„Ein Versuch, wieder einzusteigen ins normale Leben“

Von BT-Redakteurin Franziska Kiedaisch

Baden-Baden (kie) – Der Liedermacher und Universalkünstler Rainald Grebe geht trotz schwerer Krankheit erneut auf Tournee und kommt auch nach Karlsruhe ins Tollhaus.

„Ein Versuch, wieder einzusteigen ins normale Leben“

„Es geht noch, aber es ist schwer“: Grebe (Zweiter von rechts) tourt bereits zum zweiten Mal mit der Indie-Pop-Band Fortuna Ehrenfeld (von rechts: Martin Bechler, Jenny Thiele und Jannis Knüpfer) durch die Republik und präsentiert das Album Popmusik. Foto: Jana Kay

Mit dem Lied „Brandenburg“ erlangte Rainald Grebe Bekanntheit. Heute gilt der 51-jährige Kabarettist, Schauspieler, Musiker und Autor als einer der humorvollsten Liedermacher Deutschlands, als kreativer Tausendsassa und geistreicher Spaßvogel. Doch Grebe hat auch eine andere Seite, schlägt gerne nachdenkliche Töne an – und das nicht erst, nachdem er mehrere Schlaganfälle erlitten hat und im vergangenen Jahr seine Erkrankung an Vaskulitis bekannt wurde – einer Autoimmunkrankheit, bei der sich die Wände von Blutgefäßen entzünden. Mit BT-Redakteurin Franziska Kiedaisch sprach Grebe über die Rückkehr auf die Bühne nach langer Pause, über sein aktuelles Album und seine Pläne für die Zukunft – und natürlich über Brandenburg.

BT: Herr Grebe, wer Sie bereits live erleben konnte, weiß: Sie sind eine echte Rampensau. Die Bühne ist Ihre Welt, Sie gehören da einfach hin. Nun war wegen der Corona-Pandemie ja aber wenig möglich. Wie sind Sie mit dieser Situation umgegangen?Rainald Grebe: Ich habe mich zurückgezogen und habe Bücher geschrieben – also etwas ganz anderes gemacht.

BT: Und wie fühlt sich jetzt die Rückkehr vom Schreibtisch auf die Bühne an?Grebe: Stotterig. Ich bin ein bisschen krank geworden und ich schaue zu, dass ich noch spielen kann. Es geht noch. Aber es ist schwer, weil vieles davon Nachholkonzerte sind, die verschoben wurden. Und da spielt man dann so von Null auf Irgendwas. Man muss das wieder hochholen nach langer Pause. Und das ist nicht ganz einfach. Ich glaube, die Leute verstehen das auch gar nicht, dass so ein Auftritt ja auch Übung braucht und man eingespielt sein muss.

BT: Sie haben Ihre Erkrankung gerade angesprochen. Vermutlich erfordert auch sie viel Raum bei der Planung der nun anstehenden Tournee.Grebe: Das ist gerade ein Versuch, wieder einzusteigen ins normale Leben, jeden Tag wo anders zu sein. Und ich hoffe, dass es gut geht.

BT: Am Mittwoch kommen Sie ins Tollhaus nach Karlsruhe. Das ist bereits die zweite Tour-Runde zu Ihrem jüngsten Album: Mit der Band Fortuna Ehrenfeld spielen Sie „Popmusik“. Auf dem Album ist untypischerweise viel Elektro-Sound von Ihnen zu hören. Warum?Grebe: Ich war, glaube ich, müde an mir selbst. Ich wollte nicht einfach nur Klavier spielen und rumdödeln wie sonst, sondern mal andere Klänge haben. Ich habe nämlich bemerkt: Die Texte, die gehen damit, das funktioniert. Und mit Martin Bechler von der Gruppe Fortuna Ehrenfeld war der Richtige da. Wir hatten ja schon mal zusammengearbeitet und das sind gute Sounds geworden. Außerdem versteht er auch, was ich mache. Und tatsächlich hat das gut harmoniert.

