Ein Kulturgut steht auf dem Spiel

Karlsruhe/Rastatt/Renchen (vo/for) – Gaststätten sind geschlossen, Feste und Veranstaltungen abgesagt: Für die 201 Brauereien im Südwesten mit ihrem überwiegend regionalen und mittelständischen Charakter hat die Corona-Pandemie inzwischen existenzbedrohende Züge angenommen. Mehr als die Hälfte des Umsatzes ist von einem Tag auf den anderen weggebrochen. Wie lange können die Unternehmen noch durchhalten?

Dorothee Scheidtweiler, die Geschäftsführerin von Hatz Moninger in Karlsruhe. Foto: Volz

© Jürgen Volz

Dorothee Scheidtweiler, die Geschäftsführerin von Hatz Moninger in Karlsruhe. Foto: Volz

Anfang der Woche hat der Baden-Württembergische Brauerbund in Stuttgart Alarm geschlagen. Er fordert von der Landesregierung Soforthilfen finanzieller Art. Denn bislang greift das vor einer Woche aufgelegte Notprogramm lediglich für Betriebe bis 50 Mitarbeiter. „Viele unsere Brauereien haben aber mehr als diese 50 Beschäftigte“, sagt Verbandssprecher Denni Föll. Sie kommen daher nicht in den Genuss der Förderung. „Viele dieser traditionsreichen Brauereien bestehen seit Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten und sind regional tief verwurzelt“, sagt Föll und spricht von einem Kulturgut, das es zu erhalten gelte.

Im benachbarten Bundesland Bayern mit einer ähnlichen Brauerei-Struktur hat die Münchner Staatskanzlei bereits reagiert und ihr Soforthilfeprogramm für Betriebe bis 250 Mitarbeiter aufgelegt. Diese Erweiterung erhofft sich der Brauerbund auch in Baden-Württemberg und fordert von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) sowie Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) entsprechende Nachbesserungen.

Hatz Moninger plant mit Kurzarbeit


Auch die Brauereien in der Region hat das Virus mit voller Wucht getroffen. „Wir machen uns ernsthaft Sorgen“, sagt Dorothee Scheidtweiler, die Geschäftsführerin von Hatz Moninger in Karlsruhe. Die Schließung der Gaststätten und das Veranstaltungsverbot haben in der Scheidtweiler-Gruppe, zu der auch die Brauerei Franz in Rastatt gehört, zu Umsatzeinbrüchen von 50 bis 60 Prozent geführt. Zumal die Brauereien in der Regel nicht nur Lieferant der Gastronomie sind, sondern teilweise auch selbst Verpächter von Räumlichkeiten, Zwischenpächter oder sogar Hauseigentümer. Und auch das eine oder andere Darlehen steckt in den Gaststätten und Restaurants.

Bei Hatz Moninger und Franz komme man um Kurzarbeit nicht herum, sagt Dorothee Scheidtweiler. Zwar laufe die Belieferung des Getränke- und Einzelhandels weiter, aber die Arbeitsumfänge sind in allen Bereichen trotzdem erheblich zurückgegangen. Vor allem die Logistik und der Fuhrpark seien betroffen, sagt Scheidtweiler. Daher wäre eine Ausweitung der finanziellen Hilfen auf Betriebe mit bis zu 250 Mitarbeitern für die Unternehmensgruppe sehr hilfreich.

Die Brauerei Hoepfner in Karlsruhe ist von der Corona-Pandemie und deren Folgen ebenfalls erheblich betroffen. Das Unternehmen berichtet auf BT-Nachfrage von deutlichen Umsatzrückgängen allein durch den Wegfall der Gastronomie. „Dadurch ist der Absatz beim Fassbier gleich null“, sagt Hoepfner-Sprecherin Dagmar Zimmermann. Die Nachfrage im Handel sei dagegen unverändert gut.

Geschäftsführer Willy Schmidt betont, dass ganz viel von der Dauer der Situation abhängig sei. „Wir haben natürlich auch unsere Kunden im Blick und begrüßen daher die Initiativen des Bundes und des Landes. Es gibt eine Zeit nach dem Virus – darauf bereiten wir uns gemeinsam vor.“ Das Traditionsunternehmen plant zunächst nicht mit Kurzarbeit, behält aber alle Möglichkeiten im Auge. Momentan sei man dabei, die Spielräume von Arbeitszeitkonten zu nutzen, sagt Zimmermann.

Hoepfner sagt Burgfest ab


Auf der Veranstaltungsseite musste Hoepfner sein Burgfest absagen. Der Besuchermagnet sollte eigentlich über Pfingsten stattfinden. Betroffen davon sind auch einige ohnehin von der Krise gebeutelte Gastronomen. Geschäftsführer Schmidt betont, dass die Hoepfner-Brauerei ihre Gastronomen und Partner durch viele individuelle Lösungen unterstütze. „Wir sprechen miteinander und suchen jeweils einen Weg, der passt und den Betroffenen hilft“ ,sagt er.

Auch bei der Familienbrauerei Bauhöfer in Renchen-Ulm sind die Zeiten schwieriger geworden. Die neue Chefin Katharina Scheer, die erst seit Kurzem die Geschäfte führt, sieht sich gleich vor große Herausforderungen gestellt. „Aufgrund von fehlendem Absatz und Umsatz ist die finanzielle Situation derzeit sehr problematisch“, sagt sie. Wie groß die Verluste durch die Corona-Krise bislang sind, könne sie noch nicht genau sagen: „Der März ist durch die Fastenzeit generell ein ruhiger Monat in der Braubranche. Deshalb kann man die effektiven Ausmaße der Situation erst in einem repräsentativen Monat sehen. Wir müssen jetzt den April abwarten“, meint Scheer. Eines sei aber klar: Auch ihr Unternehmen verzeichne starke Einbußen vor allem beim Fassbier. Hinzu komme, dass der komplette Gastronomiebetrieb im „Bauhöfer’s Braustüb’l“ derzeit stillsteht. „Die ersten Sonnenstrahlen und somit auch die ersten Biergartenstunden können wir nicht mitnehmen. Dies ist normalerweise eine gute Zeit, um sich auf den stressigen Sommer einzustellen“, bedauert Scheer.

Da die Brauerei Bauhöfer nur 35 Mitarbeiter beschäftigt, die sich seit vergangener Woche alle in Kurzarbeit befinden, kann Scheer von dem Soforthilfeprogramm des Landes Gebrauch machen. Den Antrag auf finanzielle Hilfen habe sie bereits gestellt. Ihrer Meinung nach muss die Politiker aber noch stärker unterstützend eingreifen: „Die Wirtschaft in Deutschland funktionierte bisher sehr gut und ist der Motor unserer Nation. Ich denke, dass die Politik sehr daran interessiert ist, die Wirtschaft im Nachgang der Krise zu unterstützen.“ Dafür müsste aber auch mehr getan werden. „Wir gehen in der Brauerei von einer starken Rezession nach der Corona-Krise aus. Hier muss die Politik tätig werden.“

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Erstellt:
1. April 2020, 21:00 Uhr
Lesedauer:
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