Ein „Z“ in ukrainisches Auto geritzt

Baden-Baden (BNN) – Vor knapp zwei Monaten floh Alina K. vor den russischen Angriffen aus der Ukraine nach Baden-Baden. Dort haben jetzt Unbekannte ein „Z“ in ihr Auto geritzt.

Alina K. ist schockiert. Vor einigen Tagen entdeckte die Ukrainerin das pro-russische Symbol „Z“ auf der Motorhaube ihres Autos. Unbekannte haben es in den Lack geritzt. Foto: Karoline Scharfe/BNN

Alina K. ist schockiert. Vor einigen Tagen entdeckte die Ukrainerin das pro-russische Symbol „Z“ auf der Motorhaube ihres Autos. Unbekannte haben es in den Lack geritzt. Foto: Karoline Scharfe/BNN

Die Lehrerin flüchtete Anfang März vor dem Krieg nach Baden-Baden. Nun fürchtet sie, dass ihr der Konflikt mit den Russen gefolgt ist.

Sieben Tage lang fährt Alina K. mit ihrem Auto von Kiew nach Deutschland. Die Redaktion hat ihren Namen anonymisiert, um sie zu schützen.

Die ukrainische Lehrerin ist bis zu 48 Stunden am Stück wach. Ihr elfjähriger Sohn schläft auf der Rückbank. „Es war schwer. An der Grenze musste ich lange stehen“, sagt sie. In Baden-Baden hat sie eine Freundin, zu ihr flieht sie mit dem Sohn.

Mutter flüchtet mit jüngstem Sohn nach Baden-Baden

Alina K. hat noch zwei andere Söhne. Ihr Ältester kommt später mit seiner Familie in die Kurstadt nach. Nur der Mittlere bleibt in der Ukraine, er geht freiwillig zum Militär.

Nach ihrer Flucht zieht Alina K. mit ihrem Jüngsten in das Haus eines Baden-Badener Ehepaares ein. Das Paar stellt ihr eine Wohnung zu Verfügung.

„Das Apartment stand leer. Wir haben es nur für Verwandte und Urlaubsgäste genutzt“, sagt die Vermieterin. Seit knapp zwei Monaten wohnt die Ukrainerin dort.

Symbol für Krieg: Unbekannte haben ein „Z“ auf das Auto von Alina K. geritzt. Den Buchstaben nutzen pro-russische Anhänger als Zeichen ihrer Unterstützung. Foto: Karoline Scharfe/BNN

Symbol für Krieg: Unbekannte haben ein „Z“ auf das Auto von Alina K. geritzt. Den Buchstaben nutzen pro-russische Anhänger als Zeichen ihrer Unterstützung. Foto: Karoline Scharfe/BNN

Das „Z“ auf ihrem Auto bemerkt Alina K. am vergangenen Freitag. Das Fahrzeug hat ein ukrainisches Kennzeichen. Sofort zeigt die Lehrerin den Kratzer ihren Vermietern. Alle drei reagieren entsetzt. Alina K. fühle sich durch das Symbol angegriffen und bedroht, sagt sie. „Es geht nicht um den materiellen Schaden“, sagt auch die Vermieterin.

Der Grund: Den Buchstaben „Z“ nutzt die russische Regierung als Zeichen für den Angriffskrieg in der Ukraine. Er steht für „za pobedu“, was mit „Für den Sieg“ übersetzt wird.

Deshalb malt das russische Militär häufig ein weißes Z auf seine Panzer. Befürworter von Putins Kriegspolitik verwenden es zudem als Erkennungszeichen. In Deutschland tauchte es etwa auf Wänden oder Schildern auf.

Polizei: Noch ein weiterer Schaden

Das Auto von Alina K. zerkratzen die Täter mit einem scharfen Gegenstand auf der Beifahrerseite. „Sie haben vermutlich einen Schlüssel oder ein Messer benutzt“, sagt die Ukrainerin.

Sie vermutet, dass es schon am 5. Mai passiert ist. An diesem Tag parkte sie den Wagen etwa drei Stunden im Stadtteil Cité. Sie wollte den Motor bei einem Autoservice reparieren lassen.

„Das ist nicht normal“, sagt sie. Die Lehrerin kenne auch eine andere ukrainische Frau, deren Auto ebenfalls zerkratzt wurden.

In Baden-Baden sei bislang nur ein Schaden an einem ukrainischen Fahrzeug angezeigt worden, sagt Yannik Hilger, Sprecher des Polizeipräsidiums Offenburg. Unbekannte zerkratzten die Fahrerseite. Ein Z-Symbol hinterließen sie nicht. Allerdings klebten sie laut Hilger einen Zettel mit einer „die Ukraine verunglimpfenden Aufschrift“ an den Wagen.

