss Jansons. Hier können Sie den Artikel lesen.

Hinter dem vierten Türchen des BT-Adventskalenders verbirgt sich das brandneue Studioalbum der Ulmer Krautrock-Band Kraan. „Sandglass“ versprüht viel positive Energie.

Hinter dem siebten Kalendertürchen verbirgt sich Georg Patzers Besprechung von „Wo ihr mich findet“ von Taltal Levi.

Hinter dem 14. Türchen des BT-Adventskalenders geht es in „Das Verschwinden des Dr. Mühe“ von Oliver Hilmes um die Zeit, in der die Erfolgsserie „Babylon Berlin“ spielt.

Hinter dem 15. Türchen verbirgt sich ein Werk einer Autorin, die in Forbach lebt.

Hinter dem 16. Türchen des BT-Adventskalenders verbirgt sich ein Prosaband der Dichterin Friederike Mayröcker. Nicht nur für Franz Schuh ist sie „verliebt in die Sprache“.

BT-Mitarbeiterin Kirsten Voigt hat am 17. Dezember Monika Helfers „Die Bagage“ vorgestellt. Darin erzählt Helfer die Geschichte ihrer Großeltern im Jahr 1914.

Um den Gesprächsband von Benjamin von Stuckrad-Barre und Martin Suter ging es am 19. Dezember.

Hinter dem 21. Türchen des BT-Adventskalenders verbirgt sich die Fortsetzung von Christian Berkels Debütroman „Der Apfelbaum“. Hier können Sie die Besprechung von „Ada“ lesen.


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