Ein Geschichtsprojekt in Modulen

Bad Schönborn (kli) – In Kislau nahe Bruchsal wurden von 1933 bis 1939 in einem KZ Nazi-Gegner festgehalten. Ein Verein möchte dort einen „Lernort“ errichten. Es geht nur in kleinen Schritten voran.

Einst Schlossanlage, dann ab 1933 KZ: Kislau bei Bruchsal hat eine bewegte Geschichte.      Foto: Dieter Klink

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Einst Schlossanlage, dann ab 1933 KZ: Kislau bei Bruchsal hat eine bewegte Geschichte. Foto: Dieter Klink

Seit nunmehr zehn Jahren bemüht sich der Verein „Lernort Zivilcourage und Widerstand“, auf dem Areal des früheren badischen KZ in Kislau bei Bad Schönborn ein Bildungszentrum zu errichten. Die Vorarbeiten laufen längst, doch bisher fehlte das Geld. Projektleiterin Andrea Hoffend ist sich nun aber sicher: „Nach elf Jahren werden wir die Früchte ernten können.“

2023 werde das Jahr des Spatenstichs, hofft sie. Was die Historikerin und Frau des Karlsruher Oberbürgermeisters so hoffnungsvoll stimmt, ist ein Beschluss des Landtags kurz vor Weihnachten: Das Land gibt Mittel in Höhe von 750.000 Euro für das Projekt frei. „Die Summe stand bisher schon im Haushalt, aber anders als bisher ist die Summe nun nicht mehr daran geknüpft, dass exakt dieselbe Summe aus dritter Hand zusammenkommt“, berichtet Hoffend. Das bedeute: Man könne endlich loslegen. Auch wenn man ursprünglich mal mit einem viel höheren Budget geplant hat. Der Verein hat in zehn Jahren gelernt, in kleineren Dimensionen zu denken, oder wie Hoffend es ausdrückt: in Modulen. Von Schritt zu Schritt.

In der ehemaligen Schlossanlage Kislau bei Bad Schönborn haben die Nationalsozialisten ab 1933 ihre Gegner inhaftiert. Der Ort, so der Verein, illustriere gut den Übergang von der Weimarer Demokratie in das NS-Regime (siehe Zum Thema).

Geldgeber gesucht

Das Ausstellungskonzept ist erarbeitet, Faltblätter und Broschüren sind inzwischen gedruckt, die Homepage steht.

Nun geht es wie schon immer darum, weitere Geldgeber von der Idee zu überzeugen. Bisher sind Stadt- und Landkreis Karlsruhe, der Rhein-Neckar-Kreis sowie die Städte Bretten, Bruchsal, Stutensee und Waghäusel mit von der Partie. Der Verein möchte auch Stiftungen und Firmen für das Projekt gewinnen. „Dazu haben wir schon Gespräche geführt, und wollen nun nach dem Landesbeschluss den Faden wieder aufnehmen.“

Bisher hat man ein mobiles Geschichtslabor entwickelt, das durch das Land tourt und die wechselvolle Geschichte des Orts vermittelt. Auf diese Vorarbeiten will man nun bei der Konzeption der Ausstellung zurückgreifen.

Gespräche mit der Gemeinde

Zunächst aber muss der Bau erst mal errichtet werden. Dafür führt man nun Gespräche mit der Gemeinde Bad Schönborn. Das Areal um das ehemalige KZ gehört zwar dem Land Baden-Württemberg, aber die Gemeinde muss das Gelände als Baufläche ausweisen. Man müsse nun schauen, wie sich das Baugelände im Flächennutzungsplan ausnimmt und prüfen, welche Kosten für die Vorbereitung des Baugrunds, Wasser-, Abwasser-, Strom-, Glasfaseranschluss und so weiter anfallen werden. „Erst dann kann es an die Vorbereitung des Bebauungsplans und an die Konkretisierung der Baupläne selbst gehen. Wir hoffen, dass wir Mitte dieses Jahres soweit sind“, berichtet Hoffend.

Auch beim Bau selbst will sie „modular“ vorgehen: Das heißt, zunächst soll ein Haupttrakt mit Sanitärbereich entstehen. Lobby und Büroräume lässt man erst mal weg. Diese können dann nach und nach dazukommen. „Dafür müssen wir genau durchrechnen, welcher Schritt wie viel kosten wird“, berichtet die Projektleiterin. Der Verein sei Bauträger und müsse die Folgekosten solide berechnen, damit man auch den Gebäudeunterhalt langfristig bestreiten kann. „Das Land hat uns zugesichert, dass uns das Areal per Pachtvertrag zur Verfügung steht“, berichtet sie. Wie genau man das Projekt als Bauträger auf die Beine stellt, dafür brauche es noch juristische Beratung.

In dem Trakt will man inhaltlich die Themen Verfolgung und KZ ausstellen. „Wir würden gerne thematisch mit der Weimarer Republik ab 1918 beginnen, konzentrieren uns aber zunächst auf das, was dem Ort Kislau Rechnung trägt“, erzählt sie. Auch da also eine modulare Vorgehensweise. Nach und nach könne man dann den Lernort baulich und thematisch wachsen lassen. „Wir müssen kleinere Brötchen backen, aber das ist auch eine Chance, weil wir immer wieder neue Themen erarbeiten können, im Dialog mit jungen Menschen.“

Abfuhr vom Bund

Hoffend hatte bereits einige Male auf einen Baubeginn gehofft. Zuletzt hat man sich 2020 eine Abfuhr vom Bund geholt, der das Projekt nicht als förderungsfähig betrachtete und die Bittsteller stattdessen auf das Land verwies. Daraufhin intensivierte der Verein noch mal die politische Lobbyarbeit im Landtag, damit dieser seine Beschränkungen fallen lässt, also die Mittelauszahlung nicht mehr an Bedingungen knüpft. „Wir haben die Fraktionen darum gebeten, weil der Lernort sonst nie realisiert werden könnte“, berichtet Hoffend. Zudem hat man im September das Geschichtslabor im Landtag vorgestellt.

Natürlich sei sie nach inzwischen zehn Jahren Vereinsarbeit gerne schon weiter, aber es falle eben viel begleitende Arbeit an. „Wir sind ja schon rasch nach der Gründung in die Landesförderung gekommen, konnten schon 2015 mit einem kleinen hauptamtlichen Team in einem Projektbüro starten. Seitdem geht es nur langsam voran, weil viel politische Lobbyarbeit nötig ist.“

2023 soll es also so weit sein? Hoffend verliert das Ziel nicht aus dem Blick und schmunzelt dennoch. „Wir hatten auch schon mal an Kislau 2017 geglaubt.“ Gut möglich also, dass trotz aller Mühen der Spatenstich noch einmal verschoben werden muss.


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