Ein Koffer voller Kälte

Baden-Baden (naf) – Mit sechs Jahren wird Margit aus Baden-Baden zum Verschickungskind. Die Erinnerungen an die Zeit im Erholungsheim Schönwald begleiten sie bis heute.

Die Reise der mittlerweile erwachsenen Frau startete vor vielen Jahren auf Gleis 2 des Baden-Badener Bahnhofs. Foto: Nadine Fissl

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Die Reise der mittlerweile erwachsenen Frau startete vor vielen Jahren auf Gleis 2 des Baden-Badener Bahnhofs. Foto: Nadine Fissl

Eine große, schlanke Frau steht auf Gleis 2 des Bahnhofs Baden-Baden, einen alten, fast schon antiquarischen, braunen Koffer aus Leder tragend. Gefüllt ist er mit Erinnerungen an eine Zeit, in der er mehr als das in sich trug. Mit Erinnerungen an eine Reise vor genau 55 Jahren und an Bilder, die zwar bis heute präsent sind, von denen eines freudigen Urlaubs aber nicht weiter entfernt sein könnten.

Dort, wo heute die schlanke 61-jährige Frau steht, stand damals ein schlankes sechsjähriges Mädchen – den braunen Lederkoffer tragend. Der einfahrende Zug brachte sie tiefer in den Schwarzwald, nach Schönwald an einen der vielen später als Verschickungsheime bezeichneten Orte. Ihre Erlebnisse trägt die mittlerweile erwachsene Margit noch immer in sich. „Wie feine Fäden, die mein Leben durchziehen“, versucht sie zu erklären. Vor allem Kälte und Nässe sind im Gedächtnis geblieben und werden mittlerweile so gut es geht gemieden.

Das Duschen war die erste Erinnerung, die zurückkam, als Margit im BT über Schicksale anderer Verschickungskinder las. „Die haben teilweise ja viel schlimmere Dinge erlebt“, sagt sie oft. Und doch weckte der Artikel direkt ein Bild in ihr: Duschtag im Erholungsheim Schönwald.

Frische Unterwäsche nur einmal die Woche

Jeden Samstagnachmittag mussten sich die Mädchen im Duschbereich von Kopf bis Fuß mit Kernseife einseifen lassen und entblößt warten, bis alle abgeduscht wurden. Die Betreuerinnen, auch „Tanten“ genannt, wickelten Margit und ihre Zimmergenossinnen danach in Handtücher ein und ließen sie nass durch das kühle Treppenhaus in die eine Etage tiefer liegenden Zimmer laufen. Frische Unterhosen gab es nur an diesen Tagen. „Anfangs wollte ich jeden Tag frische Wäsche tragen, so wie ich es von zu Hause gewohnt war, doch das wurde untersagt“, blickt Margit zurück. Noch heute spürt sie die Kälte des durchgetakteten Vorgangs am Waschtag. „Ich dusche auch heute prinzipiell zuhause nicht, ich habe eine Badewanne“, sagt sie. „Ich brauche es warm.“

Kälte durchzog alle sechs Wochen ihres Aufenthalts im Haus, das vorab eigentlich Erholung versprach. Ob die emotionale oder die körperliche Tortur schlimmer war, ist heute schwer zu sagen. „Der gesundheitlichen Stärkung“ sollte der Aufenthalt ursprünglich dienen, erinnert sie sich. Vor der Einschulung sollte das schmale Mädchen noch etwas zunehmen, Kuraufenthalte waren damals gang und gäbe. Dass viele der Verschickungsheime zu Orten des Traumas wurden und die „Tanten“ Tausende von Kindern misshandelten, wird erst heute nach und nach aufgearbeitet.

