Ein Sommer an der wilden Murg

Forbach (BT) – Von Heidelbeerpfannkuchen und nächtlicher Sturzflut: BT-Kolumnist Jörg Kräuter erinnert sich an einen Urlaub seiner Kindheit in Forbach.

Die wild-romantische Heppenau in Forbach. Foto: Raimund Götz

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Die wild-romantische Heppenau in Forbach. Foto: Raimund Götz

Ein heißer Augusttag und ein Himmel, der an Blau nichts zu wünschen übrig lässt. Traudl neben mir auf einem dieser von allen Wassern der Jahrtausende geschliffenen Findlinge, die wie von Riesen hingeworfen im Bett der Murg liegen.

Das stete Rauschen wirbelt durch unsere Gehörgänge, im Auge der unaufhaltsame Schub des moorbraunen Wassers. Wie zum Trocknen ausgelegte Wäschestücke liegen wir auf dem warmen Fels, die Gedanken treiben wie Papierschiffchen talwärts. Bis hin zum August 1963, als ich mit meinen Eltern und meinem Bruder zwei Ferien-Wochen an der Murg verbrachte. Ein Sommer, der wie gemacht war für diese kleine Reise von Gernsbach hinauf ins wilde Murgtal. Trocken und heiß, ein August mit klagenden Rufen nach Schatten. Und die Antwort war von den Kaltwasserwinden der Murg zu hören, aus dem kühlen Talgrund zwischen Forbach und Raumünzach. Ein Ort, an dem die Natur all ihre ursprüngliche Schönheit, Wildheit und Fantasie zeigt.

Die eiserne Brücke beim Holdereck

Für uns Kinder eine Sommerwelt, die so fern des Alltags lag, dass keiner auch nur einen Gedanken an Schule oder Alltag verlor. Unser Elternhaus war für zwei Wochen das Elternzelt. Und mit diesem verknüpfe ich auch meine erste Erinnerung an diesen Sommer. Nun dürfen Sie sich diese kleine Urlaubsreise nicht so vorstellen, wie man heute zu einem Ferienziel reist. Vier Menschen mit vier Koffern auf dem Weg zu irgendeinem Flughafen, um vollautomatisch in irgendein Feriendomizil verfrachtet zu werden. Für uns hieß es, mit großem Sack und Pack, obenauf den Schlafsack, eine Tasche zu Händen, per pedes vom Elternhaus in Gernsbach die zwei Kilometer zum Bahnhof zu marschieren.

Vater hatte schon am frühen Morgen per Fahrrad den Seesack mit dem Zelt zum Bahnhof gebracht. Gingen wir hinter Mutter her, so war das Scheppern der Blechtöpfe, Tassen und Teller zu hören, die auf den Rucksack gebunden waren, als sei sie eine fahrende Haushaltswarenvertreterin. Welch‘ eine Aufregung, immer die Abfahrtszeit vor Augen, mein Bruder und ich trödelten, der Vater angespannt, zuweilen Kasernenhofrufe: „Los jetzt, ihr Schlofer!“

Wie immer bei solchen aufregenden Reisen waren wir letztendlich dann doch wieder eine viertel Stunde zu früh auf dem Bahnsteig. Entspannung erst als wir im Zug saßen und das Gepäck verstaut war für die halbstündige Fahrt bis zur Bahnstation Raumünzach.

Doch zuvor sollte ich etwas völlig Unerwartetes erleben, das mir bis heute im Gedächtnis hängen blieb. Etwas, das wir alle unserem Vater niemals zugetraut hätten, war er doch ein Vorbild an Ordnungsliebe und Gesetzestreue. Dass er die Grenzen des Erlaubten je würde überschreiten – undenkbar. Verboten hieß verboten!

