Ein Stück Schwarzwälder Sinnlichkeit

Baden-Baden – Um 14.11 Uhr hieß es „Wasser marsch“, eine Minute später schoss der erste Schwall durch den Holzkähner. Und nur eine weitere Zeigerumdrehung später starteten die 37 prall gefüllten Schaufeln des neuen Geroldsauer Mühlrades erstmals ihr fröhliches Brummsumm und verzeichneten somit, vom munteren Gebimmel des Hausglöckchens begleitet, die ersten „Energiegewinne“. Eine durchaus neue Zeitrechnung im Grobbachtal.

Rastlos und doch beruhigend: Pfarrer Michael Teipel (links) und Kenneth Fleming weihen das neue Mühlrad ein. Im Hintergrund Martin Weingärtner. Foto: Vollmer

© fvo

Rastlos und doch beruhigend: Pfarrer Michael Teipel (links) und Kenneth Fleming weihen das neue Mühlrad ein. Im Hintergrund Martin Weingärtner. Foto: Vollmer

„Das ist Wasserkraft zum Anfassen“, strahlte Martin Weingärtner und sein Enthusiasmus sprudelte am Freitag mit dem plätschernden Wasser förmlich um die Wette. Was ihn besonders erfreut: Dass die mutmaßlich neue Familienattraktion nicht nur viel Schwarzwälder Sinnlichkeit ausstrahlt, sondern auch jenen ökologischen Fußabdruck hinterlässt, der dem eigenen Anspruch an Nachhaltigkeit und Regionalität genügt.

Immerhin sorgt ein ausgeklügeltes System mit der Photovoltaikanlage auf dem Mühlendach (30 kw Peak) Tag und Nacht für einen Energiemix, der „bundesweit einzigartig“ sein dürfte. Die Wasserenergie selbst wird über Synchrongenerator beziehungsweise Luftwärmepumpe direkt in die Mühle eingespeist. Was dem Haus komplett die Heizkosten erspart. „Das macht uns schon sehr stolz“, so Weingärtner.

Ansatz zwischen Tradition und Brauchtum

Vor coronabedingt kleiner Runde strich er noch mal den Ansatz zwischen Tradition und Brauchtum heraus, wobei nichts dem Zufall überlassen ist und sei es nur, dass der auf Ost-West ausgerichtete Giebel der Mühle genau auf einer Achse mit dem Mühlrad liegt und so quasi „den Herzschlag der Mühle“ aufnehme. Die Idee selbst („Zu einer Mühle gehört nun mal ein Mühlrad“) hatte Weingärtner schon bei der Mühlengründung vor über vier Jahren im Kopf, eingedenk der Historie, die immerhin bis auf das Jahr 1859 zurückreicht.

Imposant sind allein schon die technischen Daten. Ob die Schluckmenge von 300 Litern pro Sekunde, die 4,2 Meter Durchmesser, die Wellenleistung von 11 Kilowatt oder die beeindruckende Schaufelbreite (1,40 Meter). All dies macht deutlich, dass es sich um kein touristisches Nostalgiespielzeug handelt, sondern um authentisches Handwerk mit hohem Nutzen. Wenngleich Holzschindeln und Holzdachrinnen und eine auf Altholz getrimmte Optik viel Herzblut verraten. Wie bei seinem nahegelegenen Betrieb ist auch hiermit reichlich Energieüberschuss zu rechnen, der an die Stadtwerke abfallen könnte. Die Verhandlungen laufen.

Kirchlicher Segen darf nicht fehlen

Gemäß guter alter Tradition durfte auch der kirchliche Segen nicht fehlen. Während Michael Teipel von der katholischen Seelsorgeeinheit Baden-Baden die „besondere Rolle der Mühle im Grobbachtal“ herauskehrte und feinsinnige Parallelen zu Psalm 23 – vom gedeckten Tisch über den reichlich gefüllten Becher bis zum Ruheplatz am Wasser – fand, sprach Kenneth Fleming (Luthergemeinde) von einem „Zeichen der Hoffnung“ für die nächste Generation – verbunden mit dem Wunsch, dass die Quelle nie versiegen möge. Alles in allem eine erfrischende Vision, die hier sichtbar werde.

Die Vision bedeutete allerdings acht Monate harte Arbeit, und so galt Weingärtners Dank an alle Beteiligten nicht zuletzt seinem Bruder Roland plus Team, der das schmucke Häuschen aus Lärchenholz fachmännisch zusammengezimmert hat. Das dreieinhalb Tonnen schwere Rad wurde bei einem Spezialisten in Bayern hergestellt. Das Zufuhrwasser selbst wird rund 350 Meter oberhalb des Standorts durch eine Wehranlage vom Grobbach abgezwackt und verläuft über einen eineinhalb Meter breiten, mit historischen Steinen angelegten Kanal, bevor das strömende Nass via Einlaufbauwerk und unterirdische Rohrleitung (50 Meter) im Steigeschaft landet und letztlich über den elf Meter langen Holzkähner buchstäblich „Wasser auf die Mühle“ bringt.

Das Gefälle im Oberlauf wird übrigens mit einem Fischpass (neun Becken auf 20 Meter Länge) ausgeglichen. Über diesen wird sichergestellt, dass genügend Restwasser im Mutterbachtbett verbleibt – was Sinn macht, wer die Launen des Grobbaches kennt. Parallel zum Mühlrad wurde auch die neue 22 Meter lange Fußgängerbrücke eingeweiht. Sie verbindet die Mühle – die am ersten Maiwochenende mit Kulinarik zum Abholen (darunter Schwarzwälder Ochs am Spieß) wieder gastronomische Akzente setzt – mit der Bushaltestelle und dem Parkplatz verbindet. Auch hier ist statt etwaiger Betonträger Holz des tragende Element.

Zum Artikel

Erstellt:
27. April 2020, 15:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 48sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Orte


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.