Ihr alter Lederkoffer erinnert Margit an alles, was sie mit sechs Jahren erlebt hat. Fotos: Nadine Fissl

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Ihr alter Lederkoffer erinnert Margit an alles, was sie mit sechs Jahren erlebt hat. Fotos: Nadine Fissl

Gestärkt sollte Margit also von Schönwald zurückkehren – so jedenfalls der Plan der Eltern –, dementsprechend viel drehte sich bei ihrem Aufenthalt um die Mahlzeiten. „Die waren alles andere als kindgerecht“, sagt sie heute und erinnert sich nur allzu gut an den undefinierbaren „ekligen“ Milchsuppenbrei mit Spelzen. „In meinem Inneren sperrte sich alles gegen eine Aufnahme.“ Und so durfte das Mädchen stundenlang alleine vor ihrem Teller sitzen bleiben, bis er leer war, „auch wenn das den ganzen Nachmittag dauerte“. Erlöst wurde sie schließlich nicht von den „Tanten“, sondern durch eine große Zimmerpflanze, in deren Topf alle Essensreste von diesem Tag an verschwanden.

Vor den täglich anstehenden Wanderungen konnte ihr Ideenreichtum die Sechsjährige jedoch nicht bewahren. Stundenlang ging es durch den hohen Schnee – und da waren sie wieder: Kälte und Nässe. „Mäntel, Mützen und Schuhe hatten nie die Möglichkeit, richtig zu trocknen“, erzählt Margit. Der Geruch von feuchter Kleidung hängt ihr noch heute in der Nase. Als eine der damals Jüngsten der Gruppe war es ihr fast unmöglich, das Tempo der treibenden und mahnenden „Tanten“ mitzuhalten. „Ich blieb oft erschöpft zurück, legte mich in den Schnee und wollte nur noch schlafen“, erzählt sie. Müde Kinder fallen abends platt ins Bett und machen keinen Ärger – das war das Credo. Auch wenn sie den sowieso nicht gemacht hätten. Zu groß war die Angst vor den barschen Worten und „knallenden Ohrfeigen“, sagt Margit. „Das bewirkt Zurückhaltung in Kinderseelen.“

Statt Spielsachen und kindergerechter Bücher gab es dicke Wälzer als Beschäftigung – dass Margit noch nicht lesen konnte, tat dabei nichts zur Sache. „Das Mädchen neben mir sagte, dass ich trotzdem immer in das Buch schauen und mich lesend stellen sollte. Sonst kommen die Tanten und bestrafen uns“, erinnert sie sich. Einfach ruhig verhalten und die Zeit vergehen lassen, viel mehr blieb der Sechsjährigen nicht übrig.

Den Kofferaufkleber vom Rückweg aus Freiburg besitzt sie noch immer. Foto: Nadine Fissl

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Den Kofferaufkleber vom Rückweg aus Freiburg besitzt sie noch immer. Foto: Nadine Fissl

Das fremde Zuhause

„Nach einer unendlich langen Zeit“ war es dann vorbei, im Zug zurück nach Baden-Baden kehrte eine weitaus dünnere Margit dem Kindererholungsheim in Schönwald den Rücken. „Mein Vater erschrak, als er mich sah“, seine Tochter kehrte weder erholt noch gestärkt zurück. Doch auch der wütende Anruf bei der Kirchengemeinde, die den Aufenthalt initiierte, konnte diesen nicht mehr ungeschehen machen. „Zuhause angekommen, kam ich mir fremd vor“, erzählt Margit. Die vielen Wochen Angst saßen tief. Doch in den Armen der Mutter „konnte ich endlich weinen und wollte nie mehr weg“. Ferienlager oder Zeltcamps waren ab diesem Zeitpunkt nie mehr ein Thema, auch als Jugendliche lehnte Margit jegliche angebotene Ferienfreizeiten ab.

Heute liegen die Erlebnisse bereits mehrere Jahrzehnte zurück, eine „unbehagliche Kälte“ steige in manchen Momenten trotzdem noch immer auf. Dennoch hat Margit damit abgeschlossen. Die inneren Bilder packt sie an diesem Morgen auf Gleis 2 in Baden-Baden in ihren braunen Lederkoffer – und schließt ihn.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Nadine Fissl

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Erstellt:
15. August 2021, 17:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 46sec

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