Nun waren wir in Forbach eingefahren, Fahrgäste stiegen zu, andere aus, da ging es nach dem scharfen Pfiff des Schaffners, der zur Weiterfahrt drängte, schon über die eiserne Brücke beim Holdereck. Vater stand am Fenster und schien angespannt. Den großen Seesack mit dem Zelt zwischen den Beinen, mit beiden Händen die Fenstergriffe umklammert. Dann wurde es dunkel und nach dem Passieren des Haulerberg-Tunnels stand da nicht mehr unser Vater, sondern jemand, der im Begriff war, im nächsten Moment etwas Ungesetzliches anzustellen. Kurz dachte ich, er will durch eine Notbremsung den Zug zum Stehen bringen, doch dazu war die Notbremse zu weit vorne im Abteil.

Der Rucksack nimmt eine Abkürzung

Noch wussten wir nicht, was kommen sollte. Doch als das schleifende Quietschen der Bremsen zu hören war, welches die Einfahrt in Raumünzach Sekunden später ankündigte, da offenbarte sich, was Vater im Schild führte. Ein schneller Blick nach vorne ins Abteil, nach hinten, dann schob er mit festem Zug das Fenster nach unten, griff sich den Zeltsack, hob ihn an und warf ihn mit all seiner Kraft in weitem Bogen aus dem fahrenden Zug. Sodann schob er das Fenster wieder hoch und setzte sich, als sei nichts geschehen. Mein Bruder und ich schauten uns an, dann gingen die Blicke zu Vater und Mutter. Doch bevor wir etwas sagen konnten, stand der Zug an der Bahnstation Raumünzach. Dann ging’s ganz militärisch schnell, der Vater das Kommando und wir die schweren Säcke.

In entgegengesetzter Richtung unserer Bahnfahrt marschierten wir vom Bahnsteig der Fahrstraße entlang, bis an jene Stelle, an der unser wagemutiger Vater unser Zelt aus dem fahrenden Zug geworfen hatte.

Unvorstellbar, in dieser Wildnis es wieder zu finden. Keiner wusste, ob es in irgendeiner Brombeerhecke hängen geblieben war, in einer Astgabel oder unauffindbar im Dickicht des Farns. Vater ging zuversichtlich voran, steil den Zickzack-Pfad hinunter, wo wir schließlich ganz unbeschadet, zwischen bemoosten Steinen, das fliegende Zelt entdeckten. Vater kommentierte: „Unser Zelt hat e kleine Abkürzung g’nomme!“

Die Insel, von zwei Murgarmen umschlungen, war trockenen Fußes zu erreichen, sofern man das Springen von Stein zu Stein beherrschte, was mit Rucksack akrobatisches Geschick verlangte. Doch wie man weiß, sind Kinder von Geburt Artisten. Das Küchengeschirr auf Mutters Rucksack schepperte wie eine Schießbude am Sonntagnachmittag auf dem Jahrmarkt.

Unter dickstämmigen Fichten, zwischen Farn-Nestern und dahingeworfenen Steinbäuchen, auf erdigem Nadelfilz schlugen wir das Zeltlager auf. Unsere lauschige Pension für zwei Sommerwochen. Vater war Zeltmeister, wir die Gesellen. Mutter geschirrte bescheiden mit dem Küchen-Blech. Vater experimentierte mit dem Spirituskocher. Wir Buben waren alsbald vom Erdboden verschluckt. Hinter Steinen, im Gebüsch und unter Wasser. Nur der Hunger trieb uns vors Zelt, wo auf ganz eigne und spartanisch schlichte Weise Hochgastronomie gefeiert wurde. Heidelbeerpfannkuchen, Pfifferling-Omelette und Tomatensuppe aus der Tüte. Dazu und ohne Unterlass das immer stete, unablässige Gurgeln der nimmermüden Murg. Das Rauschen der Kaskaden, das Fallen der Wasser, die sich in Wannen, Tümpeln und Gumpen sammelten. Ein Wasserklang aus Plätschern, Gluckern und Murmeln. Tag- und Nachtmusik in unseren Ohren. Endlose, Takt an Takt gereihte Wassermusik, die Partitur eines Tonstücks ohne Schlusszeichen. Wer etwas zu sagen hatte; musste schreien.

