Ein Labor für die Fragen der Zukunft

Völklingen (dk) – Unter dem Titel „Future Lab I – IBA Plant“ entwerfen Studenten im Industriedenkmal Völklinger Hütte Modelle für künftige Lebensformen.

„Das wächst wie verrückt hier“: Gastkurator Stefan Ochs (links) und Generaldirektor Ralf Beil im „Arbeitergarten“ des Future Lab I in der Völklinger Hütte. Foto: Daniela Körner

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„Das wächst wie verrückt hier“: Gastkurator Stefan Ochs (links) und Generaldirektor Ralf Beil im „Arbeitergarten“ des Future Lab I in der Völklinger Hütte. Foto: Daniela Körner

Dicke Stahlrohre, riesige Hochöfen, Gitterrosttreppen: In der Völklinger Hütte im Saarland wurde vor 35 Jahren noch Eisen produziert. Der Geruch – eine Mischung aus Eisen, Koks und schweren Maschinen – dringt den Besuchern noch immer in die Nase, sobald sie die Gebäude betreten. Bis 1986 noch Industriestandort, ist die Völklinger Hütte direkt an der Grenze zu Lothringen inzwischen zu einer Kulturstätte geworden. Dort sind Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verwoben.

Ein Stück Zukunft ist in der Erzhalle zu sehen. Wo einst Rohstoffe lagerten, gedeihen derzeit Tomaten und Zucchini. Pflanzregale aus Bambus erinnern an die vertikale Landwirtschaft, ahmen auf künstlerische Weise aber auch die Bauweise der Erzhalle nach. Studenten des Masterstudiengangs Architektur unter der Leitung von Professor Stefan Ochs gestalten noch bis zum 5. September den ersten Teil des neuen Ausstellungsformats „Future Lab“ – übersetzt „Zukunftslabor“ – in dem sich die Gestaltenden auf künstlerisch-experimentelle Weise den Fragen der Zeit nähern.

„Ein guter Ort, um über Gegenwart und Zukunft nachzudenken“

„Von der Völklinger Hütte gingen ein ganzes Jahrhundert lang wesentliche Impulse für die Industriegesellschaft aus. Von hier aus wurde die Welt umfassend positiv sowie negativ verändert. Natürliche wie menschliche Ressourcen wurden ausgebeutet, um gesellschaftliche Entwicklungsschübe zu erreichen. Die Industrieproduktion brachte sowohl massive Umweltverschmutzung als auch bedeutende technische Innovationen mit sich. Ich kann mir deshalb keinen besseren Ort vorstellen, um über unser aller Gegenwart und Zukunft nachzudenken“, erklärt Generaldirektor Dr. Ralf Beil.

Vertikale Gärten und Industrie: Auf künstlerische Weise nähern sich Studenten den Zukunftsfragen. Foto: Daniela Körner

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Vertikale Gärten und Industrie: Auf künstlerische Weise nähern sich Studenten den Zukunftsfragen. Foto: Daniela Körner

Alle sechs Monate wird ein neues Thema aufgegriffen. Das erste Zukunftslabor nennt sich „IBA Plant“. Die Idee dahinter: Visionen zu entwickeln für eine Internationale Bauausstellung (IBA) im Saarland. Wobei der englische Begriff „Plant“ nicht nur für Pflanze(n) steht, sondern auch für Fabrikanlage.

Wie könnte die Großregion in 25 Jahren aussehen? Was kann mit den Industriebrachen rund um die Völklinger Hütte passieren? Und wie können die Menschen es bewerkstelligen, mit immer weniger Ressourcen immer mehr Menschen auch im urbanen Raum zu versorgen?

Die Studierenden berücksichtigen Themen von regionaler und gleichzeitig globaler Bedeutung, beackern gleichermaßen soziale, ökologische und urbane Fragen, arbeiten diese technisch und künstlerisch auf. Eine kleine Aquaponik-Anlage zeigt zum Beispiel, wie in einem geschlossenen Kreislauf Meeresfische und gleichzeitig Nutzpflanzen gezüchtet werden können – und das mit einem möglichst niedrigen Wasser- und Energieverbrauch. Die Exkremente der Fische dienen dabei der Düngung der Pflanzen. Und im Freien wachsen, sozusagen in einem „Arbeitergarten“ unter gigantischen Eisenrohren Kohlrabi und Buschbohnen, aber auch Kräuter.

