Ein Rückblick auf goldige Tage in Tokio

Triberg (mi) – Aline Rotter-Focken gewann zum Abschluss und als Höhepunkt ihrer erfolgreichen Karriere nach dem WM-Titel 2014 im August die olympische Goldmdaille in Tokio.

Zeigt Flagge: Aline Rotter Focken nach ihrem Finalsieg bei den Olympischen Sommerspielen in Tokio. Foto: Aaron Favila/AP

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Zeigt Flagge: Aline Rotter Focken nach ihrem Finalsieg bei den Olympischen Sommerspielen in Tokio. Foto: Aaron Favila/AP

Im Gespräch erzählt Rotter-Focken, die mit ihrem Ehemann Jan in Triberg lebt, von ihrem glücklichsten Moment als Athletin, ihrem ebenso engagierten Kampf gegen jahrelange Vorurteile und ihre Chancen bei der Sportler-Wahl am Sonntag in Baden-Baden.

BT: Frau Rotter-Focken, wenn Sie an Tokio zurückdenken: Was war Ihr erster Gedanke, als der Finalkampf gegen Adeline Gray beendet war?

Aline Rotter-Focken: Da schießt einem alles durch den Kopf. Mein erster Blick ging zu meinem Trainer, und ich dachte: Oh, Gott, wir haben es geschafft. So etwas in der Art war es.

BT: Haben Sie beim Feiern der Goldmedaille richtig die Sau rausgelassen?

Rotter-Focken: Ja, das haben wir im Nachgang auf jeden Fall gemacht. Irgendwann war es dann aber auch genug.

BT: Olympiasiegerin, werdende Mutter, eine neue, interessante Aufgabe als neue Leistungssportreferentin beim Deutschen Ringer-Bund. Ist das schwierige Corona-Jahr 2021 Ihr persönliches Glücksjahr?

Rotter-Focken: Ich habe Gott sei dank bislang noch kein super schwieriges Jahr gehabt. Für mich war es tatsächlich ein wunderschönes, unvergessliches Jahr, weil es mit dem Erfolg auch so einmalig ist. Vor allem ist es besonders, wenn man bedenkt, wie schwierig das Jahr für viele andere Menschen ist und auch endet. Von daher kann man schon sagen, dass es mein Glücksjahr ist.

BT: Neben den größten sportlichen Erfolgen haben Sie auch bittere Niederlagen in Ihrer Karriere erlitten. Waren diese im Rückblick wichtig auf dem langen Weg zur Olympiasiegerin?

Rotter-Focken: Im Nachhinein sagt man das immer. Mit Sicherheit hätte ich auf das eine oder andere Negative auch verzichten können, weil die Niederlagen dazu führen, dass man an sich selbst zweifelt. Aber es ist auch genau das, was einen wachrüttelt und immer wieder hart arbeiten lässt. Bei mir hat sich, glaube ich, immer sehr gut die Waage gehalten zwischen vielen Erfolgen, Medaillen feiern, aber auch oft Rückschläge verkraften zu müssen.

BT: 2016 in Rio waren Sie ein Nervenbündel, sind mit dem Erwartungsdruck nicht klargekommen und früh gescheitert. War der damalige Entschluss, künftig mit einem Mentaltrainer und Psychologen zu arbeiten, der entscheidende Kick für Sie?

Rotter-Focken: Zu dem damaligen Zeitpunkt arbeitete ich schon mit einem Sportpsychologen zusammen. Der Mentaltrainer kam dann eher zufällig 2018 über den gemeinsamen Freund Frank Stäbler hinzu. Das war ein wichtiger Baustein. Mir ist damals richtig bewusst geworden, wie wichtig das wirklich ist, auf solche Hilfe zu setzen. Am Ende war das mit Sicherheit ein entscheidender Faktor für den Tokio-Erfolg. Bei Olympia wollen alle gewinnen und haben hart dafür gearbeitet. Neben dem guten Trainingszustand waren meine Nerven diesmal stabil, bei den anderen nicht immer.

BT: War das in Tokio also die perfekte Symbiose aus optimaler Vorbereitung, innerer Ruhe, unbändigem Willen und großer Vorfreude auf den letzten Wettkampf Ihrer Karriere?

Rotter-Focken: Kürzlich habe ich nochmals meinen Psychologen getroffen und ihm ein kleines Geschenk als Dankeschön mitgebracht. Ich hatte mich die Monate zuvor schon sehr intensiv darauf vorbereitet. Wir haben wirklich akribisch gearbeitet. Das ist die Arbeit hinter den Kulissen, die keiner sieht, wo man jeden Tag Übungen macht, Dinge visualisiert, meditiert. Am Ende war das für mich Routine.