In einem anderen Fall malten unbekannte Personen am 18. März ein „Z“ auf die verstaubte Heckscheibe eines Autos. Der Eigentümer sei jedoch ein deutscher Staatsbürger, sagt Hilger. Generell gehe die Polizei nicht davon aus, dass für ukrainische Flüchtlinge ein erhöhtes Risiko bestehe.

Das Zeigen des „Z“-Symbols ist strafbar

Das Landeskriminalamt Baden-Württemberg (LKA) registrierte indessen 44 Fälle, bei denen das Z-Symbol eine Rolle spielte. „Die Zahl der Vorfälle nahm in den vergangenen drei Wochen nicht signifikant zu“, sagt Sprecher David Fritsch.

Wer das Symbol öffentlich verwendet und verbreitet, verstößt laut LKA gegen den Paragrafen 140 des Strafgesetzes. Der Paragraf regelt, dass das Belohnen und Billigen von Straftaten ebenfalls strafbar ist.

Das bedeutet, dass die Unterstützung des russischen Angriffskriegs in der Ukraine auch als Straftat bewertet wird – zumindest, was das Symbol betrifft, Versammlungen sind erlaubt.

Demonstranten dürften das Z-Symbol nicht öffentlich zeigen, sagt Fritsch. Im Falle von Sachbeschädigungen müsse nachgewiesen werden, dass es sich um das pro-russische „Z“ handele.

Das LKA stelle weiterhin fest, dass vermehrt pro-russische Versammlungen stattfinden. Bei Kriegsausbruch habe es mehr Aktionen für die Ukraine gegeben.

Dass sich der Konflikt zwischen Russen und Ukrainern verschärfe, beobachte das Amt nicht. Es sehe auch kein erhöhtes Risiko für Flüchtlinge. Straftaten, die sich gezielt gegen Ukrainer richten, seien dem LKA nicht bekannt.

Den Schaden an ihrem Auto will Alina K. nun bei der Baden-Badener Polizei anzeigen. Allerdings ist sie verunsichert. Sie fürchtet, dass sich die Anfeindungen auch gegen ihre Kinder richten könnten. Das will sie auf keinen Fall.

Kommentar: Anonyme Kriegserklärung

Von Karoline Scharfe

Baden-Baden ist eine weltoffene Stadt. Menschen verschiedenster Kulturen wohnen in der Bäderstadt zusammen. Darunter sind auch viele Russen und Ukrainer. Putins Angriffskrieg beeinflusst schon seit Monaten das Zusammenleben in der Stadt.

Immer häufiger taucht dabei das pro-russische „Z“-Symbol auf. Es ist jedoch kein Protest und keine Meinung, sondern gehört zu Putins Propaganda. Es ist eine offene Kriegserklärung. Solche Anfeindungen darf es in Baden-Baden nicht geben.

Die Propaganda von Putins-Regime ist längst in der Kurstadt angekommen. Während viele Russen zu Kriegsbeginn fürchteten, dass Einheimische sie als Feinde abstempeln und ausgrenzen, spricht sich eine Gruppe pro-russischer Anhänger mittlerweile ganz offen für den Krieg aus.

Auf Versammlungen etwa in Stuttgart und Pforzheim folgen nun auch gezielte Anfeindungen gegen ukrainische Flüchtlinge. Dazu zählt auch das eingeritzte „Z“ auf dem Auto einer geflüchteten Lehrerin in Baden-Baden. Es ist eine anonyme Kriegserklärung. Die Täter sprechen eine Drohung aus. Sie lautet: „Wir wollen euch hier nicht haben.“

Gleichzeitig legitimieren die Unbekannten mit dem Zeichen die russische Invasion und die Kriegsverbrechen in der Ukraine. Deshalb bewertet es das Landeskriminalamt Baden-Württemberg als Belohnung und Billigung einer Straftat. Demonstranten dürfen es nicht zeigen.

Den Worten müssen Taten folgen. Es ist äußerst wichtig, dass zuständige Behörden solche Fälle ernst nehmen und nicht wegschauen. Anfeindungen gegen Ukrainer dürfen in Baden-Baden nicht toleriert werden. Die Flüchtlinge müssen sicher sein.

In eigener Sache

Das Badische Tagblatt und die Badischen Neuesten Nachrichten bündeln ihre journalistischen Kräfte und erweitern damit das umfangreiche Leseangebot in Mittelbaden. Noch arbeiten die beiden Redaktionen getrennt, tauschen jedoch schon gegenseitig Inhalte aus. Davon sollen vor allem die Leser profitieren – durch mehr Hintergründe, Reportagen und mehr Service. Deshalb werden auf badisches-tagblatt.de auch Artikel von BNN-Redaktionsmitgliedern veröffentlicht.

Ihr Autor

BNN-Volontärin Karoline Scharfe

Zum Artikel

Erstellt:
13. Mai 2022, 08:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 02sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.