Ein Recht auf Trauer für alle Flüchtlinge

Ex-Bundespräsident Joachim Gauck (Schirmherr) und Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller (Schirmherrin) nehmen an einer Pressekonferenz zum Realisierungswettbewerb für das künftige Exilmuseum Berlin teil. Foto: Wolfgang Kumm/dpa

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Ex-Bundespräsident Joachim Gauck (Schirmherr) und Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller (Schirmherrin) nehmen an einer Pressekonferenz zum Realisierungswettbewerb für das künftige Exilmuseum Berlin teil. Foto: Wolfgang Kumm/dpa

Der 9. November ist als „Schicksalsdatum“ in die deutsche Geschichte eingegangen. Die Ausrufung der ersten Deutschen Republik im Jahr 1918 fällt auf dieses Datum, auch der Berliner Mauerfall 1989, der das Ende der durch den Zweiten Weltkrieg bedingten deutsch-deutschen Teilung markiert. Vor allem wird zu diesem Datum alljährlich in Gedenkzeremonien an die Reichspogromnacht der Nationalsozialisten 1938 erinnert und an die systematische Gewalt gegen Juden in Deutschland, ihre Inhaftierung und Ermordung. Die Ruine des Anhalter Bahnhofs in Berlin, wo viele Flüchtlingsgeschichten begannen und von wo aus viele Juden deportiert wurden, soll in naher Zukunft zum Exilmuseum werden.

Am Ende des Zweiten Weltkriegs waren Abermillionen Menschen auf der Flucht. Im Zuge der Verschiebungen der Grenzen – der Hitler-Stalin-Pakt von 1939 wurde von den Westalliierten, USA, England, Frankreich, was die sowjetischen Anteile Polens betraf, nicht mehr infrage gestellt – wurden der gesamte Osten Polens sowie die Ukraine sowjetisch. Als Kompensation erhielt Polen deutsche Gebiete östlich der Oder: Ostpreußen, Schlesien, Ostbrandenburg, Pommern.

Rund 1,5 Millionen Polen wurden in diese ehemals deutschen Gebiete östlich der Oder-Neiße-Linie vertrieben. Und die Deutschen ihrerseits wurden aus ihren angestammten Gebieten vertrieben. Aus der Tschechoslowakei wurden mehr als drei Millionen Sudetendeutsche vertrieben. Rund 14 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene kamen allein in die spätere Bundesrepublik und in die DDR. Die Bevölkerungsverschiebungen nach dem Zweiten Weltkrieg nennen Historiker die größte Zwangsumsiedlung der Menschheitsgeschichte. Rund 80 Millionen Menschen waren im 20. Jahrhundert in Europa Opfer von Flucht und Vertreibung.

Herta Müller fordert Gedenkort in Berlin

Zuletzt gab es das wieder in Europa in den 1990er Jahren durch den Krieg in Jugoslawien, und dann kamen 2015 Hunderttausende Flüchtlinge aus Syrien nach Deutschland. Die Zahl der Flüchtlinge in Deutschland liegt aktuell bei rund 1,1 Millionen. Tod und Vertreibung bringt der Krieg im Nahen Osten, ein chronischer Konfliktherd, nach wie vor mit sich. Die UNHCR, die Flüchtlingsorganisation der UN, taxiert die aktuelle Anzahl der Flüchtlinge weltweit mit 79,5 Millionen – höher als jemals zuvor. Und all diejenigen, die auf der Flucht überleben, sind in großem Maße traumatisiert.

Vertriebenenschicksale, Unterdrückung, Deportationen und Leben in der Diktatur bestimmen das schriftstellerische Werk der Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller. Weswegen sie auch einen Gedenkort für diese Schicksale, einen Gedenkort in Berlin fordert. Geprägt ist auch die Kindheit der 1953 in der Volksrepublik Rumänien Geborenen von den Verwerfungen des Zweiten Weltkriegs, als die Rumänen auf deutscher Seite gegen die Sowjetunion kämpften, Müllers Großvater war pro Deutschland, den Vater schildert sie als Nationalsozialisten. Die Mutter war nach dem Krieg im sowjetischen Arbeitslager und kehrte danach als gebrochener Mensch nach Hause zurück. Herta Müller selbst ist 1987 vor der Ceausescu-Diktatur aus Rumänien ins deutsche Exil geflohen.