BT: Sie haben viele Fans. Frankreichs Nationaltrainer Thierry Boutin hat Sie als charmanteste und bestaussehende Ringerin bezeichnet, mit der fünfmaligen Weltmeisterin und Finalgegnerin Adeline Gray aus den USA sind Sie befreundet. War es für Sie eine schöne Erfahrung, dass selbst Ihre Gegnerinnen Ihnen das Gold gegönnt haben?

Rotter-Focken: Ja natürlich. Im Spitzensport ist es schon etwas anders als im Breitensport. Jeder weiß, dass wir alle viel leisten und hart arbeiten. Es gibt gar keinen Grund zum Abheben, weil man genau weiß, dass auch die anderen so viel investiert haben, dass sie genauso den Erfolg verdient hätten. Natürlich wollte Adeline gewinnen und hat danach auch einige Tränen vergossen. Für sie war es dann, glaube ich, okay, dass ich diejenige war, die ihr das Gold entrissen hat.

Leider ein Schubladen-Denken

BT: Charmant und Frauen-Ringen: Mussten Sie lange Zeit in Ihrer Karriere gegen Vorurteile ankämpfen?

Rotter-Focken: Ja natürlich, bis zum Schluss. Als Richtung Karriereende die Erfolge kamen, hatten viel mehr Leute mehr Verständnis der Sache gegenüber und begegnen einem anders, doch jeder – und das kann ich auch keinem vorwerfen – hat ein bestimmtes Bild im Kopf. Leute haben mir immer wieder gesagt: Oh wow, du bist Ringerin, du siehst ja gar nicht so aus. Du kannst ja auch noch drei klare Sätze formulieren. Auch wenn es gar nicht böse gemeint ist, weiß man, was dahinter steckt. Da steckt dann leider ein gewisses Schubladen-Denken dahinter. Mir sind allerdings auch dreiste Menschen begegnet, die das bewusst gemacht haben. Die meisten konnte ich vom Gegenteil überzeugen. Ein männlicher Ringer erfährt das überhaupt nicht, nie. Da sind dann sogar die berühmten Ringer-Ohren cool, und er wird abgefeiert, was für Schmerzen er doch aushalten kann.

BT: Ihr guter Freund und Olympia-Bronzemedaillengewinner Frank Stäbler hat nach eigener Aussage sie auch „anfangs belächelt“. Und ihr Ehemann Jan soll früher sogar mal gesagt haben: „Niemals eine Ringerin, das sind so schlimme Frauen.“ Ist es von daher eine persönliche Genugtuung für Sie, die so kritische Männerwelt überzeugt zu haben?

Rotter-Focken: Ja gut, mir geht es weniger um das Persönliche, sondern vor allem um die Sportart. Also, dass vor allem die Mütter die Sorge verlieren, dass wenn die Tochter ringt oder Kampfsport betreibt, automatisch zum Mann wird und sie dann immer Schubladen bedienen müssen. Männer sind normalerweise mit Leistung recht leicht zu überzeugen. Es geht mir um das große Bild der Sportart, das in der Öffentlichkeit gezeichnet wird. Davon kommen wir auch nur schwer weg, da wir leider nicht die Medienpräsenz bekommen, die wir verdienen, das muss ich ehrlich sagen. Ich möchte dafür sorgen, dass sich das Gesamtbild der Sportart ändert. Eine Freundin von mir, auch Ringerin, hat ihre Bachelor-Arbeit darüber geschrieben, ob Kampfsport hilft, Aggressionen in der Schule abzubauen oder sogar schürt. Natürlich gibt es nur eine Antwort darauf: Der Kampfsport baut sie ab. So ein Thema gibt es im Fußball oder Turnen gar nicht. Da sagt keiner etwas. Dieses Klischee-Denken nervt dann.

BT: Erst Judo, dann Ringen, seit drei Olympischen Spielen auch Boxen: Haben Sie im Kampf um sportliche Gleichberechtigung auch deshalb Sympathien für Regina Halmich aus Karlsruhe, die das Frauen-Boxen einst salonfähig machte?

Rotter-Focken: Ja total. Für mich war schon von kleinauf klar, dass ich die gleichen Werte wie jedes andere Mädchen habe, aber eine harte Sportart betreibe. Das find ich auch gut. Ich wollte nicht das 08/15 Mädchen von nebenan sein. Genau das trifft auch auf Regina zu, das fand ich cool. Sie hat auch mit ihrer Intelligenz verkörpert, dass Boxen nicht nur Schlägern ist. Dass Frauen Boxen betreiben und trotzdem Frau bleiben und im Abendkleid gut aussehen können. Was andere infrage gestellt haben, war für mich nie eine Frage. Regina hat das endlich ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt. Deshalb finde ich sie, ganz abgesehen von ihren großartigen Leistungen, super.

