Ein Rahmen für ein gutes Leben

Rastatt/Lichtenau (fh) – Zum Welt-Autismus-Tag: Bedürfnisse der Betroffenen sind so individuell wie die Menschen selbst. Sie bekommen im Autismuszenturm Mittelbaden individuelle Hilfen.

Diana Möbius (links) und Monique Zink im Bewegungsraum des Autismuszentrums Mittelbaden. Foto: Fiona Herdrich

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Diana Möbius (links) und Monique Zink im Bewegungsraum des Autismuszentrums Mittelbaden. Foto: Fiona Herdrich

Routinen und Regeln, jeden Tag, den ganzen Tag – sie bestimmen das Leben bei Familie Back in Lichtenau. Die beiden Söhne im Teenageralter gehören dem Autismus-Spektrum an. Ordnung und genaue Abläufe helfen ihnen, zurechtzukommen. Alles ist durchgeplant, selbst Spiel- und Fernsehzeiten oder wann es Süßigkeiten gibt.

„Am Anfang hatten wir Magnete mit Bildern darauf: Eine Müslischüssel für das Frühstück, eine Zahnbürste für Zähneputzen. Als die Kinder lesen konnten, kam dann ein Kalender“, erzählt Mutter Marianna Back. Heute reicht es, wenn sie am Vorabend über den kommenden Tagesablauf sprechen.

Dennoch ist es für den 18-jährigen Fabio Back wichtig, unerwartete Veränderungen so früh wie möglich und bis ins Detail zu kennen, sonst reagiert er nervös. Läuft etwas nicht wie vorgesehen, beispielsweise bei Ausflügen, waren früher Blockaden und Geschrei die Folge „Da war dann der ganze Tag gelaufen“, erinnert sich seine Mutter. Mittlerweile hat der Teenager aber gelernt, sich schnell wieder zu fangen.

Als bei ihrem Sohn mit fünf Jahren das Asperger-Syndrom festgestellt wurde, nimmt Marianna Back Kontakt mit dem heutigen Autismuszentrum Mittelbaden auf, das damals noch als Verein organisiert ist. Später wird auch bei dem jüngeren Kind der Backs atypischer Autismus diagnostiziert. Monique Zink, heute Geschäftsführerin an den Standorten des Zentrums in Achern und Offenburg, begleitet die Familie seither.

Ins Autismuszentrum Mittelbaden kommen Menschen aus dem Autismus-Spektrum, vom Zweijährigen bis zum Rentner, auch an den Niederlassungen in Rastatt und Freudenstadt, für die Diana Möbius zuständig ist. Die Einrichtung bietet hauptsächlich Therapie und Schulbegleitung sowie Beratung für Familien und Fortbildungen an.

Rückzugsmöglichkeiten wichtig

Neben den Türen am Standort Rastatt hängen Steckbriefe berühmter Autisten und von Prominenten, denen Autismus zugeschrieben wird – Greta Thunberg, Elon Musk, Bill Gates und Albert Einstein sind dabei. Die Räume selbst sind hell und schmucklos, keine Bilder an der Wand, nur wenige Möbel, die Fenster zur Hälfte mit Folie abgeklebt. An einer Tafel kann der Ablauf einer Therapiesitzung gezeigt werden. Selbst Materialien wie Mappen mit Aufgaben, Spiele oder Bilderkarten werden in einem separaten Raum aufbewahrt. Nichts soll unnötige optische Reize auslösen.

Denn viele Autisten können ihre Wahrnehmungen nicht filtern und empfinden alles gleich stark. Damit hat auch Fabio Back zu kämpfen, zum Beispiel im Straßenverkehr. Autofahrten bedeuten für ihn oft Stress und machen ihn reisekrank. Darum ist es wichtig, das er im Alltag genug Rückzugsmöglichkeiten hat.

„Autismus ist eine komplexe und vielgestaltige neurologische Entwicklungsstörung“, schreibt der Bundesverband zur Förderung von Menschen mit Autismus. Da es viele Abstufungen gibt, spricht man auch von Autismus-Spektrum-Störung. „Häufig bezeichnet man Autismus auch als Störungen der Informations- und Wahrnehmungsverarbeitung“, so der Bundesverband. Menschen mit Autismus könnten soziale und emotionale Signale darum nur schwer einschätzen und haben ebenso Schwierigkeiten, diese auszusenden, heißt es weiter.

„Man sagt immer, kennt man einen Menschen mit Autismus, dann kennt man eben auch nur einen Menschen mit Autismus“, erklärt Monique Zink vom Autismuszentrum Mittelbaden. Denn es gibt verschiedene Ausprägungen.

Strategien, um sich auszudrücken

Im Autismuszentrum sollen die Klienten zunächst lernen, sich selbst zu akzeptieren, und verstehen, was es bedeutet Autist zu sein. „Wir sagen oft, das ist wie ein anderes Betriebssystem“, erklärt Zink. Ein Schulbegleiter etwa sei in diesem Bild ein Adapter oder Übersetzer für sogenannte neurotypische Menschen, also Nicht-Autisten.

In der Therapie ginge es auch nicht darum, den Autismus wegzutrainieren, betont ihre Kollegin Diana Möbius. Vielmehr sei die Therapie individuell, je nach den Bedürfnissen des Klienten. Sie sollen lernen, so selbstständig wie möglich zu leben. „Zum Beispiel können verschiedene Strategien erlernt werden, um Gefühle oder Wünsche auszudrücken oder um aus der Überforderung herauszukommen“, erklärt Möbius. Dabei ist auch der Aspekt Kommunikation wichtig. Autisten, die nicht sprechen, helfen dabei etwa Bildkarten oder Tablets.

„Dinge einfach so dahinsagen, wie bei Smalltalk, gibt es für Autisten nicht“, erklärt Zink. Insofern müsse man sich auch immer wieder selbst hinterfragen. „Man kann nicht einfach sagen, dass man gleich wieder kommt. Denn was bedeutet ,gleich‘? Man muss vielmehr das Konzept dahinter erklären.“ In jedem Raum im Autismuszentrum hängt darum ein Timer an der Wand, der Zeiträume auch optisch verdeutlicht.

Neben Einzeltherapie gibt es auch Gruppentherapie. Dort können in geschütztem Setting etwa alltagspraktische Dinge geübt werden, wie einkaufen, Bus fahren oder telefonieren. „Manchen Klienten hilft da schon eine Checkliste“, sagt Möbius.

Die Geschäftsführerinnen betonen, dass es darum geht, einen Rahmen für ein gutes Leben zu schaffen – neben Schule und Beruf gehört dazu auch die Freizeit. Damit das gelingen kann, ist aber auch das Umfeld gefragt, Eltern, Lehrer, Mitschüler oder Kollegen. „Man sieht es den Betroffenen eben nicht an“, sagt Zink. Darum sei Aufklärungsarbeit so wichtig. Für Familien bietet das Zentrum eine Beratung an. Einrichtungen könnten auch Fortbildungen buchen.

Es gilt: „So geordnet und routiniert Autisten auch sind, so flexibel und tolerant muss auch ihr Umfeld sein“, sagt Marianna Back, die sich sicher ist, dass ihre Söhne ihren Weg gehen werden.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Fiona Herdrich

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Erstellt:
2. April 2022, 09:00 Uhr
Lesedauer:
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