Beim Anhalter Bahnhof in Berlin soll in fünf Jahren auf Initiative von Herta Müller das neue Exilmuseum entstehen, eine Planung und politische Unterstützung gibt es schon. In diesem Zusammenhang wird Herta Müller nicht müde zu betonen: „Die Vertreibung aus Deutschland heraus ins Exil und die Vertreibung nach Deutschland hinein am Ende des Krieges sind ja zwei Facetten, die zusammengehören.“ Auch Exilanten seien Heimatvertriebene. „Das Exilmuseum könnte ein Gedenkort und ein Ort der Forschung sein“, erläuterte Herta Müller bei einer Lesung im Badischen Staatstheater Karlsruhe noch kurz vor dem erneuten Corona-Lockdown.

„Auch ein Museum der Gegenwart“

„Es ist nicht nur ein Museum der Geschichte, es ist auch ein Museum der Gegenwart, weil die Dinge, die in diesem Museum anhand von Biografien gezeigt werden können, heutzutage in der Welt überall und jeden Tag passieren“, sagte sie.

Sie selbst sei aber keine jener Heimatvertriebenen, die nach ’45 im Kollektiv nach Deutschland vertrieben wurden, mit ihnen könne sie sich nicht vergleichen, betonte Herta Müller. „Unsere Gründe zu gehen, waren ganz andere. Meine waren politisch, ich bin aus einer Diktatur gegangen, ich habe dort nicht leben können. Als Ceausescu gestürzt wurde, ab dem Moment war ich nicht mehr im Exil, ich könnte jeden Tag zurückgehen, und es würde mir nichts passieren.“

Viele Menschen, die auch in jüngerer Zeit nach Deutschland geflohen seien, einige kamen bereits aus dem Iran des Schah-Regimes, hätten überhaupt keine Hoffnung, jemals wieder in ihre Heimat zurückkehren zu können. Herta Müller erinnerte an die Kriegsflüchtlinge aus Syrien, aus Afghanistan oder an Menschen, die aus Äthiopien und aus anderen gnadenlosen Diktaturen fliehen. Sie würden aus China kommen und müssten aus Hongkong fliehen. Mit ihnen fühle sie sich solidarisch.

Schon als junges Mädchen auf dem Gymnasium in Rumänien hätten sie die Frage der Schuld der Generation ihrer Eltern und Großeltern, die Lügen und Leugnungen, beschäftigt. Rumänien sei unter dem Diktator Ion Antonescu ein faschistischer Staat an der Seite von Hitler gewesen, was man nie zugegeben habe. In den Schulbüchern und in der offiziellen Geschichtsschreibung gab es nur die Variante, dass Rumänien an der Seite der Alliierten gewesen wäre, also der Sowjets. Das habe natürlich nicht gestimmt. Erst nach und nach habe sie die ganze Dimension der Sache erfasst.

Exilmuseum soll Hintergründe und Zusammenhänge darstellen

Herta Müller wählte nach ihrer Flucht aus Rumänien Berlin als ihre neue Heimat. Die große Geschichte und viele Geschichten am Rande fließen hier zusammen. Diese ganze Gemengelage treibt Herta Müller an, sich mit Vehemenz für das Exilmuseum einzusetzen.

Analog zu dem kürzlich erst vollendeten Projekt „Baden-Baden schreibt ein Buch“, in dem Migranten und Flüchtlinge ihre Geschichten erzählen, folgt das Exilmuseum Herta Müllers einem ähnlichen Impuls und soll eine noch größere Dimension annehmen. Wenn man die Biografien der Exilanten betrachte: Das Panorama des Leids reiche von Suizid auf der Flucht oder von erschossen werden, von Nervenzusammenbrüchen, Psychiatrien bis hin zu armseligen Arbeiten von Leuten, die gut situiert waren, einst hohe Anstellungen in diesem Land hatten. Es gibt natürlich auch die Erfolgreichen: Hollywood ohne die Emigranten wäre nicht vorstellbar. „Wir wissen so wenig darüber“, sagt Herta Müller.

Es sei der Sinn eines neuen Exilmuseums in Berlin, diese Hintergründe und Zusammenhänge darzustellen. Sie alle dürfen ein Recht auf Trauer für sich in Anspruch nehmen. „Die Erziehung zur Anteilnahme ist Humanität, und ohne Humanität gibt es keine Demokratie. Das ist alles, das reicht, und es ist an der Zeit, es zu machen.“


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