Ukrainer in Rastatt: Ein Lächeln mit Tränen

Rastatt (sie) – Im Martha-Jäger-Haus in Rastatt leben rund 400 Ukrainer. Zwei Familien erzählen von ihrer Flucht.

Wenig Platz, aber in Sicherheit: Ruslana und Dmutro Rubachyk leben mit ihren beiden Kindern in einem kleinen Zimmer des ehemaligen Pflegeheims. Foto: Hans-Jürgen Collet

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Wenig Platz, aber in Sicherheit: Ruslana und Dmutro Rubachyk leben mit ihren beiden Kindern in einem kleinen Zimmer des ehemaligen Pflegeheims. Foto: Hans-Jürgen Collet

Ruslana Rubachyk hat die kleine Anna hübsch gemacht. Die fünfjährige Tochter sitzt im gelben Kleid mit Rüschenkragen auf ihrem Schoß. Die Themen, über die die Mutter spricht, passen nicht zu diesem friedlichen Bild. Es geht um Bomben, Leichen auf Straßen, Vergewaltigungen und Verwandte, die im Krieg kämpfen. Gemeinsam mit ihrem Mann und den beiden Kindern ist sie aus der Ukraine geflohen. Wie rund 400 weitere Flüchtlinge hat die Familie eine vorübergehende Heimat im Martha-Jäger-Haus in Rastatt gefunden.

Dankbar für ein kleines Zimmer

Seit drei Wochen lebt die Familie in einem kleinen Zimmer im ersten Obergeschoss des ehemaligen Pflegeheims. Ein runder Tisch mit zwei Klappstühlen und vier Betten füllen den Raum komplett aus. Aber Ruslana will nicht meckern, sondern Dankbarkeit äußern: „Wir fühlen uns sehr wohl.“

Sie sagt den Satz auf Ukrainisch. Natalie Shev übersetzt ihn. Sie stammt ebenfalls aus der Ukraine und lebt seit 2007 in Deutschland. Jetzt arbeitet sie für das Landratsamt und hilft, die Abläufe im Martha-Jäger-Haus zu organisieren.

Viele Bewohner wie die Familie Rubachyk wollen sich nützlich machen. Ruslanas Mann Dmutro hilft in der Wäscherei. Ein Dutzend Ukrainer hat bereits feste Aufgaben übernommen, „aber 40 stehen noch auf meiner Warteliste“, sagt Shev.

Auch Olha Kovalova hilft, wo sie kann. Die 37-Jährige ist mit Sohn Roman und Tochter Elja im Martha-Jäger-Haus unterkommen. Hinter ihnen liegt eine Odyssee. Als die ersten Bomben auf ihre Heimatstadt Charkiw fielen, stiegen die drei in einen Evakuierungszug nach Lwiw im Westen des Landes. Der Vater der Familie blieb zurück. Er ist im wehrfähigen Alter und darf das Land nicht verlassen.

Berichte über Gräueltaten

Ihren Mann zu verlassen und nicht zu wissen, ob sie ihn je wiedersieht, sei kaum zu ertragen gewesen. Am Ende nahm er ihr die Entscheidung ab: „Er hat uns weggeschickt. Damit die Kinder in Sicherheit sind.“ Während der Mann im Keller Schutz vor den Raketen sucht, reisen seine Frau und Kinder weiter nach Warschau, Berlin, Stuttgart, Hannover und Offenburg. Eine Erstaufnahmestelle schickt sie weiter zur nächsten. Am 31. März sind sie dann in Rastatt – und „sehr froh, endlich angekommen zu sein“.

Größer als die Freude ist der Wunsch, so schnell wie möglich zurückzukehren. Doch ihr Mann und andere Verwandte berichten Schreckliches aus der Heimat. Menschen würden beim Brotkaufen erschossen, Frauen vergewaltigt. Die Russen übten Vergeltung für Opfer in den eigenen Reihen: „Die Soldaten töten Zivilisten aus Wut.“

Selbst wenn der Krieg bald enden sollte, macht sich Olha große Sorgen um ihre Kinder: „Es ist viel kaputt und es gibt Minen.“ Sie würde Roman und Elja erst zurückbringen, wenn es wirklich sicher sei.

