Ein Stück näher Richtung Europacup

Freiburg(mi) – Fußball-Bundesligist SC Freiburg bleibt in der Erfolgsspur und kann sich nach dem 2:1 gegen Hertha BSC zwei Spieltage vor Saisonschluss sogar Chancen auf die Teilnahme an der Europa League ausrechnen.

Schuss ins Glück: Freiburgs Freistoßspezialist Vincenzo Grifo (rechts).Foto: Prang/GES

© GES/Helge Prang

Schuss ins Glück: Freiburgs Freistoßspezialist Vincenzo Grifo (rechts).Foto: Prang/GES

Vincenzo Grifo strahlte, wie ein Italiener nun mal strahlt, wenn er glücklich ist. Er sprudelte nur so vor Glücks-Hormonen. „Ich habe das Tor meiner Familie versprochen und grüße meine Freunde in Pforzheim. Ich hatte es im Gefühl: Ich mache es.“ Und wenn ein Italiener ein Tor schießt, dann zumeist künstlerisch hochwertig. Grifos Freistoß aus rund 25 Metern kam mit so viel Effet um die Mauer geflogen, dass Hertha--Torwart Rune Jarstein den Ball nur noch mit den Fingerspitzen an den Innenpfosten lenken konnte. Das klassische Freiburger Führungstor per Standard (62.) bildete die Grundlage für den 2:1-Heimsieg gegen die Berliner. Nach dem erfolgreichen Abstiegskampf geht es für die Südbadener plötzlich um die Europa-League-Teilnahme. Oder soll man besser sagen: Der SC läuft Gefahr, wieder in die Qualifikations-Mühle zu geraten?

SC-Trainer Christian Streich ist wie alle im Schwarzwald zwiegespalten. Einerseits will er „alles“. Der von der renommierten New York Times als „soziales Gewissen des deutschen Fußballs“ gewürdigte Erfolgstrainer liebt es zu reisen. Insgeheim träumt er, mal im malerischen Schottland an der Seitenlinie stehen zu dürfen, speziell im lauten Glasgower Celtic-Park. Oder auch gerne einige Volten leiser in Litauen. Andererseits: Als Warner vom Dienst weiß er nur zu gut, wie Freiburgs internationales Abenteuer 2015 endete: Mit dem bitteren letzten Bundesliga-Abstieg. „Wir wissen, was das für die kommende Saison bedeutet. Dann geht es darum, wie wir das bewältigen sollen.“

Noch zwei Spieltage

Nils Petersen, der schon ein Olympia-Finale in Rio de Janeiro 2016 bestritt, denkt zumindest leise an Ferntrips, denn vor seinem Siegtor (71.), dem mittlerweile 25. als Super-Joker, „schielte ich schon auf das Wolfsburger Ergebnis“. Es ist weniger der Heim-Saisonabschluss in neun Tagen gegen Schalke, der das Fernweh vielleicht doch zur Illusion werden lässt, als die anstehende letzte Dienstreise zu den ewig feiernden Bayern. Petersen hat zumindest die Hoffnung, dass die Münchner jetzt „ausgiebig ihre Meisterschaft feiern. Wenn die Bayern schöne Party-Tage hinter sich haben, haben wir vielleicht eine Chance“. Er empfahl, „einige Kisten Wein“ an die Säbener Straße zu schicken.

Freiburg und Berlin: Nicht nur geografisch liegt man weit auseinander. Der Sport-Club hat in den vergangenen 30 Jahren so viele Trainer gehabt, wie Hertha in der aktuellen Saison verschlissen hat. Konkret vier an der Zahl. Beim SC haben sie in den vergangenen fünf Jahren weniger für Neuzugänge ausgegeben als die Hauptstädter allein in der Winterpause. Doch sportlich machen die vergleichsweise armen Schlucker aus dem Breisgau den höchst ambitionierten Berlinern vor, wie es geht. Bruno Labbadia räumt gerade die Scherben auf, die Jürgen Klinsmann hinterlassen hat.

76 Tage lang sorgte der Effekthascher für Chaos. Dauer-Grinsi-„Klinsi“ stellte die Team-Hierarchie auf den Kopf, setzte auf drögen Defensivfußball und machte sich im Februar von heute auf morgen vom Acker. Der Bäckersohn wollte alles vom Kuchen haben, den ihm sein reicher Freund Lars Windhorst backte – und bitte viel Sahne oben drauf. Da Windhorst aber der Europacup und nicht der Abstiegskampf vorschwebte, entschwand Kosmopolit Klinsmann schnell wieder ins sonnige Kalifornien.

Jetzt steht der seriöse Bruno Labbadia vor der großen Herausforderung, aus der abgetakelten alten Dame eine betörende Edeldirne zu formen. Windhorst schafft wie ein Windhund stets neue Kohle an. So wird seine bisherige Alimente von 224 Millionen Euro in Bälde nochmals um 50 Millionen aufgestockt. Labbadia soll die Big-City-Klub-Fantasien befriedigen. Windhorst denkt in Kategorien von Chelsea in London oder St. Germain in Paris. Doch bislang ziehen selbst die hippen „Eisernen“ von Union mehr Aufmerksamkeit auf sich als Hertha. In der Freiburger Kleinkunstbühne denkt man in viel bescheideneren Dimensionen – und ist erfolgreicher.

Zum Artikel

Erstellt:
17. Juni 2020, 19:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 53sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.