Ein Raum, um neu zu denken

Gaggenau (kie) – 20 Schüler, die als künstlerisch besonders begabt gelten, haben in der vergangenen Woche den ersten Teil der Kulturakademie der Stiftung Kinderland im Schloss Rotenfels besucht.

Die eigene Ausdrucksform finden: Auch Mode kann, wie bei dieser Akademistin, zum Inhalt der Workshops werden. Foto: Franziska Kiedaisch

© kie

Die eigene Ausdrucksform finden: Auch Mode kann, wie bei dieser Akademistin, zum Inhalt der Workshops werden. Foto: Franziska Kiedaisch

„Ich bin platt! Wie machst du das?“, fragt Elke Hennen, freie Künstlerin aus Karlsruhe, ein Mädchen im bunt beklecksten T-Shirt mit blondem, schulterlangem Haar. Vor ihr steht eine Skulptur aus Ton, einem Zauberhut gleich wölbt sich die Form beständig nach oben, knickt in der Bewegung ab, bildet in der Mitte eine Kuhle und ergibt ein ästhetisches Ganzes – ohne auf Anhieb preiszugeben, was sie darstellen soll.

Darum gehe es letztendlich, sagt Hennen, voll des Lobes für die Arbeit von Sophie Kolassa, aber auch jene der anderen Teilnehmer: Um das Verlassen eingeübter und bequemer Wege und das Austarieren eigener Ansätze, um schließlich zu einem künstlerischen Ausdruck zu finden – und den Mut, diesen auch umzusetzen. „Aber fummel mir da bloß nicht mehr dran rum“, fügt sie noch in Sophies Richtung an, bevor sie sich weiteren Schülern widmet.

Im Austausch mit Künstlerin Elke Hennen lernen die Schüler, ihre künstlerischen Vorstellungen zu hinterfragen. Foto: Franziska Kiedaisch

© kie

Im Austausch mit Künstlerin Elke Hennen lernen die Schüler, ihre künstlerischen Vorstellungen zu hinterfragen. Foto: Franziska Kiedaisch

Sophie ist eine von insgesamt 20 Schülerinnen und Schülern der sechsten bis achten Klassen, die in Baden-Württemberg als künstlerisch besonders begabt gelten und in der vergangenen Woche den ersten Teil der Kulturakademie der Stiftung Kinderland im Schloss Rotenfels besuchten. In den Faschingsferien folgt die zweite Projektwoche. Eingeteilt in zwei Gruppen zu jeweils zehn Personen werden die Jugendlichen von der freien Bildhauerin, Performance- und Objektkünstlerin Hennen und dem Kunstlehrer und Künstler mit Schwerpunkt Malerei Jochen Wilms angeleitet: Hennen ist für den Bereich skulpturale Kunst, Wilms für Malerei zuständig.

Im Vorfeld der Kulturakademie wurden die Schüler durch ihre Kunstlehrer bei der Stiftung nominiert, wie Katharina Beckmann, Leiterin der Akademie Rotenfels, erklärt. Im Anschluss erhielten die Nominierten einen künstlerischen Auftrag vonseiten der Stiftung: Unter dem losen Motto „Was mich bewegt“ sollten sie entweder ein Skizzenbuch gestalten oder einen Karton befüllen. Von rund 200 Nominierten reichten etwa 120 Schüler einen Beitrag ein. Ein Kuratorium, zu dem auch Hennen und Wilms zählten, wählte daraus die größten Talente aus.

Jochen Wilms leitet den Malerei-Workshop. Die Ateliersituation, in der sich die Jugendlichen befinden, sieht der Lehrer und Künstler als großen Gewinn. Foto: Franziska Kiedaisch

© kie

Jochen Wilms leitet den Malerei-Workshop. Die Ateliersituation, in der sich die Jugendlichen befinden, sieht der Lehrer und Künstler als großen Gewinn. Foto: Franziska Kiedaisch

Dabei ging es laut Beckmann darum, Schüler auszuwählen, die „besonders originell denken“, weniger um das Schöne an sich. Überhaupt bestehe das Ziel der Kulturakademie darin, neue Wege aufzuzeigen, „Dinge, die bisher immer funktioniert haben, auch mal loszulassen“ und „die eigene Komfortzone zu verlassen“. Hennen bestätigt: Oftmals bestehe eine recht feste Vorstellung davon, was schön und ästhetisch ist; Kunst hingegen sei aber „harte Arbeit“, die fokussierte Auseinandersetzung mit sich selbst und einer Idee stehe im Zentrum.