BT: Thematisch arbeiten Sie sich in Ihrem neuen Album sowohl an Querdenkern als auch an hirnlosen Klicks ab, aber auch der Tod bekommt ein eigenes Lied. Hören wir da vielleicht gar so etwas wie ein musikalisches Vermächtnis?Grebe: Nein. Das noch nicht. Das ist einfach eine Gemüsekiste – eigentlich wie immer. Da sind verschiedene Sachen in der Auslage und jedes Ding ist eine Welt für sich. Und mehr ist das nicht, es ist kein Konzeptalbum. Das klingt vielleicht so, aber inhaltlich ist es kein Konzeptalbum. Es ist nur der Klang, der da den Anschein macht. Ein Gemüsegarten ist das.

BT: Der Gemüsegarten ist ein gutes Stichwort. Sie sind ja auch in Ihren Arbeiten sehr breit aufgestellt, man kann Sie als Universalkünstler bezeichnen: Sie haben Puppenspiel studiert, als Dramaturg, Schauspieler und Regisseur gearbeitet, Bücher geschrieben und machen natürlich Musik. Bekannt sind Sie aber nach wie vor einem breiten Publikum durch ihr Lied „Brandenburg“. Nervt das nicht?Grebe: Nein, eigentlich nicht. Das ist auch ein Türöffner für anderes: Beispielsweise habe ich jetzt ein Hörspiel geschrieben während der Corona-Zeit. Als ich beim Sender angerufen habe, kennen die mich natürlich gleich – das war so ein Türöffner. Das Lied „Brandenburg“ hilft mir also auch bei anderen Dingen weiter. Dass die Leute das immer hören wollen, da kann ich mit umgehen.

BT: Nicht nur durch das Lied sind Sie eng mit Ostdeutschland verbunden, Sie haben am Theaterhaus in Jena gearbeitet, hatten eigene Revuen im Centraltheater Leipzig und haben in der Uckermark einen Zweitwohnsitz. Was verbindet Sie mit Ostdeutschland?Grebe: Ich lebe da. Ich bin vor 30 Jahren hier reingefallen und hab das nie verlassen. Das hat sich so automatisch ergeben. Heute fremdle ich eher mit dem Westen.

BT: Sie haben ja nicht nur Brandenburg besungen, sondern auch andere Bundesländer wie Sachsen oder Thüringen. Gab es dazu nicht auch böse Stimmen aus den Bundesländern?Grebe: Ja. Am Anfang, als man mich noch nicht kannte, waren die Reaktionen eher negativ. Oder ich wurde eben nicht eingeladen bei irgendwelchen Fernsehgalas. Das passte da nicht rein. Mit zunehmender Bekanntheit und dem Erfolg hat sich das dann gegeben. Das war ganz interessant. Das Lied wurde dann vereinnahmt und hatte dann fast schon etwas Offizielles. Beispielsweise war ich mal auf einer Tourismusmesse in Leipzig und da hat mir am Brandenburg-Stand der Leiter freudig die Hand gereicht – das war sozusagen der Moment der Verbrüderung.

BT: Nach dem Blick in die Vergangenheit geht es zurück in die Zukunft: Haben Sie schon Pläne für die Zeit nach der Popmusik-Tour?Grebe: Bei meiner Band, die mich eigentlich begleitet – die Kapelle der Versöhnung –, ist ja im letzten Jahr der Trommler gestorben. Jetzt wollen wir aber einen Neuanfang in diesem Jahr versuchen.

BT: Nun stehen aber erst die Konzerte mit Fortuna Ehrenfeld auf dem Programm. Haben Sie konkrete Erwartungen an das Karlsruher Publikum?Grebe: Ich kenne Karlsruhe nicht, nur vom Spielen her. Ich habe aber das Publikum in guter Erinnerung, ein großstädtisches Publikum, möchte ich fast meinen. Das waren immer schöne Abende. Das war fluffig.

Rainald Grebe und Fortuna Ehrenfeld spielen am Mittwoch, 18. Mai, ab 20 Uhr im Karlsruher Tollhaus „Popmusik“.