Ein Gernsbacher hilft im Ahrtal

Gernsbach (vgk) – Der Gernsbacher Michael Liß (53) packte ehrenamtlich im Katastrophengebiet Ahrtal an. Noch immer bekommt er Gänsehaut, wenn er an die Zerstörungen und das Leid im Ahrtal denkt.

Michael Liß (Zweiter von links) mit weiteren Helfern. In der Mitte der Bewohner eines zerstörten Hauses. Foto: privat

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Michael Liß (Zweiter von links) mit weiteren Helfern. In der Mitte der Bewohner eines zerstörten Hauses. Foto: privat

Ohne zu zögern, packte der Familienvater, nachdem er von der Katastrophe hörte, sein Auto bis unters Dach mit Gummistiefeln, Arbeitshandschuhen, Werkzeug und Schaufel voll, um im 280 Kilometer entfernten Katastrophengebiet mit anderen Freiwilligen zu versuchen, die durch die Flutwelle entstandene Not zu lindern.

„Wie im falschen Film“

„Wer es nicht selber gesehen hat, kann sich die Verwüstungen kaum vorstellen. Ich dachte, ich befinde mich im falschen Film“, sagt ein noch immer sichtlich erschütterter Helfer im BT-Gespräch. Er habe sich deshalb vorgenommen, in seinem nun bald beginnenden Urlaub erneut nach Grafschaft-Ringen zu fahren. „Auch nach vier Wochen ist noch so viel zu machen. Ich wollte gar nicht zurück, sondern weiterhelfen, aber ich habe einen Arbeitsvertrag zu erfüllen“, meint der Daimler-Mitarbeiter, der derzeit in Kurzarbeit ist.

Am 5. August um 4 Uhr morgens machte sich der Murgtäler auf den Weg nach Rheinland-Pfalz. Zur ersten Anlaufstelle wurde die Gruppe Helfer-Shuttle.de in Grafschaft-Ringen: Eine Privatinitiative Ahrtaler Unternehmer, die ihre Heimat lieben, wie deren Homepage Auskunft gibt.

Deren Hauptanlaufstelle befindet sich im Innovationspark Rheinland, direkt neben Haribo. Von dort aus wird vom Bagger über Stemmeisen, Bohrhammer bis hin zum Essen der Einsatz der über 1.000 Helfer koordiniert. Ein kostenloser Shuttleservice bringt diese zu ihren Einsatzorten und holt sie dort auch wieder ab.

Mit Meißel, Hammer, Schaufeln

Vor Ort packte den Familienvater aus Gernsbach das schiere Grauen. Das bisherige Leben der Menschen wurde buchstäblich weggespült, „alles ist weg“, erzählt er. Nicht nur Häuser, Inventar oder Autos wurden ein Opfer der durch das Ahrtal schießenden Wassermassen, sondern ebenso die komplette Infrastruktur.

Wie würde wohl Gernsbach aussehen, fragt sich Michael Liß angesichts der Katastrophenbilder.  Foto: Michael Liß

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Wie würde wohl Gernsbach aussehen, fragt sich Michael Liß angesichts der Katastrophenbilder. Foto: Michael Liß

Am ersten Tag seines zweitägigen Einsatzes half er mit zehn weiteren Personen einem schwer traumatisierten Bäckermeister bei der Entkernung seiner Bäckerei. Das Anwesen war von einer 14 Meter hohen Welle förmlich geflutet worden. Michael Liß richtet den Blick vom Ahrtal in seine Heimat: Die Häuser entlang der Igelbachstraße und Hofstätte jenseits der Gernsbacher Stadtbrücke wären bei dieser Wasserhöhe der Murg nur noch in Ansätzen sichtbar, gibt er zu bedenken.

Als die Flutwelle im Ahrtal kam, ging es dort ums nackte Überleben. Mit Meißel, Hammer, Schaufeln und anderem handwerklichen Equipment versuchte nun die zehnköpfige Helferschar, zu der Michael Liß gehörte, den Schlamm und angespülten Unrat zur Entsorgung nach draußen zu befördern. Putz und Fliesen mussten weg gestemmt, die Holzdecke in der Backstube und der Backofen komplett herausgerissen werden.

Am darauffolgenden Tag kam es für den Gernsbacher als Teil einer Dreiergruppe „noch krasser“: Ziel war das Haus eines älteren Ehepaars. „Das Gebäude war in einem unbeschreiblichen Zustand. An der Decke kroch der Schimmel entlang, auch das Inventar war völlig durchnässt.“ Das Schlimmste sei jedoch der Zustand des 80-jährigen Hauseigentümers und dessen nur wenige Jahre jüngerer Ehefrau gewesen. Auch ihnen blieb nur ihr Wohnhaus – das sie nicht verlassen wollen. Eine feuchte Matratze und ein Feldbett, darauf schliefen sie.

Trümmer, wo man hinschaut. Die Flutwelle hat eine Zerstörung apokalyptischen Ausmaßes bewirkt.  Foto: Michael Liß

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Trümmer, wo man hinschaut. Die Flutwelle hat eine Zerstörung apokalyptischen Ausmaßes bewirkt. Foto: Michael Liß

DRK-Helfer, die gerade am Haus vorbeigingen, wurden von den Helfern alarmiert. Kaum eine Stunde später standen in dem schwerbeschädigten Gebäude ein neues Bett mit trockener Matratze und Bettzeug. Das Paar habe sich einfach nicht getraut, um Unterstützung zu bitten, schildert Liß das Dilemma, in der sich dort auch andere Menschen befinden. Zudem sei neben materieller Hilfe psychologische Betreuung erforderlich.

Was ihn zudem ebenfalls zutiefst beeindruckte, war das reibungslose Zusammenarbeiten der Helfergruppen. Nach mehr als zwei Tagen des Einsatzes und Übernachten im Auto ging es für den Ehrenamtlichen zurück nach Gernsbach. Seine Hilfsbereitschaft erklärt Michael Liß so: Ihm sei es eben wichtig, sich einbringen zu können, ein soziales Leben zu führen und zu helfen. Diese Werte hätten ihm bereits die Eltern in seiner Kindheit vermittelt. Die Liste seiner ehrenamtlichen Arbeit ist entsprechend lang und umfasst den Hockey- und Fußballsport ebenso wie Gewerkschaftsarbeit. Musikfreunde kennen ihn als leidenschaftlichen und versierten Blues-Harp-Spieler.

Nicht zuletzt macht sich der Gernsbacher Sorgen um seine Heimatstadt. Das, was im Ahrtal passiert ist, kann auch jederzeit hier geschehen, fürchtet er und fragt. „Gibt es eigentlich einen Krisenplan dafür?“

Wer mit Michael Liß in Kontakt treten möchte, kann dies per E-Mail tun: lissmichael@t-online.de

Ihr Autor

Veronika Gareus-Kugel

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Erstellt:
15. August 2021, 20:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 08sec

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