Kroch ich am Morgen unterm Schlafsack hervor, war mein erster Blick hinunter zum Wasser. Dort saß Vater beim Rasieren. Da ist bis heute die Erinnerung an sein Etui aus Leder, die Runen-Aufschrift „Störtebekker“, darin Rasierhobel und Spiegel. Und auf dem Wasser tanzte Schaum.

Heppenau-Förster bringt Hoffnung

Die Wochentage purzelten durcheinander. Mal kam nach dem Montag der Freitag. Eben noch war Sonntag, dann folgte Samstag. Kein Tag war mehr dort, wo er hingehörte. Die Uhrzeit wurde wie bei Robinson nach dem Sonnenstand geschätzt. Und wenn die Steine nicht mehr wärmten, war Abend. Wir hatten nichts zu tun und waren doch von früh bis spät beschäftigt, denn Wald- und Fels- und Wasserwelt haben das Eine gemein: Sie wollen entdeckt und erforscht werden.

Als dann die abenteuerliche Zeit sich dem Ende zuneigte, da kroch Wehmut in uns hoch. Was konnte jetzt noch kommen? Konnte da überhaupt noch etwas kommen? Gewöhnlich kommt am Ende ein Finale. Und dieses kam dann auch mit großer Wucht. Ein Tusch war’s nicht, es war der Donner. Das große Finale kam von oben. Aus dicken Wasserbäuchen, die träge über’m Schwarzwald hingen. Stunde um Stunde füllten Rinnsale die Bäche, die Bäche den Fluss und dieser sog alles durstig auf. Das Rauschen wurde zum Brüllen und wir verstummten. Dann grollten Donner, schlugen Blitze ein, erst fern, dann immer näher. Wir fingen an zu zählen – und nach unseren Berechnungen musste es im nächsten Moment auf unserer Insel einschlagen. Zumindest über uns oder neben uns. Vater rechnete anders. Nach ihm war erst mal Bermersbach dran.

Vier Trainingsanzüge voller Angst

Vier Trainingsanzüge voller Angst und Sorge, denn unaufhörlich fiel der Regen. Das träge Fließen der Murg wurde zur Flut und überspülte Stein um Stein. Und kam uns näher. Mutter rettete schon mal das Blechgeschirr. Vater sein Rasier-Etui. Da war nun eine Insel zum allerschlechtesten Urlaubsort geworden. Und mit dem steten Ansteigen der Wasser stieg auch unsere Furcht, bis Vater heftig fluchte und Mutter leise weinte. Schon hatten wir daran gedacht, das ganze Lager der reißenden Flut zu überlassen und auf die umstehenden Bäume zu klettern.

Doch dann war da ein Licht, das Vater zufällig entdeckte, als er die Festigkeit der Heringe prüfte. Es leuchtete von drüben, vom Sträßchen der Murgschifferschaft. Da stand der Förster von der Heppenau. Auf seinem Fahrrad kam er herauf, als er das Ansteigen der Murg bemerkte.

Im Wissen, dass die Kräuters auf der Insel sind und diese überspült werden könnte. Nun konnten wir uns nicht an seinem Lichtstrahl ans „Festland“ hinüberhangeln, doch war’s ein kleiner Schimmer Hoffnung. Des Försters Licht war mehr als nur ein Hoffnungsschimmer, das war zur rechten Zeit ein großes Glück. Die Rettung kam jedoch von ganz anderen Mächten. Vermutlich ein Einsehen des Himmels, warum auch immer. Die Wolken waren leer geregnet, die wilde Murg etwas gezähmt, zumindest stieg das Wasser nicht weiter an. Die letzten Tropfen aufs Zeltdach waren Schlafmusik und mit dem letzten Tropf hatte dieses furiose Finale doch noch ein gutes Ende. Wir wachten auf, weil Mutter schepperte und Heidelbeerpfannkuchen in der Pfanne hatte. Und Vater saß bei der Rasur mit weißem Bart am Fluss.


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