„Ehrliche, authentische Kunst muss nicht gefällig sein, darum geht es nämlich gar nicht“, sagt Beckmann. Wilms spricht mit Blick auf die Malerei von „Schubladen“, die vielmals bestünden: Was schön und fertig ist, würde in der Akademie hinterfragt und durch die Frage ergänzt: „Ist das wirklich schön und fertig?“. Am Beispiel eines Bilds der 13-jährigen Eloisa Gonnesch, die zwei Tage an einer nahezu perfekten Kopie eines Frauen-Porträts nach einer Vorlage gearbeitet hat, dass dieses eben schön sei, aber der künstlerische Ausdruck fehle. Gekonntes Abmalen habe auch eine Berechtigung, ergänzt er. Aber letztlich sei es vergleichbar mit dem Üben einer Tonleiter: nötig, aber eben noch keine Kunst. Einzelne Teile von Eloisas Bild hat er ausgeschnitten, damit sie damit weiterarbeiten kann, der Rest landete in der Mülltonne.

Angedeutete Umrisse oder einfach eine fertige Kuh: Die Schüler sollen sich von der eigenen Art zu Malen lösen. Foto: Franziska Kiedaisch

© kie

Angedeutete Umrisse oder einfach eine fertige Kuh: Die Schüler sollen sich von der eigenen Art zu Malen lösen. Foto: Franziska Kiedaisch

„Das war der schönste Moment“, fasst Wilms zusammen, „als sie mich gefragt hat: ,Soll ich es wegschmeißen?‘, und ich geantwortet habe: ,Ja!‘. Denn da wusste ich: Sie hat es kapiert“. Eloisa selbst zeigt Verständnis: „Mir wurde hier beigebracht, sich von der eigenen Mal-Art zu lösen und locker damit umzugehen.“

Das Bild einer Kuh, bei dem Wilms im Schaffensprozess interveniert hat und damit die von der jungen Malerin Janine Grans intendierte Fertigstellung unterbrochen hat, nennt er als weiteres Beispiel: „Es ist ja schon alles da, ganz leicht, ohne eine Form zu sein“, sagt er mit Blick auf die nur angedeuteten Umrisse des Tiers. „Im Vergleich dazu ist das andere Bild eben einfach eine Kuh“, sagt er und zeigt auf ein weiteres Werk, bei dem Janine die Kuh dann doch noch vollendet hat. „Es ist neu“, sagt sie dazu – und man merkt ihr an: Ganz ist sie noch nicht von der neuen Art zu malen überzeugt.

Begeisterung für das Unbequeme

Auch bei Hennen, die sowohl Freie Bildhauerei als auch Medienkunst in Karlsruhe und Stuttgart studiert hat, wird im Umgang mit den Werken der Schüler die Begeisterung für das Unbequeme, Unfassbare und nicht Gefällige spürbar. Spricht sie mit den Teilnehmern ihres Workshops, geht es um feine Nuancen der Materialbearbeitung, um individuelle Zugänge zum Räumlichen, den weitestgehenden Verzicht auf kaschierende Momente wie Farbe und das Zulassen eines eigenen Arbeitstempos – ohne Stress und mit viel Muße.

Dementsprechend kontemplativ ist die Stimmung im Schloss dieser Tage, konzentriert das Arbeiten der Schüler – trotz einer gewissen Geräuschkulisse, die sich aus der Bearbeitung unterschiedlichster Materialien wie Holz, Lehm oder Styrodur ergibt. Im Großen Saal des Schlosses, der zum Malersaal umfunktioniert wurde, ist es ruhiger. Hier stehen die Schüler an Staffeleien oder skizzieren vor dem Eingang an Tischen erste Ideen.

Wilms, Lehrer an einem Karlsruher Gymnasium, sieht das Besondere an der Kulturakademie im Vergleich zum schulischen Kunstunterricht vor allem in der veränderten Umgebung: „Es ist diese Ateliersituation: Alles darf liegen bleiben, es muss nicht nach 45 Minuten wieder aufgeräumt werden“, sagt er. „In der Arbeit drin zu sein, darin zu leben“, das sei der wohl größte Unterschied zur Schule, meint er. Die 14-jährige Freiburger Schülerin Stella von Fournier aus der Malerklasse bestätigt: „Das Schönste ist, dass man sich an diesem Ort, in diesem Schloss nur auf das Malen konzentrieren kann“. Sie komme manchmal noch abends in den Saal, um an ihren Bildern zu arbeiten.

