Ein Wegkreuz für mindestens fünf Opfer

Baden-Baden (sga) – Ist jeder Biker ein Poser? Im Gespräch mit BT-Redakteurin Sarah Gallenberger beantwortet Peter Westermann als Leiter der Verkehrspolizei Fragen über tödliche Motorradunfälle.

•Unterscheidet ganz klar zwischen Biker und Poser: Peter Westermann. Foto: Sarah Gallenberger

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•Unterscheidet ganz klar zwischen Biker und Poser: Peter Westermann. Foto: Sarah Gallenberger

Immer wieder verunglücken Motorradfahrer auf der Schwarzwaldhochstraße, manche von ihnen tödlich. Peter Westermann, Leiter der Verkehrspolizei Baden-Baden, musste in seiner langjährigen Berufszeit nicht nur einmal die Todesnachricht überbringen. Im Gespräch mit BT-Redakteurin Sarah Gallenberger erzählt er, wie sich das anfühlt, was die Polizei gegen derartige Unfälle unternimmt – und wieso Motorradfahrer nicht gleich Poser ist.

BT: Herr Westermann, fahren Sie Motorrad?
Peter Westermann: Nein. Ich habe einen Roller und bin viel mit dem Fahrrad unterwegs.

BT: Als Leiter der Verkehrspolizei müsste Ihnen beim Stichwort B500 dennoch einiges einfallen.
Westermann: Mit diesem Thema haben wir immer zu tun. Das ist eine herrliche Ausflugsstrecke. Eine Region, die für Motorradfahrer interessant ist – da kommen auch viele aus dem Ausland. Ich kann mich an einen schweren Unfall erinnern, das war eine Truppe aus England, einer ist gestürzt. Gruppenfahrten sind mit besonderer Gefahr versehen: Sie fahren zu dicht auf, sind eng beieinander, haben eine unterschiedliche Leistungsfähigkeit oder man überschätzt sich. Den Engländer habe ich dann gefragt, ob er weiß, dass sie auf einer der riskantesten Strecken für Biker unterwegs sind? Seine Antwort: Das ist der Grund, wieso wir hier sind.

„Da unterscheide ich ganz klar“

BT: Und das ist auch oft der Grund, weshalb viele Menschen von Posern sprechen.
Westermann: Da unterscheide ich aber ganz klar zwischen der großen Masse der normalen Motorradfahrer und der ganz kleinen Menge der Poser, die am Helbingfelsen die Kurve fahren – mit möglichst großer Schräglage. Manche haben die Pats auf den Knien, denn dann drückt es das Knie so auf den Asphalt und durch das Metall schlägt es Funken. Das ist eine besondere Gruppe, die nicht riesig ist, aber da hatten wir in den letzten zwei Jahren eine starke Zunahme.

BT: Was wird dagegen unternommen?
Westermann: Geschwindigkeitsreduzierung, Unterfahrschutz, Rüttelstreifen, Wandtafeln, Kontrollen durch die Polizei. Die Stadt reagiert auch entsprechend auf die Unfallhäufung. Eine Streckensperrung will niemand. Sie ist auch nicht so einfach möglich, sie wäre ‚Ultima Ratio‘: Die B500 beginnt in Frankreich und geht in Richtung Württemberg. Sie hat also eine Verbindungsfunktion von Ost nach West. Das kann man nicht einfach sperren.

BT: Trotzdem passieren dort oben oft Unfälle. Manchmal sterben auch Menschen.
Westermann: Es sind ja nicht nur die Opfer, die tödlich verunglücken. Auch die Schwerverletzten: Es kann ja sein, dass die zeitlebens Probleme haben. Nach einem tödlichen Unfall bin ich mal selbst hochgefahren. Da waren zufällig Angehörige, die ein Wegkreuz errichtet haben. Das waren also schon viel mehr Opfer als der, der tatsächlich tödlich verunglückt ist. Ich habe mal in einer Fachzeitschrift gelesen, dass ein Unfallopfer mindestens fünf weitere Opfer aus seinem eigenen Umfeld bringt. Das ist das Schlimme: Was ist mit den Hinterbliebenen? Da fehlt der Sohn, der Bruder, der Ernährer der Familie.

„Die Masse der Motorradfahrer ist vernünftig“

BT: Ein emotionales Thema, dem Sie sich durch Ihren Job aber nicht entziehen können. Was geht in Ihnen vor, wenn Sie an der Tür eines Angehörigen stehen und erklären müssen, dass die Person tödlich verunglückt ist – und gleichzeitig wissen, dass Sie als Polizist immer wieder mit Maßnahmen darauf aufmerksam machen, damit so etwas eben nicht mehr passieren muss?
Westermann: Wir versuchen hier in Deutschland, den Verkehr sicherer zu machen. Es gibt auch diese Version Zero, bei der es um den Versuch geht, diese tödlichen Unfälle auf Null zu reduzieren. Genau das braucht man glaube ich auch: eine Vision. Die ganz schweren Unfälle gehen ja über die letzten Jahre in der Statistik auch ganz deutlich zurück. In den 70er Jahren hatten wir 17.000 Verkehrstote in Westdeutschland. Jetzt haben wir, Deutschland Ost und West, zwischen 3.000 und 4.000. Das wird sich weiterentwickeln, und das ist meine große Hoffnung, die ich auch nicht aufgebe. Die Masse der Motorradfahrer ist vernünftig, aber es gibt immer wieder Schicksale. Wenn ich jemandem die Todesnachricht überbringe, kann ich das nicht ausblenden. In diesem Moment ist kein Frust da, weil trotz Maßnahmen jemand tödlich verunglückt ist. Da geht es ganz allein um die Familie.

BT: Um die tödlich Verunglückten geht es auch bei dem Projekt „Schweigekilometer“ von Tobias Gaiser. Er will auf der B500 eine Strecke einrichten, innerhalb derer man vom Gas gehen und der Unfallopfern gedenken soll. Medial hat die Idee schon für großes Aufsehen gesorgt. Wieso versprechen Sie sich davon Erfolg?
Westermann: Das wäre für mich das Sahnehäubchen der Prävention. Etwas, das die Polizei nicht machen kann, aber was jetzt als tolle Idee vorliegt. Ich glaube, das kann funktionieren, weil der „Schweigekilometer“ auf die Solidarität der Biker setzt – ohne diesen erhobenen Zeigefinger, den wir als Mahnende der Überwachung natürlich immer wieder zeigen müssen. Wenn es uns gelingt, dass Motorradfahrer auf dieser Strecke bewusst fahren und auch an die Opfer denken, vielleicht auch noch hinterher – dann haben wir etwas ganz Tolles erreicht.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Sarah Gallenberger

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Erstellt:
20. April 2022, 06:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 33sec

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