Ganz ähnlich ist die Gefühlslage bei Ruslana und ihrem Mann. Dass Dmutro seine Frau begleiten durfte, liegt an Sohn Matvii. Der Zweijährige leidet an einer Behinderung. Da es die Mutter kaum geschafft hätte, sich allein mit beiden Kindern durchzuschlagen, erhielt auch der Vater eine Ausreisegenehmigung.

„Die Hoffnung schmilzt jeden Tag“

In Deutschland waren sie mit Matvii schon beim Arzt. Aber auch in ihrer Heimatstadt Riwne im Nordwesten der Ukraine sei die Versorgung für ihn gut gewesen. „Wir haben dort schon sehr früh eine Behandlung für ihn bekommen“, sagt die Mutter. Die Sehnsucht nach dem eigenen Zuhause sei groß. Aber die Nachrichten machen wenig Mut: „Die Hoffnung schmilzt jeden Tag.“

Ihr Onkel und ihr Vater seien in den Krieg gezogen. Die Gefühle der Geflohenen sind zwiegespalten. Da der Stolz auf die Kämpfer zu Hause, auf das Volk, das Widerstand leistet. Aber auch die Angst vor Todesnachrichten, vor Bildern der Verwüstung. Shev fasst das mit einem bittersüßen Begriff zusammen: „Ein Lächeln mit Tränen.“

Olha sagt, dass der Krieg die Ukrainer zusammengeschweißt habe. In der Vergangenheit hätten die Bewohner des noch jungen Staats Schwierigkeiten mit ihrer nationalen Identität gehabt: „Jetzt ist für Kinder die Ukraine cool. Dort wollen wir leben.“ In Russland gebe es Neid auf dieses Leben, das sich am Westen orientiere. Kurz bevor sie floh, habe sie auf den Straßen Charkiws eine Bombe gesehen, die nicht detoniert sei. Russische Soldaten hätten darauf eine Botschaft geschrieben: „Das ist dafür, dass ihr so ein tolles Leben hattet.“

Gesamtüberblick fehlt noch

Wie viele Flüchtlinge aus der Ukraine aktuell im Landkreis leben, ist nicht bekannt. Offiziell gemeldet waren Anfang vergangener Woche 1.600. Doch vor allem zu Beginn des Kriegs machten sich viele Betroffene auf eigene Faust auf den Weg und kamen privat bei Bekannten unter.

Bei der Stadt Rastatt haben sich mittlerweile 266 Personen gemeldet, die in privaten Unterkünften leben. Nach wie vor fehlt aber ein Gesamtüberblick.

Das Landratsamt hat für die Flüchtlinge derzeit sieben Gemeinschaftsunterkünfte in Betrieb, darunter das Martha-Jäger-Haus. Zwei weitere Häuser in Rastatt werden für den Bezug vorbereitet: das ehemalige Notariat und das ehemalige Gebäude der Kriminalpolizei. In Durmersheim steht seit März die Sporthalle des Wilhelm-Hausenstein-Gymnasiums als Notunterkunft bereit. Dort könnten kurzfristig 148 Flüchtlinge unterkommen. Auch die Hallen der Handelslehranstalten in Rastatt und Bühl könnten entsprechend hergerichtet werden. Aktuell sieht das Landratsamt dafür aber keinen Bedarf.

Musste ihren Ehemann zurücklassen: Olha Kovalova ist mit ihrem Sohn Roman und Tochter Elja aus Charkiw geflohen. Jetzt leben sie im Martha-Jäger-Haus in Rastatt. Foto: Hans-Jürgen Collet

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Musste ihren Ehemann zurücklassen: Olha Kovalova ist mit ihrem Sohn Roman und Tochter Elja aus Charkiw geflohen. Jetzt leben sie im Martha-Jäger-Haus in Rastatt. Foto: Hans-Jürgen Collet

Ihr Autor

Holger Siebnich

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Erstellt:
21. April 2022, 10:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 37sec

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