Mein Kind soll die Werte des Sports lernen

BT: Kann man davon ausgehen, dass sich Ihr Kind in ferner Zukunft nicht auf die Judo-Matte verirrt, sondern in die großen Fußstapfen der Mutter treten wird?

Rotter-Focken: Wer weiß: Es ist nicht immer einfach, wenn die Eltern ihre Fußstapfen für die Kinder hinterlassen haben. Mein Hauptanliegen ist, dass mein Kind in einen Sportverein gehen wird, dass es die Werte des Sports, also Disziplin, Fairplay, gewinnen, auch verlieren lernt und Freundschaften pflegt. Das ist das Allerwichtigste. Wenn das Kind ringen will, bin ich auch nicht traurig. Ich liebe Ringen, weiß auch, was es vermittelt und denke deshalb, dass es der beste Sport für Kinder ist. Am Ende will ich aber, dass mein Kind einen starken Charakter hat und selbst entscheidet.

BT: Wenn Sie Türkin wären, hätten Sie von der Staatsführung ein Haus geschenket bekommen, als Russin zumindest eine schöne Datscha und viele Orden. In Deutschland erhalten Sie in Ihrer Randsportart ein paar Tausend Euro Prämie und warme Worte. Ist das gerecht und möglicherweise ein Grund dafür, warum Deutschland im olympischen Sport immer weiter zurückfällt?

Rotter-Focken: Man könnte mir zehn Millionen Euro bieten, und ich würde die Goldmedaille nie hergeben, weil ich niemals früher deshalb mit Ringen angefangen habe. Wenn ich aber keine ringersportbegeisterte Familie gehabt hätte, die das mit vollem Herzen auch finanziell unterstützt hat, dann wäre ich auch nie zum Olympia-Sieg gekommen. Es ist einfach so: Man legt erst mal 20 Jahre drauf. Und da sehe ich das Problem in Deutschland. Es muss nicht sein, dass man als Olympiasieger reich wird, weil ich denke, dass man dann die Hauptwerte des Sports aus den Augen verliert. Aber es muss zumindest gewährleistet sein, dass man für das Leben danach gewappnet ist, und man nicht zuvor 20 Mal am Scheideweg gestanden und sich gefragt hat, ob man den Sport überhaupt mit der Ausbildung vereinbaren kann. Es muss auch Unterstützung geben für Trainingspartner oder für diejenigen, für die es mal nicht so gut läuft und verletzt sind. Dass sie dann nicht bangen müssen: Oh, verdammt, hoffentlich fliege ich jetzt nicht aus meinem Kaderstatus raus. Dann ist das Geld nämlich sofort weg.

BT: Zum perfekten Jahresabschluss könnten Sie noch die Auszeichnung „Sportlerin des Jahres“ erhalten. Was glauben Sie: Werden Sie die Sport-Queen?

Rotter-Focken: Das glaube ich nicht, da bin ich sehr realistisch. Meine Geschichte hat viele Menschen berührt, doch für mich ist ganz klar, dass Malaika Mihambo das wieder gewinnen wird, schon allein wegen ihrer Popularität. Es ist eine super tolle Veranstaltung in Baden-Baden, und eine Top-Drei-Platzierung wäre für mich überragend. Das hat es bei den Ringern noch nie gegeben. Es ist eben auch keine Fachjury, die wählt. Wie will man da auch unterscheiden zwischen dem einen und dem anderen Olympiasieger? Da hat jeder eine tolle Leistung gezeigt.

BT: Im Herbst wählten 4.000 von der Sporthilfe geförderte Athleten Sie als „Die Beste 2021“. Sie landeten vor Mihambo und Tennis-Star Alexander Zverev. Ist das nicht ein gutes Omen?

Rotter-Focken: Das hat mich auch extrem überrascht, das war aber etwas anderes. Das waren die Athleten, da hat eine Fachjury gewählt. Die haben Malaikas und Alexanders Leistungen nicht schlechter bewertet als meine, aber meinen Weg in einer Randsportart wahrscheinlich doch genauer verfolgt und empfanden das als außergewöhnlich wegen der historischen Dimension als erste deutsche Ringer-Olympiasiegerin. Ehrlich gesagt: Wenn ich wählen müsste, war das die tollste und wichtigste Auszeichnung für mich.

Ihr Autor

Von BT-Redakteur Michael Ihringer

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Erstellt:
16. Dezember 2021, 19:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 6min 29sec

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