Einen Zugang zu neuen Techniken und Materialien wie Styrodur herzustellen, ist eines der Anliegen. Foto: Franziska Kiedaisch

© kie

Einen Zugang zu neuen Techniken und Materialien wie Styrodur herzustellen, ist eines der Anliegen. Foto: Franziska Kiedaisch

Das sei der Kulturakademie ein besonderes Anliegen, sagt Beckmann: Einen Raum zu schaffen, in dem die Schüler sich eine Woche lang frei von jedweder Ablenkung allein mit der künstlerischen Arbeit beschäftigen können. Ob aus den Teilnehmern tatsächlich eines Tages Künstler werden, stehe jedoch auf einem anderen Blatt, jedoch möchte man Grundlagen des künstlerischen Denkens anlegen.

Hennen bemängelt dabei auch ein verbreitetes Bild von dem, was als Kunst wahrgenommen wird – gerade im Umgang mit Kindern und Jugendlichen: „Man geht oftmals davon aus: Im Kunstunterricht entsteht Kunst, und wer kreativ ist, macht Kunst“, erläutert sie – und vergleicht: „Niemand würde ja aber behaupten, wer Musikunterricht hat, ist Musiker“. Automatisch suggeriere man den Kindern, sie seien „kleine Künstler“, doch: „Damit nimmt man der Arbeit und dem Beruf auch die Wertigkeit“.

Auch werde gerade im schulischen Kontext oftmals ein Augenmerk auf die Malerei gelegt, das Skulpturale komme da teilweise zu kurz, wie auch Jule Hornemann aus Reutlingen bestätigt, die eine Begeisterung für Modedesign hat und diese innerhalb des Workshop ausleben kann. Mit Stecknadeln und Faden sagt sie während der Arbeit an einem Oberteil: „Ich mag es nicht so sehr, dass mein Kunstunterricht in der Schule stark auf das Malen fokussiert ist“.

Konfrontation mit anderen Talenten

Außerdem solle laut Beckmann durch die Workshops gewissen Eitelkeiten bei den Jugendlichen entgegengewirkt werden – denn, wer immer wieder von seinem Umfeld gesagt bekomme, künstlerisch besonders begabt zu sein, der nehme das unweigerlich in sein Selbstbild auf, wie sie zu bedenken gibt. Wilms bestätigt diesen Lerneffekt: Gerade die Konfrontation mit Teilnehmern, die mindestens genauso gut sind wie sie selbst, sei für die begabten Schüler oftmals eine gänzlich neue Erfahrung und für ihn als künstlerischen Leiter „spannend“.

Hennen und Wilms geht es in den Workshops erst einmal darum, die Grundlagen für das künstlerische Arbeiten zu legen: Materialien und Techniken kennenzulernen und die Schüler zu ermutigen, Eigenes zu entdecken. Dabei spiele auch die Wiederholung eine wichtige Rolle: Nur durch das mehrfache Anwenden einer Ausdrucksweise sei feststellbar, ob ein Bild oder ein Objekt ein „einmaliger Glücksgriff war oder die Idee tragbar ist“, sagt Wilms. Die künstlerischen Leiter möchten jedoch nicht eingreifen, wenn die Akademisten arbeiten, sondern Impulse geben und im Prozess assistieren, wie sie beide sagen.

Die erste Woche der Kulturakademie der Stiftung Kinderland Baden-Württemberg steht somit in erster Linie im Zeichen des Neuanfangs: Die Schüler sollen befähigt werden, das bisher Erlernte und damit die Vorstellungen von Ästhetik und Kunst im Allgemeinen in Frage zu stellen.

„Innerhalb der ersten Woche soll Altes abgelegt werden“, sagt Beckmann, die in der Vergangenheit selbst Kunstlehrerin an einem Gymnasium war. Neue Ideen und eine „andere Art zu denken“, wie Hennen es nennt, können die Schüler dann in den kommenden Monaten, bevor der zweite Workshop im Schloss Rotenfels beginnt, selbst weiter vertiefen.


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.