Visionen für konkrete Orte

Szenerien entwarfen die Studierenden außerdem für konkrete Orte in der Großregion, die das Saarland, Lothringen, Luxemburg, Rheinland-Pfalz und die Wallonie umfasst. Da sitzt ein Zeitung lesender Mann neben einem Beet voller Kohlköpfe, im Hintergrund ein alter Förderturm, ein Junge spielt Fußball, junge Frauen flanieren auf dem breiten Weg: Auf der Fläche des im Jahr 2005 stillgelegten Steinkohlebergwerks Luisenthal, das zu Völklingen gehört, ist in den Köpfen der Studenten ein Dorf mit hoher Lebensqualität entstanden. Auf einem anderen Bild findet sich eine Bananenplantage mitten in einem Stahlwalzwerk. Eine weitere Vision zeigt, wie das Saarufer in Zukunft aussehen könnte.

Begleitet wird die Ausstellung von Veranstaltungen, in denen Experten zu Podiumsdiskussionen eingeladen wurden, und in den Ferien gibt es spezielle Workshops.

Gastkurator Ochs freut sich über großes Interesse auch seitens der Bevölkerung. „Die Menschen freuen sich, dass zum Beispiel ihr Luisenthal Thema ist“, stellt er fest. Luisenthal, 1962 in die Schlagzeilen geraten durch ein schweres Grubenunglück mit zahlreichen Toten, spiegelt all die Probleme, die das Ende des Bergbaus mit sich brachte: vom Verlust der Arbeit und der Identität bis hin zu riesigen Industriebrachen.

Eine kleine Aquaponik-Anlage zeigt, wie Fisch- und Pflanzenzucht in einem Kreislauf funktionieren können – und das ressourcensparend. Foto: Daniela Körner

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Eine kleine Aquaponik-Anlage zeigt, wie Fisch- und Pflanzenzucht in einem Kreislauf funktionieren können – und das ressourcensparend. Foto: Daniela Körner

Ochs: „Städte werden ländlicher, Dörfer werden städtischer“

Was Ochs und seine Studenten im Laufe des Prozesses auch feststellen: „Die Dörfer werden immer urbaner, und die Städte werden ein Stück ruraler (ländlicher).“

Die Corona-Pandemie habe manche Themen doch mehr ins Bewusstsein gerückt – und auch die Erkenntnis, dass man „nach Corona“ nicht so weitermachen könne wie bisher – egal, ob es um Mobilität gehe oder um die Fragen, wie man aus Müllbergen neue Ressourcen schöpfen könne. Dadurch, dass pandemiebedingt Vor-Ort-Veranstaltungen lange nicht möglich waren, sondern ins Netz verlegt wurden „sind die Diskussionen alle gut dokumentiert“ und können jederzeit auf Youtube abgerufen werden.

„Wir wollen das Future Lab mit immer neuen Themen bespielen“, erklärt Beil. Als Nächstes steht das Thema „Spekulative Nomaden. Von Hütte zu Hütte“ auf dem Programm. Hier geht es im Wesentlichen um die Frage „Wie können und wollen wir zusammenleben?“, um nationale und lokale Ungleichheiten, um internationale Migrationsströme. Diesmal wird die Völklinger Hütte mit der Hochschule für Bildende Künste (HBK Saar) zusammenarbeiten.

Umfangreiches Programm in der Völklinger Hütte

Seit 1994 ist die Roheisenproduktion der Völklinger Hütte im Saarland Weltkulturerbe. Auf einem Rundgang durch die Sinteranlage, die Erzhalle, Möllerhalle, zu den Hochöfen, das Sciencecenter Ferrodrom und die Gebläsehalle bekommen Besucher einen Eindruck von der Bedeutung der Anlage, die die Zeit der Hochindustrialisierung wiedergibt. Es gibt dort wechselnde Ausstellungen und Veranstaltungen.

Noch bis 28. November ist in der Möllerhalle die Schau „1986. Zurück in die Gegenwart“ mit Fotografien von Michael Kerstgens zu sehen. Im Jahr 1986 wurde die Roheisenproduktion in der Völklinger Halle eingestellt.

Das Future Lab I in der Erzhalle läuft noch bis zum 5. September. Vom 10. Oktober bis 27. März 2022 folgt „Future Lab II – Spekulative Nomaden. Von Hütte zu Hütte.“

Auch ein Rundgang im „Paradies“ in der Kokerei lohnt sich: Dort erobert die Natur das Terrain der stillgelegten Industrieflächen zurück. Außerdem entdeckt man dort Werke verschiedener Künstler.

Öffnungszeiten: täglich 10 bis 19 Uhr, ab 1. November von 10 bis 18 Uhr. Infos zu coronabedingten Maßnahmen gibt es auf der Homepage.

Eintritt: 17 Euro, ermäßigt 15 Euro. Freier Eintritt für Jugendliche und Schüler bis 18 Jahre, Studenten und Auszubildende bis 27 Jahre.

Info: Telefon (0 68 98) 9 10 01 00 oder E-Mail: visit@voelklinger-huette.org.

www.voelklinger-huette.org

Ihr Autor

BT-Redakteurin Daniela Körner

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Erstellt:
18. Juli 2021, 10:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 02sec

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